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	<title>Himmel &amp; Erde Archive - Evangelische Akademie Tutzing</title>
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	<title>Himmel &amp; Erde Archive - Evangelische Akademie Tutzing</title>
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		<title>Zivilcourage ist das Gebot der Stunde</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 09 Feb 2024 12:50:06 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Debattenkultur in Deutschland hat sich massiv verändert. Akademiedirektor Udo Hahn spricht in seinem Gastkommentar für die Bayern 2-Sendung "Zum Sonntag" von Grenzüberschreitungen, die absichtlich und subtil geschehen – und die sich einer "Sprache der Verharmlosung" bedienen. In Zeiten wie diesen brauche es eine Brandmauer, die für Demokratie und Werte eintritt. Eine Brandmauer, die couragiertes Verhalten eines jeden Menschen im Alltag erforderlich macht. Lesen Sie hier den vollständigen Kommentar.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/zivilcourage-ist-das-gebot-der-stunde-2/">Zivilcourage ist das Gebot der Stunde</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zum-sonntag/index.html" target="_blank" rel="noopener"><strong>Sendetermin: Samstag, 10. Februar 2024 um 17.55 Uhr auf Radio Bayern 2</strong></a></p>
<p style="font-weight: 400;">Mut – das war über Jahrhunderte eine Tugend, die ausschließlich bei militärischen Kampfhandlungen, in der Situation des Krieges ein Thema war. Dass es Mut auch im Alltag braucht, hat in Deutschland Reichskanzler Otto von Bismarck erstmals zum Thema gemacht. 1864 stellte er die Zivilcourage – wörtlich übersetzt: den Bürgermut – dem militärischen Mut gegenüber. Er beklagte damals, dass ein Verwandter ihn im Preußischen Landtag nicht unterstützt habe. Bismarck kritisierte: Was auf dem Schlachtfeld normal sei, fehle im Alltag: die Zivilcourage.</p>
<p style="font-weight: 400;">Zivilcourage ist das Gebot der Stunde. Das ist in diesen Tagen und Wochen der Tenor auf allen Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und ein Erstarken der AfD.</p>
<p style="font-weight: 400;">Zivilcourage als Mut der Bürgerinnen und Bürger, Verantwortung zu übernehmen. So wird im Französischen die courage civil seit Beginn des 19. Jahrhunderts als „Bürgertugend“ beschrieben. Gemeint ist der Mut des Einzelnen zum eigenständigen Urteil. In der englischen Sprache wird Zivilcourage übrigens mit moral courage übersetzt. Das lenkt den Blick auf das, worum es ganz entscheidend geht: um Moral, Werte und Regeln, um Verhaltensnormen und Gebote, die das Miteinander bestimmen.</p>
<p style="font-weight: 400;">Sprach- und politikwissenschaftliche Analysen weisen schon lange auf Veränderungen auch in Deutschland hin. Dass es im Streit mal heftig werden kann, wenn Positionen schier unversöhnlich aufeinander prallen – das ist nichts Ungewöhnliches. Aber seit die AfD in den Parlamenten vertreten ist, hat sich die Debattenkultur in hierzulande massiv verändert. Rechtsextremes Gedankengut, gezielte Provokationen und Lügen treten in einem Maße zu Tage, dass dies  nicht mehr als üblich bezeichnet werden kann.</p>
<p style="font-weight: 400;">Hinzu kommt: Die Grenzüberschreitungen sind kein Zufall. Sie geschehen nicht unbedacht, sondern absichtlich. Und subtil. Das ist die vielleicht schlimmste Form. Sie bedient sich einer Sprache der Verharmlosung. Bestes Beispiel: von Remigration zu sprechen, wo es doch um Deportation geht, um die willkürliche Ausweisung von Menschen mit Migrationshintergrund, selbst wenn diese einen deutschen Pass haben.</p>
<p style="font-weight: 400;">Deportationsphantasien sind aktuell der Auslöser, der viele Menschen auf die Straßen treibt. Im rechtsextremen Gedankengut sind sie seit langem fest verwurzelt. Aber der Geheimplan hochrangiger AfD-Politiker, Neonazis und Unternehmer bei einem Treffen im November in einem Hotel bei Potsdam, hat jetzt vielen die Augen geöffnet. Denn mehr als jeder Vierte bei uns wäre davon betroffen und würde vertrieben.</p>
<p style="font-weight: 400;">Die Werte, die rechtsextremes Denken bestimmen, haben mit den Werten unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nichts zu tun. Sie widersprechen Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Heißt im Klartext: Jedes Leben ist unantastbar. Niemand steht über dem Gesetz und darf sich herausnehmen, über den Wert menschlichen Lebens zu entscheiden.</p>
<p style="font-weight: 400;">Neben der Menschenwürde widerspricht rechtsextremes Gedankengut allen Werten, die dem Grundgesetz heilig und allen heilig sein müssten: Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Sicherheit.</p>
<p style="font-weight: 400;">Die Zivilgesellschaft in Deutschland zeigt Zivilcourage, wenn sie sichtbar für Demokratie und Werte eintritt. Ob diese Brandmauer hält? Dazu braucht es das couragierte Verhalten eines jeden Einzelnen auch im Alltag. Dort, wo es mit einem Widerspruch schnell ungemütlich werden kann: beim Kaffee-Plausch, unter Kolleginnen und Kollegen, im Verein, auf einer Party, im Hörsaal. Wie gut, dass es viele Initiativen gibt, die Trainings anbieten, in denen man lernen kann, sich zu wehren. Denn Wegschauen ist die schlechteste Option. Sonst werden aus unmenschlichen Plänen unmenschliche Taten.</p>
<p><em>Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.</em></p>

<p><strong>Hinweis:</strong></p>
<p>Vorliegender Text ist als Gastkommentar für die Sendung &#8222;Zum Sonntag&#8220; von Radio Bayern 2 erschienen.</p>
<p>Sendetermin: 10. Februar 2024 / 17.55 Uhr. <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zum-sonntag/index.html" target="_blank" rel="noopener">Unter diesem Link können Sie die Sendung nachhören</a>.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/zivilcourage-ist-das-gebot-der-stunde-2/">Zivilcourage ist das Gebot der Stunde</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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		<title>Rechtsextremes Gedankengut ist mit dem Glauben unvereinbar</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Oct 2023 04:51:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>14,6 Prozent für die AfD – die Landtagswahlen in Bayern und Hessen zeigen: Die Mitte der Gesellschaft rückt nach rechts. Kann es auch in den Kirchen zu einem Rechtsruck kommen? "Schon möglich", meint Akademiedirektor Udo Hahn in seinem Gastkommentar für die Bayern 2-Sendung "Zum Sonntag".</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/rechtsextremes-gedankengut-ist-mit-dem-glauben-unvereinbar-2/">Rechtsextremes Gedankengut ist mit dem Glauben unvereinbar</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Sendetermin: Samstag, 21. Oktober 2023 um 17.55 Uhr auf Radio Bayern 2</strong></p>
<p>14,6 – eine Zahl, die mir gerade viel Kopfzerbrechen bereitet – mir und wohl auch vielen anderen Christen in Deutschland. 14,6 Prozent der Stimmen hat die AfD bei den Landtagswahlen in Bayern geholt. Sie ist jetzt drittstärkste Kraft im Freistaat. Die Mitte der Gesellschaft rutscht nach rechts. Was aber heißt das eigentlich für die Kirchen?</p>
