
Aktuelles Akademie-Filmpreis für Menschenrechtsdoku
PressestelleIn den USA ist die Netflix-Dokumentation „UnBroken“ von Autorin und Regisseurin Beth Lane längst ein Erfolg. Mehr als 1,5 Millionen Mal wurde sie bereits gestreamt. Auf dem Human-Rights-Filmfestival „Lichtbrücke“ in Dachau am 17. Juli hatte sie ihre Deutschlandpremiere. Die Evangelische Akademie Tutzing zeichnete den Beitrag mit einem erstmals vergebenen Filmpreis aus.
Die Geschichte findet – wie durch ein Wunder – ein glückliches Ende. Die Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich in dem von Michael Modlinger und Jakob Gatzka ausgerichteten Human-Rights-Filmfestival „Lichtbrücke“ zur Deutschlandpremiere der Netflix-Dokumentation „UnBroken“ im Ludwig-Thoma-Haus einfinden, wissen um das Happy End. So gibt es nicht nur sichtbare Betroffenheit, sondern es wird auch viel gelacht. Beth Lane, Schauspielerin, Autorin und Regisseurin aus Los Angeles, hat sich für ihren Film auf Spurensuche in Deutschland begeben. Ihre Mutter, Ginger Lane, war das jüngste von sieben Geschwistern, die im Frühjahr 1946 im Kloster Indersdorf auf die Ausreise in die USA warteten.
Was zuvor geschah: Ginger, die ursprünglich Bela hieß, ihr Bruder Alfons und ihre Schwestern Judith, Renée, Gertrud, Ruth und Senta lebten mit ihren Eltern Pauline und Alexander Weber in Berlin. Pauline, geborene Banda, war die Tochter eines jüdischen Kantors in Ungarn, Alexander der Sohn einer Schirmmacherfamilie aus Paderborn. Aus Liebe zu seiner Frau trat er zum jüdischen Glauben über. Seine Familie wollte danach nichts mehr ihm zu tun haben. 1943 wurde Pauline Weber von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie Anfang Dezember 1943 starb. Der Vater und die sieben Kinder blieben zurück, in ständiger Furch, ebenfalls deportiert zu werden. In dieser Situation wurden die Gemüsebauern Arthur und Paula Schmidt aus Worin bei Berlin zu Rettern in der Not. Sie nahmen die Geschwister bei sich auf und versteckten sie bis zum Kriegsende.
„Ein herausragender Beitrag zur Erinnerungskultur“
Als die Sowjetarmee vorrückte, holte Alexander Weber seine Kinder nach Berlin. Eine jüdische Hilfsorganisation hatte angeboten, die Kinder bei Pflegefamilien in den USA unterzubringen. Aber dieser Weg stand nur Waisenkindern offen. Man kann nur ahnen, was es Alexander Weber an Überwindung kostete, sich als Vater verleugnen zu lassen. Auf einigen Umwegen landeten die Geschwister im April 1946 im Kloster Indersdorf, wo die UNRRA ein Lager für so genannte DPs, Displaced Persons betrieb. Am 10. April 1946 bestiegen sie in Bremerhaven den US-Truppentransporter Marine Flasher, um zehn Tage später in New York endlich in Sicherheit und in Freiheit zu sein.
Als Partner des Festivals verlieh die Evangelische Akademie Tutzing Beth Lane den erstmals vergebenen „Lichtbrücke-Preis für Menschenrechte im Film“. Nach den Worten von Akademiedirektor Udo Hahn beleuchtet „UnBroken“ das Schicksal der sieben jüdischen Weber-Geschwister während der Diktatur des Nationalsozialismus. Der Film erzähle, wie die Kinder untertauchten, durch mutige Helfer überlebten und nach Kriegsende im Kloster Indersdorf bei Dachau auf die Auswanderung in die USA warteten. Als Holocaust-Überlebende der zweiten Generation sei der Autorin und Regisseurin Beth Lane ein „bewegender Film“ gelungen, der „von Zivilcourage, Widerstandskraft und Hoffnung“ erzähle. „UnBroken“ sei „ein herausragender Beitrag zur Erinnerungskultur. Eine Mahnung und ein Aufruf, Verantwortung zu übernehmen, dass Hass, Rassismus und Antisemitismus in der Gesellschaft keinen Platz haben dürfen. Und eine Verpflichtung, die Würde aller Menschen zu schützen“, Hahn.