<p>Christian Kopp, der künftige bayerische Landesbischof, hat schon auf einer Kundgebung im März 2020 klar gemacht: &#8222;Wer auf Grund- und Menschenrechte pfeift, wer den Respekt und die Wertschätzung vor jedem Leben in Frage stellt, darf nicht gewählt werden in einer Demokratie.&#8220; Mit entschiedenen Worten hatte er als Münchner Regionalbischof dazu aufgerufen, die AfD nicht zu unterstützen.</p>
<p>So positioniert sich aktuell auch die katholische Kirche. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erklärte vor wenigen Wochen, Menschen müssten gegen die AfD aufstehen. Ein Zeichen für ein demokratisches, europäisches und weltoffenes Deutschland sei nötig.</p>
<p>Im nächsten Jahr stehen in den evangelischen Gemeinden Kirchenvorstandswahlen an – und im Weiteren dann die Wahlen zu den Landessynoden sowie zur Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Kommt dann auch in den Kirchen ein Rechtsruck? Schon möglich. Diese Gefahr dürfte den Oldenburger Bischof Thomas Adomeit bewogen haben, bereits jetzt zu warnen: dass Menschen mit einer extremistischen Haltung nicht in die Kirchenvorstände gewählt werden dürfen. Und Bischof Bätzing hält fest: Eine Mitgliedschaft in der AfD ist unvereinbar mit einem kirchlichen Amt. Die Kirchen sind sich da einig.</p>
<p>Um es deutlich zu sagen: Rechtsextremismus leugnet und verletzt alle wesentlichen Grundsätze, die das Christentum ausmachen: die Gleichheit aller Menschen als Geschöpfe Gottes, ihre Gottebenbildlichkeit, die biblische Ethik der Einfühlung gegenüber Bedürftigen und vieles mehr. Rechtsextremes Gedankengut ist mit dem Glauben unvereinbar.</p>
<p>Die Inanspruchnahme der christlichen Religion durch Rechtspopulisten ist indes diffus. Sie ist im Kern nicht religiöser, sondern politischer Art, wenn es etwa um die Einheit der Nation, die Gemeinschaft des Volkes oder die Beschwörung eigener kultureller Größe geht. Religion bleibt ein inhaltsleerer Identitätsbegriff. Es geht gar nicht um Frömmigkeit – und schon gar nicht um Verantwortung aus einem an der Bibel orientierten Glauben. Vor diesem Hintergrund muss man klar sagen: Ein Christentum, das der nationalen Identitätsstabilisierung dienen soll, wird missbraucht. Es wird seiner universalen, Länder, Völker und Nationen überschreitenden Perspektive beraubt.</p>
<p>Hier zumindest ist die rote Linie eindeutig. Und die Kirchen tun gut daran, sie zu ziehen. Der christliche Glaube macht eben nicht automatisch immun gegenüber rechtsradikalen Botschaften. Beispiele in der Geschichte gibt es genug. Der Glaube kann eine Ressource der Widerstandskraft gegenüber intoleranten, abgrenzenden Haltungen darstellen. Aber wo er mit religiösen Absolutheitsansprüchen anderen Religionen gegenüber verbunden ist, kann dies auch zu intoleranten Haltungen führen.</p>
<p>Dass es nicht so weit kommt, dazu müssen die Kirchen einen Beitrag leisten. Schließlich sind ihre Mitglieder auch Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Und tragen so Verantwortung für unser Gemeinwesen. Übrigens: Die klare Abgrenzung der Kirchen spielt Rechtsradikalen durchaus in die Hände, die sich – so ihre Masche – dann wieder einmal als Opfer einer angeblich unfreien Gesellschaft stilisieren können. Dies darf die Kirchen aber nicht daran hindern, Menschenfeindlichkeit entschieden anzuprangern und in die Auseinandersetzung zu gehen.</p>
<p><em>Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/rechtsextremes-gedankengut-ist-mit-dem-glauben-unvereinbar-2/">Rechtsextremes Gedankengut ist mit dem Glauben unvereinbar</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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		<title>17. Juni 1953 – ein Erinnerungsort in der deutschen Geschichte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Jun 2023 13:57:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vor 70 Jahren fand der Aufstand der Arbeiterinnen und Arbeiter in der DDR statt. Es kam zu Protesten und Streiks, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Die Aufarbeitung der Ereignisse ist lange noch nicht abgeschlossen – und wäre doch so nötig. "Es ist an der Zeit, den 17. Juni als einen wichtigen Teil deutscher und europäischer Demokratie- und Widerstandsgeschichte zu begreifen und an die Opfer zu erinnern.", meint Akademiedirektor Udo Hahn in seinem Gastkommentar für die Bayern 2-Sendung "Zum Sonntag".</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/17-juni-1953-ein-erinnerungsort-in-der-deutschen-geschichte-2/">17. Juni 1953 – ein Erinnerungsort in der deutschen Geschichte</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Vor 70 Jahren fand der Aufstand der Arbeiterinnen und Arbeiter in der DDR statt. Es kam zu Protesten und Streiks, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Die Aufarbeitung der Ereignisse ist lange noch nicht abgeschlossen – und wäre doch so nötig. &#8222;Es ist an der Zeit, den 17. Juni als einen wichtigen Teil deutscher und europäischer Demokratie- und Widerstandsgeschichte zu begreifen und an die Opfer zu erinnern.&#8220;, meint Akademiedirektor Udo Hahn in seinem Gastkommentar für die Bayern 2-Sendung &#8222;Zum Sonntag&#8220;.</strong></p>
<p><strong>Sendetermin: Samstag, 17. Juni 2023 um 17.55 Uhr auf Radio Bayern 2</strong></p>

<p><em>Von Udo Hahn</em></p>

<p>Der Wunsch nach Selbstbestimmung und Freiheit hat Menschen schon immer motiviert, gegen Einschüchterung und Unterdrückung aufzubegehren. Das verhalf der demokratischen Revolution 1848 in Berlin zum Erfolg. 175 Jahre liegt das zurück. Neben der März-Revolution wird heuer auch der Deutschen Nationalversammlung gedacht, die nur wenig später – am 18. Mai 1848 – erstmals in der Frankfurter Paulskirche zusammengetreten ist, um eine freiheitliche Verfassung für ganz Deutschland zu erarbeiten. Die Entwicklung seither ist nicht geradlinig verlaufen, sondern von dramatischen Rückschlägen geprägt: von der Diktatur des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 und der Diktatur der DDR zwischen 1949 und 1989.</p>
<p>Heute ist es genau 70 Jahre her, dass sowjetische Panzer den Aufstand vom 17. Juni 1953 gewaltsam beendeten. Rund um diesen Tag protestierten gut eine Million Menschen in der DDR. In zahlreichen Städten und Betrieben wurde gestreikt, um gegen wirtschaftliche, soziale und politische Missstände zu demonstrieren. Der Volksaufstand oder Arbeiteraufstand, wie er auch genannt wird, breitete sich rasch aus. Gefordert wurden der Rücktritt der Regierung und freie Wahlen. Auch der Ruf nach der deutschen Einheit wurde laut. Mindestens 55 Menschen kamen dabei ums Leben oder wurden von der DDR-Justiz zum Tode verurteilt. Mehr als 15.000 Bürgerinnen und Bürger waren inhaftiert und Tausende zum Teil zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. In der Folge baute die DDR ihr System der Unterdrückung in allen Bereichen der Gesellschaft massiv aus, damit sich ein solcher Aufstand nicht mehr wiederholt.</p>
<p>In der jungen Bundesrepublik wurde der 17. Juni ab 1954 als &#8222;Tag der deutschen Einheit&#8220; und &#8222;Symbol der deutschen Einheit in Freiheit&#8220; zum ersten Staatsfeiertag gemacht. In der DRR war es der Propaganda gelungen, den Volksaufstand zum &#8222;faschistischen Putschversuch&#8220; umzudeuten. Mit der Vereinigung Deutschlands 1990 und der Festlegung, dass nun der 3. Oktober als &#8222;Tag der Deutschen Einheit&#8220; begangen wird, ist die Erinnerung an den 17. Juni weiter in den Hintergrund getreten. Sie war schon zuvor in der Bundesrepublik verblasst. Die Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung hatte sich mit der deutschen Teilung längst abgefunden, die Zweistaatlichkeit schien unveränderlich. Auf öffentliche Gedenkfeiern war verzichtet worden. Übrig blieb: ein arbeitsfreier Tag im Frühsommer.</p>
<p>Es ist an der Zeit, den 17. Juni als einen wichtigen Teil deutscher und europäischer Demokratie- und Widerstandsgeschichte zu begreifen und an die Opfer zu erinnern. Über Jahrzehnte wurden ihre Namen totgeschwiegen. Die Aufarbeitung der Ereignisse ist noch lange nicht abgeschlossen. Vieles ist noch unerforscht. Dies gilt für die Vorgeschichte, aber auch, was die Ereignisse des 17. Juni in den ländlichen Regionen bewirkten, nicht nur in den Städten. Welche Rolle Frauen spielten und &#8222;normale&#8220; Demonstrierende sowie Unbeteiligte, aber auch die Kirchen.</p>
<p>Licht ins Dunkel bringen könnten Projekte an Schulen, in denen Schülerinnen und Schüler sich auf Spurensuche begeben. Und beispielsweise ältere Familienmitglieder befragen, was genau und wie sie die Ereignisse damals und ihre Folgen erlebten. So könnte eine Lücke in der Zeitgeschichtsforschung endlich geschlossen werden.</p>
<p>Dabei würden auch neue Vorbilder entdeckt. Menschen, die Haltung zeigten und Zivilcourage an den Tag legten, indem sie gegen Einschüchterung und Unterdrückung aufbegehrten. Das Wiederaufleben autokratischer und autoritärer Regime weltweit sowie wachsender Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus zeigen, dass Freiheit und Selbstbestimmung nicht selbstverständlich sind. Deshalb ist die Erinnerung an den 17. Juni 1953 auch heute noch wichtig.</p>
<p><em>Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.</em></p>

<p><strong>Hinweis:<br />
</strong>Vorliegender Text ist als Gastkommentar für die Sendung “Zum Sonntag” von Radio Bayern 2 erschienen.<br />
Sendetermin: 17. Juni 2023 / 17.55 Uhr. Unter diesem Link können Sie <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zum-sonntag/zum-sonntag-udo-hahn-128.html" target="_blank" rel="noopener"><strong>die</strong><strong> Sendung nachhören.</strong></a></p>

<p><strong>Bild:</strong> Pfr. UdoHahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing <em>(Foto: Haist/eat archiv)</em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/17-juni-1953-ein-erinnerungsort-in-der-deutschen-geschichte-2/">17. Juni 1953 – ein Erinnerungsort in der deutschen Geschichte</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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		<title>Demokratie fällt nicht vom Himmel</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Mar 2023 06:57:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Blog-Beitrag]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sollte man einen Gedenktag zu Ehren von Freiheit und Demokratie einführen, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seit langem favorisiert?  Um diese Frage – und um den Zustand der Demokratie geht es im Gastkommentar von Akademiedirektor Udo Hahn für die Bayern 2-Sendung “Zum Sonntag”.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/demokratie-faellt-nicht-vom-himmel/">Demokratie fällt nicht vom Himmel</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Sendetermin: Samstag, 18. März 2023 um 17.55 Uhr auf Radio Bayern 2</strong></p>

<p>Ist die Demokratie in der Krise? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht einfach. Tatsächlich lassen sich seit Jahren Entwicklungen beobachten, die die Demokratie nicht nur herausfordern, sondern auch bedrohen können. So verlieren zum Beispiel nationale, gewählte Parlamente und Regierungen durch Globalisierung von Politik und Wirtschaft an Einfluss. Weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland ist unzufrieden damit, wie die Demokratie bei uns funktioniert. Populistische Kräfte, die undemokratische Positionen vertreten, finden Zustimmung.</p>
<p>Aber es gibt auch Entwicklungen, die hoffnungsvoll stimmen. Den meisten Menschen ist es wichtig, in einer Demokratie zu leben. Vor allem die junge Generation nutzt verstärkt weitere demokratische Mittel als nur Wahlen, um sich politisch zu beteiligen.</p>
<p>Betrachtet man durch sogenannte Demokratie-Indizes mehrere Faktoren gleichzeitig, zeigt sich die Demokratie in Deutschland derzeit nicht gefährdet. Im internationalen Maßstab jedoch verliert die Demokratie an Boden. Erstmals seit 2004 verzeichnet der Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung mehr autokratische als demokratische Staaten. Diese Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen des &#8222;Atlas Zivilgesellschaft&#8220;, den das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt gemeinsam mit der Organisation Civicus Berlin herausgibt. Demnach beschneiden sechs von zehn Ländern die Grundrechte.</p>
<p>Vereinigungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit sind aktuell so eingeschränkt wie nie zuvor. 88 Prozent der Weltbevölkerung werden diese Rechte nicht garantiert. Sich gegen soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung oder Umweltzerstörung zu engagieren, wird in vielen Weltregionen zunehmend schwieriger. Lediglich drei Prozent der Weltbevölkerung leben dieser Studie zufolge in Staaten, in denen zivilgesellschaftliche Grundfreiheiten garantiert sind. Deutschland gehört dazu.</p>
<p>Die deutsche Demokratie ist als „wehrhafte“ Demokratie mit Gewaltenteilung und Gewaltenverschränkung angelegt, um ihre Selbstabschaffung zu verhindern. Zugleich gilt: Die Demokratie fällt nicht vom Himmel. Oder mit den Worten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: &#8222;Die Zukunft der Demokratie liegt also in unserem Einsatz für die Demokratie der Zukunft.&#8220; Der Bundespräsident plädiert schon seit Jahren für einen Gedenktag zu Ehren von Freiheit und Demokratie. Infrage käme dafür übrigens der 18. März.</p>