Das Engagement für Menschenrechte, gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus verbinden die Evangelische Akademie Tutzing und das „Lichtbrücke“-Festival. „Deshalb unterstützen wir das Festival“, so der Akademiedirektor. Er habe nicht lange überlegen müssen, als die beiden Organisatoren Michael Modlinger und Jakob Gatzka anfragten. Die zweite Ausgabe des Festivals findet 16. bis 19. Juli 2026 im Ludwig-Thoma-Haus in Dachau statt.
„Erinnerung ist nichts Abgeschlossenes, sondern verlangt täglich die Entscheidung, hinzusehen, zu widersprechen.“
Das Festival, das unter der Schirmherrschaft der Schauspielerin Iris Berben stand, zeichnet sich nach Hahns Worten dadurch aus, dass es Benachteiligten, Bedrohten und Verfolgten ein Forum bietet. Mehr denn je sei es notwendig, sich für Menschenwürde und Menschenrechte einzusetzen. Darüber hinaus stifte es Mut und Zuversicht, sich unter den Bedingungen und in den Verhältnissen dieser Welt für eine menschenwürdige, freie, gerechte und solidarische Ordnung einzusetzen. Die dreißig auf dem Festival gezeigten internationalen Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilme zu Menschenrechten, Demokratie, Erinnerung und Engagement zeigten, wie gefährdet Freiheit, Vielfalt und Zusammenhalt sind.
Schon mit der Eröffnung erlebten die Besucherinnen und Besucher einen Höhepunkt: die Grußbotschaft von Iris Berben. Eine herausragende Rede, wie Udo Hahn fand, die seiner Meinung nach in die Verfassungsviertelstunde in den bayerischen Schulen gehöre.
Berbens Rede ist ein einziger Appell, Verantwortung zu übernehmen. Ein Besuch 1968 in Israel habe ihr die Augen geöffnet. In ihrer Schulzeit seien die Diktatur des Nationalsozialismus und der Holocaust nicht vorgekommen. „Gegenwart und Zukunft kann aber nur gestalten, wer auch die Vergangenheit kennt“, lautet eine ihrer Schlussfolgerungen.
Iris Berben engagiert sich seit Jahrzehnte für Menschenrechte, gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. In Deutschland, so die Schauspielerin, gebe es bereits mehrere Menschrechtsfilmfestivals – aber noch nicht in Dachau. Dies habe sie überzeugt, die Einladung zur Schirmherrschaft anzunehmen. Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 entstand hier bereits nach wenigen Wochen, am 22. März 1933, das zweite Konzentrationslager in Deutschland. Es ist ein Ort, „der uns mahnt, Verantwortung zu übernehmen“, so Berben. Erinnerung sei nichts Abgeschlossenes, sondern verlange täglich die Entscheidung, hinzusehen, zu widersprechen.
Als Iris Berben davon spricht, dass ihr die Entwicklung in Deutschland Sorge und Angst bereitet, spüren die Menschen buchstäblich den Schmerz der Rednerin. Wie ist das möglich, dass jüdisches Leben in Deutschland in Frage gestellt wird? Antisemitismus, so Berben, sei nicht ein Problem der jüdischen Gemeinschaft allein, sondern der gesamten Gesellschaft. Wo der Judenhass wächst, ist die Menschenwürde aller gefährdet. Umso wichtiger seien Filme. Sie geben Menschen ein Gesicht. Sie schaffen Begegnungen, Empathie. Kunst und Kultur seien deshalb kein Luxus, sondern das Fundament einer offenen Gesellschaft.
Weitere Hinweise zum Festival unter www.lichtbruecke-dachau.de.
Die Akademie dankt vrk – Versicherer im Raum der Kirchen als Sponsor des mit 1.000 Euro dotierten Preises.
Bild: v.l.n.r. Beth Lane, Udo Hahn, Iris Berben