<p>1793 wurde in Mainz die erste Republik in Deutschland ausgerufen. 1848, vor 175 Jahren, feierte in Berlin die demokratische Revolution ihre Erfolge. Und am 18. März 1990 fand die erste freie Volkskammerwahl in der DDR statt. Auch aus europäischer Perspektive ließen sich Beispiele anführen.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund steht der 18. März für Aufbruch und Erneuerung, vor allem aber für das Ringen um Freiheit und Selbstbestimmung. Eine Entwicklung, die – wie die deutsche Geschichte zeigt – nicht geradlinig verlief. Denn absolutistisch regierende Landesherren stellten sich damals den Freiheitskämpfern mit aller Macht entgegen. Vor allem die beiden deutschen Diktaturen, die nationalsozialistische 1933-45 und die sozialistische in der DDR von 1949-89, unterdrückten alle Freiheiten, die eine Zivil- und Bürgergesellschaft auszeichnen.</p>
<p>Viele Gedenktage in Deutschland rücken die Opfer der Unterdrückung in den Mittelpunkt. Das ist sinnvoll und richtig. Die Botschaft ist klar. &#8222;Nie wieder&#8220; soll geschehen, was einst schlimmstes Leid verursachte. Sinnvoll und richtig scheint aber auch, all jene zu ehren, die für Freiheit und Demokratie kämpfen. Der 18. März wäre als Gedenktag dafür bestens geeignet.</p>

<p><em>Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.</em></p>

<p><strong>Hinweis:<br />
</strong>Vorliegender Text ist als Gastkommentar für die Sendung “Zum Sonntag” von Radio Bayern 2 erschienen.<br />
Sendetermin: 18. März 2023 / 17.55 Uhr. Unter diesem Link können Sie <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zum-sonntag/zum-sonntag-udo-hahn-122.html" target="_blank" rel="noopener"><strong>diese Ausgabe</strong> </a><a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zum-sonntag/zum-sonntag-udo-hahn-122.html" target="_blank" rel="noopener"><strong>der Sendung nachhören.</strong></a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/demokratie-faellt-nicht-vom-himmel/">Demokratie fällt nicht vom Himmel</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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		<title>Kirche muss Führung lernen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Oct 2022 08:30:39 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Sendetermin: Samstag, 08. Oktober 2022 um 17.55 Uhr auf Radio Bayern 2 Es vergeht keine Woche, in der nicht der Führungsstil von Bundeskanzler Olaf Scholz Thema wäre. „Führung bestellt, nicht geliefert“, lautet ein Vorwurf. Ein anderer: „Phrasen statt Führung“. Am Beispiel des Bundeskanzlers wird die Erwartungshaltung deutlich: Wer eine Leitungsfunktion innehat, muss führen können. In [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/kirche-muss-fuehrung-lernen/">Kirche muss Führung lernen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Sendetermin: Samstag, 08. Oktober 2022 um 17.55 Uhr auf Radio Bayern 2</strong></p>
<p>Es vergeht keine Woche, in der nicht der Führungsstil von Bundeskanzler Olaf Scholz Thema wäre. „Führung bestellt, nicht geliefert“, lautet ein Vorwurf. Ein anderer: „Phrasen statt Führung“. Am Beispiel des Bundeskanzlers wird die Erwartungshaltung deutlich: Wer eine Leitungsfunktion innehat, muss führen können.</p>
<p>In Deutschland ist das Wort „Führung“ negativ belastet. Das hat mit der Diktatur des Nationalsozialismus zu tun. Am Beispiel Adolf Hitlers sieht man, wohin Macht führt, wenn derjenige, der sie ausübt, dazu charakterlich absolut ungeeignet ist und obendrein einer menschenverachtenden Ideologie anhängt. Das Thema „Führung“ ist damit natürlich nicht erledigt, ganz im Gegenteil! In Politik und Wirtschaft wird Leadership schon lange bewusst reflektiert. In den Kirchen geschieht dies noch immer viel zu wenig. Zu diesem Ergebnis kommt Emmanuela Kohlhaas. Sie ist Priorin der Benediktinerinnengemeinschaft Köln und hat ihre Erfahrungen in einem sehr persönlichen Buch gerade vorgelegt. Es trägt den Titel „Die neue Kunst des Leitens. Wie Menschen sich entfalten können“. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie ist auch Coach und Organisationsberaterin. Schonungslos beschreibt sie das dramatische Leitungsversagen in ihrer Kirche. Einzelne haben da zu viel Macht.</p>
<p>Was viele sich nicht klar machen, auch die evangelische Kirche hat ein Führungsproblem. Das Spezifische ist hier: Angeblich hat keiner Macht – und damit leider allzu oft am Ende auch keiner die Verantwortung. Dabei wird Macht ständig ausgeübt.</p>
<p>Emmanuela Kohlhaas spricht an, was in den Kirchen nach wie vor ein Tabu ist: dass die Verführung der Macht darin besteht, die eigene Person mit einem Amt aufzuwerten – mitunter durchaus unbewusst, was der Fairness halber auch gesagt werden muss. Umso mehr braucht es die bewusste Reflexion von Leitungsaufgaben und Führungsprofilen. Ein Leitungsamt – auf welcher Ebene auch immer –, so die Priorin, sei nichts für Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl, die in so einer Funktion Identität, Bestätigung und Anerkennung suchen. Und es sei schon gar nichts für Narzissten, die auch in kirchlichen Leitungsämtern anzutreffen sind, wie Emmanuela Kohlhaas es beschreibt. Denn, so ihre Warnung an alle, die nach Macht streben: „Das Ego darf sich nicht an der Rolle mästen und aufblähen.“</p>
<p>Da stellt sich die Frage, wie es Menschen mit solch einem Persönlichkeitsprofil schaffen, sich immer wieder durchzusetzen. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass die Personen und Gremien, die Berufungen aussprechen, nicht genau genug hinschauen. Dass es bei der Leitungsverantwortung zum Beispiel um Kommunikation und nicht um Dominanz geht. Das wird in Leadership-Kursen längst gelehrt. Auch die Notwendigkeit zur inneren Distanz, das eigene Handeln – etwa mit Hilfe eines Coaches – immer wieder selbstkritisch zu hinterfragen.</p>
<p>Perfektion kann und wird es nicht geben. Was das Buch von Emmanuela Kohlhaas so wertvoll macht: dass sie ihre eigenen Schwächen und Fehler offen anspricht und was sie selbst daraus gelernt hat. Diese Offenheit zeichnet gute Führung aus.</p>
<p>Die Kirchen könnten bei dem Thema viel weiter sein, würden Leitungsverantwortliche beherzigen, was der Kirchenlehrer Augustin schon im 4. nachchristlichen Jahrhundert als Anforderungsprofil skizzierte: „Unruhestifter zurechtweisen, Kleinmütige trösten, sich der Schwachen annehmen, Gegner widerlegen, sich vor Nachstellern hüten, Ungebildete lehren, Träge wachrütteln, Händelsucher zurückhalten, Eingebildeten den rechten Platz anweisen, Streitende besänftigen, Armen helfen, Unterdrückte befreien, Gute ermutigen, Böse ertragen und – ach – alle lieben.“ Daran müssen sich Führungskräfte messen lassen – gerade in der Kirche.</p>
<p><em>Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.</em></p>

<p><strong>Hinweis:<br />
</strong>Vorliegender Text ist als Gastkommentar für die Sendung “Zum Sonntag” von Radio Bayern 2 erschienen.<br />
Sendetermin: 08. Oktober 2022 / 17.55 Uhr. Unter diesem Link geht es zur <a href="https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zum-sonntag/zum-sonntag-kirche-und-fuehrungskraft-100.html"><strong>Homepage der Sendung</strong>. </a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/kirche-muss-fuehrung-lernen/">Kirche muss Führung lernen</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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		<title>&#8222;German Angst&#8220; und Ermutigung im Jahr 2020</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Oct 2020 09:15:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es ist eine Binsenweisheit: Unser Lebensgefühl ist von Unsicherheit gekennzeichnet. Dabei gehört Angst zum Leben. Sie ist für sich genommen nützlich. Ein wichtiges Signal, das uns vor Gefahren warnt und zugleich schützt. Aber sie kann auch krank machen. Ein Beitrag von Udo Hahn</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/german-angst-und-ermutigung-im-jahr-2020/">&#8222;German Angst&#8220; und Ermutigung im Jahr 2020</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Es ist eine Binsenweisheit: Unser Lebensgefühl ist von Unsicherheit gekennzeichnet. Dabei gehört Angst zum Leben. Sie ist für sich genommen nützlich. Ein wichtiges Signal, das uns vor Gefahren warnt und zugleich schützt. Aber sie kann auch krank machen. Ein Beitrag von Udo Hahn</strong></p>
<p>Angststörungen gehören in Deutschland zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – noch vor den Depressionen. Angst geht auf das indoeuropäische Verb anĝh zurück – und bedeutet so viel wie einengen, zusam­mendrücken. Herzklopfen, Schweißausbrüche, Schwindel sind die Folgen von Angst, wenn einem buchstäblich eng ums Herz wird.</p>
<p>Die &#8222;German Angst&#8220; ist als Begriff im englischsprachigen Raum entstanden. Sie bezeichnet das Phänomen der grundlosen Angst oder Besorgtheit – und deutet eine Haltung, die als typisch deutsch empfunden wird. Forscher sehen in ihr aber inzwischen ernst zu nehmende Gründe, etwa einen Ausdruck für die Traumatisierung durch beide Weltkriege. Sie halten es vor diesem Hintergrund sogar für möglich, dass sich traumatische Ereignisse wie Hungersnöte, Weltkriege, Verfolgung und Vertreibung im Erbgut niederschlagen und vererbt werden können. Psychologisch lässt sich die &#8222;German Angst&#8220; als natürliche Furcht vor dem Verlust von materiellen und immateriellen Gütern erklären. Das ist durchaus real.</p>
<p>Wie es um die Ängste der Deutschen tatsächlich bestellt ist, darüber gibt alljährlich die gleichnamige Studie eines deutschen Versicherungskonzerns Auskunft. Sie wird seit 1992 durchgeführt. Noch für 2019 lautete das durchaus überraschende Ergebnis: Die Deutschen sind so gelassen wie lange nicht. Die Daten für 2020 ergeben – wie zu erwarten war – ein anderes Bild, wenngleich nur jeder Dritte der Befragten fürchtet, sich mit dem Covid-19-Virus infizieren zu können. Die Liste wird angeführt von der Angst, dass die Welt gefährlicher wird durch die Politik des US-Präsidenten Donald Trump. Es folgen die Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten, den Kosten für Steuerzahler durch die EU-Schuldenkrise, eine schlechtere Wirtschaftslage sowie Naturkatastrophen. Immer mehr Menschen befürchten, dass ihre Wohnung unbezahlbar werden könnte. Ebenso groß ist die Sorge, im Alter pflegebedürftig zu werden.</p>
<p>Wie auch immer das individuelle Alphabet der Angst aussieht: Angst macht unsicher. Daraus wiederum folgt, dass Menschen die Zukunft pessimistisch einschätzen. Kein Wunder, dass sich angesichts der aktuellen Herausforderungen die Spirale der Angst weiterdreht.</p>
<p>Wie kann ich meine Ängste loswerden? Die schlechte Nachricht: Was auch immer Ratgeber empfehlen – es wird nicht funktionieren. Es ist eine irrige Vorstellung, ich selbst oder eine Regierung könnte alles Bedrohliche kontrollieren. Der Hirnforscher Gerald Hüther attestiert dem Menschen zwei Grundbedürfnisse: das nach Verbundenheit und Geborgenheit sowie nach Freiheit und Selbstbestimmung. Seine These: Träume, Sehnsüchte und Vorstellungen von einem glücklichen Leben, die diese Grundbedürfnisse aus dem Blick verlieren, sorgen dafür, dass die Angst in mir immer neue Nahrung findet.</p>
<p>Angst ist auch ein Thema der Bibel. &#8222;Fürchtet euch nicht!&#8220; heißt es exakt 365 Mal im Alten und im Neuen Testament. Eine Dosis Ermutigung für jeden Tag des Kalenderjahres. Wo immer in der Bibel dieser Ruf erklingt, geht es darum eine Situation zu entspannen, für Beruhigung zu sorgen. Es ist ein Ruf in die Freiheit – neutestamentlich gesprochen: &#8222;Zur Freiheit hat euch Christus befreit&#8220; (Gal 5,1). Umso irritierender, wenn ein Pfarrer jüngst öffentlich erklärte, er habe es immer kritisiert, wenn zu schnell gesagt werde, fürchtet euch nicht. Eine Haltung, die wenig seelsorgerliches Gespür offenbart. Es wirkt so, als verweigerte ein Arzt die ambulante Erstversorgung.</p>
<p>Menschen brauchen Ermutigung. Sie ist der Antrieb, nach Lösungen oder Teillösungen zu suchen, Brücken zu bauen – mindestens den Versuch zu unternehmen. Nicht aufzugeben. Auch dann nicht, wenn alles aussichtslos scheint. Die Kirche kann mit ihrer Verkündigung viel tun, dass Menschen innere Widerstandskraft, Selbstwertgefühl und Zuversicht entwickeln.</p>
<p><em>Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.</em></p>
<p><strong>Hinweis:</strong></p>
<p>Dieser Artikel erschien in der Wochenzeitung &#8222;Glaube + Heimat&#8220; vom 18. Oktober 2020. <a href="https://www.meine-kirchenzeitung.de/" target="_blank" rel="noopener">Mehr dazu hier</a></p>
<p><em> </em></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/german-angst-und-ermutigung-im-jahr-2020/">&#8222;German Angst&#8220; und Ermutigung im Jahr 2020</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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		<title>„Dann muss Gott seine Hand dazwischen halten“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2020 10:37:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Schwierige Situationen zu ordnen und das wegweisende Wort zu sprechen, war eine seiner großen Stärken.“ Mit diesen Worten charakterisierte Tobias Bilz, soeben eingeführter Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Johannes Hempel, der am 23. April im Alter von 91 Jahren starb und von 1972 bis 1994 dieses Amt innehatte. Treffender lässt sich Hempel in einem Satz nicht beschreiben. Ich traue mir dieses Urteil zu, denn ich habe meine eigene Geschichte mit dem Landesbischof.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/dann-muss-gott-seine-hand-dazwischen-halten/">„Dann muss Gott seine Hand dazwischen halten“</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>„Schwierige Situationen zu ordnen und das wegweisende Wort zu sprechen, war eine seiner großen Stärken.“ Mit diesen Worten charakterisierte Tobias Bilz, soeben eingeführter Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Johannes Hempel, der am 23. April im Alter von 91 Jahren starb und von 1972 bis 1994 dieses Amt innehatte. Treffender lässt sich Hempel in einem Satz nicht beschreiben. Ich traue mir dieses Urteil zu, denn ich habe meine eigene Geschichte mit dem Landesbischof.</strong></p>
<p>Wie es dazu kam? Anfang 1995 fragte der damalige Direktor des Lutherischen Verlagshauses in Hannover, Gerhard Isermann, bei mir an, ob ich bereit wäre, ein Gespräch mit Johannes Hempel zu führen. Dieses sollte als Buch erscheinen. Isermanns Idee, die Lebenserinnerungen des Bischofs herauszugeben, ließ sich nicht wie geplant umsetzen. Ein zwanzigseitiges Manuskript aus der Feder Hempels erfüllte nicht die Kriterien. Und da ich ein im Konzept ähnliches Projekt mit dem früheren Lübecker Bischof Ulrich Wilckens in seinem Verlag realisierte – er war bundesweit bekannt geworden, als er die Predigt zum Tode des unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen Ministerpräsidenten Uwe Barschel hielt –, traute er mir das Vorhaben zu.</p>
<p>Ich bin nach langem Zögern der Bitte gefolgt, die Rolle des Gesprächspartners von Bischof Hempel zu übernehmen. Ich war mit dem Leben in der DDR halbwegs vertraut: Meine Frau – als ehrenamtliche Ost-West-Referentin des Landesjugendkonvents der Evangelischen Jugend in Bayern – und ich – als stellvertretender Vorsitzender dieses Gremiums – besuchten in den achtziger Jahren mehrmals im Jahr die DDR, vor allem die sächsische Landeskirche. Unvergessen sind die Begegnungen zu Ostern in Dresden zwischen Jugendlichen aus der Bundesrepublik und aus der DDR. Unvergessen sind die Diskussionen, aus denen die Westdeutschen den Eindruck gewannen, sie nähmen mehr mit nach Hause als sie mitbrachten. Unvergessen sind auch die Begegnungen mit dem Initiator der Aktion „Schwerter zu Pflugscharen“ – dem damaligen Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider. Und schließlich: Unvergessen ein mehrwöchiges Gemeindepraktikum – im Rahmen meiner theologischen Ausbildung – in der sächsischen Landeskirche unter der Leitung Bretschneiders. Im Lichte dieser Erfahrungen hatte ich einen Eindruck von der Persönlichkeit Hempels, den ich damals auch mehrfach als Prediger erlebte.</p>
<p>Als mich die Anfrage Isermanns erreichte, war ich Redakteur der Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“. Würde Johannes Hempel mich als Gesprächspartner akzeptieren? Der damalige hannoversche Landesbischof Horst Hirschler – die beiden Landeskirchen waren partnerschaftlich verbunden – empfahl mich Hempel. Und dies tat auch der badische Landesbischof Klaus Engelhardt, damals zugleich Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).</p>
<p><strong>Einer, der jedes Wort abwägt</strong></p>
<p>Tatsächlich ließ sich Johannes Hempel auf das Projekt ein. Eine Woche lang saßen wir im Sommer 1995 Tag für Tag im Hause des Bischofs in Dresden zusammen. Die Tonbandaufnahmen umfassen fast dreißig Stunden. Hempel zog ausführlich Bilanz, sprach über Erlebnisse aus Kindheit und Jugend, sein Studium im Westen, die Rückkehr in die sächsische Landeskirche, die Übernahme des Bischofsamtes, den Weg der evangelischen Kirche in der DDR, ihre Rolle und auch seine eigene im Herbst 1989, über Vorwürfe wegen kirchlicher Stasi-Verstrickungen, den Stellenwert des Protestantismus im wiedervereinigten Deutschland, zur Zukunft des ökumenischen Dialogs sowie zum christlichen Selbstverständnis, Gesellschaft mitzugestalten.</p>
<p>In der Begegnung erlebte ich einen äußerst bescheidenen Zeitgenossen. Einer, der jedes Wort abwägt, immer druckreif spricht. Und von einem Ernst geprägt ist, dass man sich einhören muss, den hintergründigen Humor zu erspüren, der auch zu seinem Wesen gehörte. Die Gespräche waren nicht leicht. Meinen Fragen folgte nicht selten erst einmal eine Phase des Schweigens, ehe der Bischof antwortete. Und seine Antworten quittierte ich wiederum oft ebenfalls mit Schweigen. Wir haben einander zugehört, – unbequeme – Rückfragen gestellt, Gegenargumente vorgetragen und diskutiert sowie gemeinsame „Aha“-Erlebnisse gehabt. Es brauchte Zeit, um einander zu verstehen, Verständnis für das Gegenüber aufzubringen, kontroverse Meinungen stehen zu lassen, und am Ende doch zu merken: Die Verständigung zwischen Deutschen aus West und Ost kann gelingen. Es gab keine Tabuthemen, auch wenn das Schweigen mitunter quälend war und sich in den stummen Blicken und artikulierten Rückfragen Unverständnis meldete, warum gerade dieses oder jenes Thema die Auseinandersetzung lohnen sollte.</p>
<p>Um sich ein Bild des Bischofs zu machen, genügt allein ein Blick auf die biografischen Daten: Johannes Hempel, geboren am 23. März 1929 in Zittau, studierte zwischen 1947 und 1949 Germanistik, Philosophie und Geschichte in Tübingen, von 1949 bis 1951 Germanistik, Philosophie, Geschichte und Theologie in Heidelberg und 1952 Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin-Zehlendorf. In diesem Jahr kehrte er in die DDR zurück und legte in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens das Erste Kirchliche Examen ab. 1956 heiratete er, legte das Zweite Kirchliche Examen ab und übernahm die Pfarrstelle in Gersdorf (Kirchenbezirk Glauchau). 1958 wechselte er als Studieninspektor an das Predigerkolleg St. Pauli in Leipzig. 1963 promovierte er zum Dr. theol. in Leipzig. Zwischen 1963 und 1967 war er Studentenpfarrer in Leipzig, danach, bis zu seiner Wahl zum Landesbischof der sächsischen Landeskirche im Jahre 1972, Studiendirektor des Predigerkollegs St. Pauli in Leipzig. 1975 wurde er in den Zentralausschuss sowie in den Exekutivausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) gewählt. 1981 übernahm er das Amt des Leitenden Bischofs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELK) in der DDR. Ein Jahr später wurde er Vorsitzender der Konferenz der Kirchenleitungen in der DDR. Von 1983 bis 1991 war er Mitglied des ÖRK-Präsidiums. Seit 1991 gehörte er dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an und war stellvertretender Ratsvorsitzender. Am 26. März 1994 wurde Johannes Hempel aus dem Dienst als sächsischer Landesbischof verabschiedet.</p>
<p>Das Buch, so war das gemeinsame Ziel, wollte einen Beitrag zum inneren Zusammenwachsen der deutschen evangelischen Kirchen und darüber hinaus zur Herstellung der inneren Einheit der Deutschen leisten. Ein hoher Anspruch, gewiss. Der Ratsvorsitzende Engelhardt hat den Band, der unter dem Titel „Annehmen und frei bleiben“ 1996 erschien, als das „ehrlichste Buch unter den vielen kirchlichen autobiographischen Zeugnissen“ bezeichnet.</p>
<p>Im Dezember 2003 haben wir uns noch einmal zum Gespräch verabredet. Die Evangelische Verlagsanstalt Leipzig hatte die Idee, uns anlässlich des bevorstehenden 75. Geburtstags des Bischofs erneut zusammenzubringen. Entstanden ist der Band „Erfahrungen und Bewahrungen“. 2004 erschienen, dokumentiert er den Dialog aus dem Jahre 1995 sowie die Fortsetzung unseres Gesprächs.</p>
<p><strong>Theologe – und Literaturexperte</strong></p>
<p>Bei der erneuten Lektüre bin ich auf eine Antwort Hempels gestoßen, in der sich seine Haltung zeigt. Ich fragte ihn vor dem Hintergrund der These Samuel Huntingtons, der einen „clash of civilisations“, einen Zusammenprall der Völker und Kulturen prognostizierte, was diese Gemengelage für die Zukunft der Menschheit bedeute und wo die Kräfte zu finden seien, die wenigstens mäßigend wirken könnten. Seine Antwort: „Wer kann das voraussagen? Meine Lebenserfahrung ist, dass Gott, ehe die absolute Katastrophe passiert, seinen Finger dazwischen hält. Dass also die Regierungen der Völker sozusagen im letzten Moment vernünftig einlenken oder/und dass Umstände eintreten, die die Rückkehr zur Vernunft erzwingen. Wir leben von Aufschub zu Aufschub. In den Phasen zwischen den Aufschüben werden wir alles tun müssen, das zum Guten beiträgt. Aber das wird nicht immer ausreichen. Dann muss Gott seine Hand dazwischen halten.“</p>
<p>Johannes Hempel war nicht nur theologisch versiert, sondern auch ein Literaturexperte. Ernest Hemmingways Novelle „Der alte Mann und das Meer“ faszinierte ihn zeitlebens. Die Novelle sei eine Deutung des Daseins, die jeden Menschen irgendwie betrifft, analysierte der Bischof. „Da ist der Lebensraum und wie ihn der Mensch nutzt. Da ist der Kampf, den dieses Nutzen mit sich bringt. Da sind Erfolg und Niederlage, und darin ist der Mensch, ein Mensch, die Hauptfigur. Chaos, List, Betrug, aber auch die Hoffnung hat ihren Platz im Leben dieses einen Menschen. Die Geschichte bleibt offen. Der alte Mann geht nach dem Anlanden im Hafen in sein Haus, weil er müde ist. Er legt sich auf sein Bett und deckt sich mit der Zeitung zu. Der Knabe, der ihm am Morgen den Kaffee bringt, weint. So steht die Frage auf: Der schlafende Alte und der weinende Junge, was wird daraus? Am Anfang wurde mitgeteilt, der alte Mann sei unglücklich und erfolglos. Gegen Ende der Erzählung lesen wir, dass alles an dem Mann alt sei, nur nicht die Augen, sie hätten die Farbe des Meeres. So weit, erstaunlich weit, ist ein Dichter ohne Christus im Deuten seines Lebens gekommen. Es bleibt aber die Frage an Hemmingway, ob denn die Hoffnung in dem alten Mann wirklich tragen wird? Für Hemmingway selbst war es wohl nicht so. Ich kann mir jedenfalls eine tragende Lebenshoffnung ohne Christus nicht vorstellen. Insofern ist diese Geschichte nie zu Ende.“</p>
<p>Johannes Hempel für eine Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing zu gewinnen, ist mir leider nicht gelungen. Seine Kräfte reichten dafür nicht mehr. Umso dankbarer bin ich für die Gespräche mit ihm, von denen ich auch heute noch zehre.</p>


<p><em>Udo Hahn ist Pfarrer und leitet die Evangelische Akademie Tutzing.</em></p>

<p><strong>Bild:</strong> Der Band „Annehmen und frei bleiben. Landesbischof i.R. Johannes Hempel im Gespräch“ (208 Seiten) erschien 1996 im Lutherischen Verlagshaus Hannover. Der Band enthält neben dem Geleitwort des Leitenden Bischofs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Horst Hirschler, auch zahlreiche Predigte und weitere Texte Hempels. <em>(Foto: eat archiv)</em></p>
<p><strong>Hinweis:</strong> In der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig ist 2004 „Erfahrungen und Bewahrungen. Ein biographischer Rückblick im Gespräch mit Udo Hahn“ (364 Seiten) erschienen. Das Geleitwort schrieb der damalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber. Neben einem Bildteil, weiteren zentralen Texte des Landesbischofs, haben auch Weggefährten wie etwa Volker Kreß, Klaus Engelhardt, Hartmut Löwe und Kurt Nowak Beiträge beigesteuert.</p>
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		<title>Wenn eine Gesellschaft erkrankt: Es geht um mehr</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Mar 2020 11:45:52 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Coronavirus strapaziert nicht nur menschliche Körper, soziale Gemeinschaften und das Gesundheitswesen, es stresst auch unsere Debatten, meint Studienleiter Frank Kittelberger. Wichtige Themen stehen momentan im Fokus. Entscheidend wird aber sein, wie wir über die Krise hinaus damit umgehen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/wenn-eine-gesellschaft-erkrankt-es-geht-um-mehr/">Wenn eine Gesellschaft erkrankt: Es geht um mehr</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Coronavirus strapaziert nicht nur menschliche Körper, soziale Gemeinschaften und das Gesundheitswesen, es stresst auch unsere Debatten, meint Studienleiter Frank Kittelberger. Wichtige Themen stehen momentan im Fokus. Entscheidend wird aber sein, wie wir über die Krise hinaus damit umgehen.</strong></p>
<p>Die gegenwärtige Krise um den Ausbruch des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 und die in seiner Folge auftretende Lungenkrankheit Covid-19 dominiert unseren Alltag. Viele Menschen weltweit sind erkrankt, die Zahl der Todesfälle nimmt zu. Dieses Virus und die Krankheit beschädigen und stressen nicht nur menschliche Körper, sondern auch soziale Gemeinschaften und Einrichtungen des Gesundheitswesens. Sie stressen und schädigen jedoch zusätzlich unsere Debatten. So werden wir täglich mit Virologinnen und Virologen aus bundesdeutschen Kliniken konfrontiert, die in Talksendungen, wissenschaftlichen Beiträgen und quer durch alle Medien ihr Wissen mitteilen. Man könnte gegenwärtig den Eindruck gewinnen, dass sie wahlweise behaupten, sie wüssten alles oder man könne gar nichts vorhersagen. Dementsprechend passiert zweierlei:</p>
<p>Unser Fokus wird auf abstruse und je nach persönlicher Sympathie hoffnungsvolle oder historische Szenarien gelenkt. Die Unsicherheiten werden verstärkt durch die immer offensichtlicher werdenden politischen Interessen, die hinter diesem oder jenem Szenario stecken. Gleichzeitig wird jeder und jede von uns mittlerweile irgendwie zum Hobbyvirologen und baut auf das, was er oder sie hier oder da gelesen oder gehört hat. Harald Lesch bemühte sich in einer Fernsehsendung, die Wichtigkeit von Fakten zu betonen und lobte die Wissenschaft, die der einzige Weg zu validen Fakten und sicherer Erkenntnis sei. Das war gut gemeint, hat aber den Widerspruch all derer hervorgerufen, die sich ihrerseits auf eigene Erkenntniswege berufen.</p>
<p>Wir können uns jetzt nicht einfach zurücklehnen und aus der jeweiligen Filterblase heraussuchen, was uns passt. Wir müssen weiterhin auf Evidenz setzen und jenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vertrauen, die mit Sorgfalt und im uneigennützigen Austausch (also auch ohne Profilneurose) ihr Bestes geben. Dabei ist die Information der Öffentlichkeit wichtig! Freilich wird der Austausch immer schwieriger, denn „virtuell und möglichst knapp“ ist das Gegenteil von „analog und ausführlich“: Nichts kann das face-to-face-Gespräch unter Menschen wirklich ersetzen. Auf Beschränkungen im mitmenschlichen Austausch dürfen wir uns nur in Ausnahmen einlassen.</p>
<p>Bemerkenswert ist eine weitere Aufspaltung. Einerseits werden wichtige Themen benannt, die wir auch nach der Krise im Blick behalten müssen. Dazu gehören die ungerechte Verteilung von Gütern und Ressourcen im Gesundheitswesen, der Pflegekräftemangel, unsere Abhängigkeit von globalen Lieferketten und Produktionsstätten und die eklatanten Unterschiede zu den angrenzenden Nachbarländern.</p>
<p>Gleichzeitig werden Befürchtungen laut, dass all diese Themen vergessen sein werden, wenn die Krise vorbei ist. Wer glaubt ernsthaft, dass sich an der Sozialisierung von Kosten bei gleichzeitiger Privatisierung der Gewinne etwas ändern wird? So fördert die CEPI (Coalition for Epidemic Preparedness Innovations) derzeit einige große Firmen mit immensen Fördergeldern, ohne dass es irgendeine Garantie oder auch nur vertragliche Regelung gibt, dass die Firmen die dann mit ihren Produkten erzielte Gewinne wenigstens teilweise wieder der öffentlichen Hand zurückgeben. Dies hat das ARD-Magazin Plusminus am 25. März dokumentiert. Beklagt wird dieses Missverhältnis schon lange, ohne dass ernsthafte Konsequenzen erfolgt sind. Eine ähnliche Problemanzeige betrifft den aus rein wirtschaftlichen Überlegungen über Jahre vorangetriebenen Abbau von Klinikbetten, der uns nun zu schaffen macht. Dies ist übrigens eine grenzüberschreitende Erfahrung: Im noch viel härter getroffenen Spanien führen Experten die tragisch ansteigenden Fallzahlen auch darauf zurück, dass jahrelang Betten in Krankenhäusern abgebaut und viele Kliniken privatisiert wurden.</p>
<p>Wir brauchen Räume, Orte und Gelegenheiten, um diese Dinge in Ruhe und mit breiter Beteiligung zu diskutieren. Freilich scheint in diesen Tagen für ernsthafte Diskussionsforen wenig Raum zu sein. Talksendungen, satirische Formate und der eine oder andere wissenschaftliche Fernsehbeitrag sind wichtig. Doch eine ruhige und breite und nach Möglichkeit ergebnisoffene Debatte schwieriger Themen sieht anders aus. Wir an der Evangelischen Akademie Tutzing können davon ein Lied singen. Wir brauchen diesen Diskussionsraum für die wirklich schwierigen Themen!</p>
<p>So ist die Frage der Triagierung eine wirklich ernste. Die Akademie für Ethik in der Medizin hat dazu gerade wichtige Leitlinien veröffentlicht. Wir müssen uns heute schon mit der Frage beschäftigen, wer behandelt und wer wieder weggeschickt wird, wenn Beatmungsplätze auf einer Intensivstation knapp sind. In Nürnberg hat inzwischen ein „Triagierungszelt“ vor einer Klinik geöffnet. Zwar werden dort vorläufig nur die „Fälle“ (also Menschen mit unterschiedlichsten Nöten, Fragen und Symptomen) vorsortiert, doch ein bemerkenswerter erster Schritt ist das allemal.</p>
<p>Ärztinnen und Ärzte (warum eigentlich nur sie allein?) müssen vielleicht bald entscheiden, wer behandelt werden darf und wer sterben muss. Dafür sind sie in aller Regel medizinethisch nicht umfassend ausgebildet. Hier hat die Politik in Zusammenarbeit mit der medizinischen Wissenschaft und Verantwortlichen des Gesundheitswesens noch viele Hausaufgaben vor sich. Das berührt die Grundfesten der medizinischen und pflegerischen Ausbildung und lässt sich auch nicht ad hoc ändern. Hier kommt Denkerinnen und Denkern, Kirchen, philosophischen Fakultäten und ernstzunehmenden Debattierzirkeln eine wichtige Rolle zu. Um diese Notwendigkeit wissen wir in unserer Akademiearbeit.</p>
<p>Ermutigend sind Einlassungen, die von ernsthaften Diskussionen zeugen. So hat der Deutsche Ethikrat am 27. März eine Empfehlung veröffentlicht: „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise – Ad-Hoc-Empfehlung“ (<a href="https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-corona-krise.pdf" target="_blank" rel="noopener">zum Download unter diesem Link</a>).</p>
<p>Diese – sicher in gebotener Eile aber dennoch sorgfältig erarbeitete – Stellungnahme macht auf nur sieben Seiten deutlich, wie umfassend die Grundfesten unserer demokratischen Gesellschaft und ihrer Werte- und Normsysteme von der gegenwärtigen Krise berührt sind. Sie ruft ebenso zur Solidarität auf, wie sie zur Wachsamkeit mahnt. Als Beispiel seien einige Sätze auszugsweise zitiert, die im Kontext möglicher Entscheidungen auf Leben und Tod (zum Beispiel bei der Triagierung) an Grundvereinbarungen unsere Gesellschaft erinnern:</p>
<p><em>„&#8230;Das erfordert eine gerechte Abwägung konkurrierender moralischer Güter, die auch Grundprinzipien von Solidarität und Verantwortung einbezieht&#8230;.Für den Staat als unmittelbaren Adressaten der Grundrechte gilt darüber hinaus der Grundsatz der Lebenswertindifferenz: Be- oder gar Abwertungen des menschlichen Lebens sind ihm untersagt. Jede unmittelbare oder mittelbare staatliche Unterscheidung nach Wert oder Dauer des Lebens und jede damit verbundene staatliche Vorgabe zur ungleichen Zuteilung von Überlebenschancen und Sterbensrisiken in akuten Krisensituationen ist unzulässig. Jedes menschliche Leben genießt den gleichen Schutz. Damit sind nicht nur Differenzierungen etwa aufgrund des Geschlechts oder der ethnischen Herkunft untersagt. Auch eine Klassifizierung anhand des Alters, der sozialen Rolle und ihrer angenommenen „Wertigkeit“ oder einer prognostizierten Lebensdauer muss seitens des Staates unterbleiben&#8230;Der Staat darf menschliches Leben nicht bewerten, und deshalb auch nicht vorschreiben, welches Leben in einer Konfliktsituation vorrangig zu retten ist. Selbst in Ausnahmezeiten eines flächendeckenden und katastrophalen Notstands hat er nicht nur die Pflicht, möglichst viele Menschenleben zu retten, sondern auch und vor allem die Grundlagen der Rechtsordnung zu garantieren&#8230;“</em></p>
<p>In Zeiten verordneten Rückzugs in die eigenen vier Wände ist die Lektüre solcher Papiere sicher lohnenswert und alles andere als reiner Zeitvertreib. Hoffen wir also, dass wir ohne allzu große Panik diese Krise überstehen und auch danach noch mit Beharrlichkeit und der nötigen Ruhe die wichtigen Diskussionen führen.</p>

<p><em>Der Autor ist Pfarrer und an der Evangelischen Akademie Tutzing Studienleiter für Ethik in Medizin und Gesundheitswesen, Pastoralpsychologie und Spiritual Care.</em></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>Bild:</strong> Frank Kittelberger<em> (eat archiv)</em></p>
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		<title>Die Kraft des Glaubens: Unfassbares fassbar machen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Mar 2020 08:17:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Himmel & Erde]]></category>
		<category><![CDATA[Dietrich Bonhoeffer]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Hahn]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Werden wir die Corona-Krise meistern? Diese Frage beschäftigt uns alle. Sie berührt zwei unterschiedliche Ebenen, schreibt Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing. Damit meint er: eine, die sich vor unseren Augen abspielt und eine, die sich nur vor dem inneren Auge ereignet. Wie lässt sich diese Widersprüchlichkeit aushalten?</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Werden wir die Corona-Krise meistern? Diese Frage beschäftigt uns alle. Sie berührt zwei unterschiedliche Ebenen, schreibt Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing. Damit meint er: eine, die sich vor unseren Augen abspielt und eine, die sich nur vor dem inneren Auge ereignet. Wie lässt sich diese Widersprüchlichkeit aushalten?</strong></p>
<p>Werden wir die Corona-Krise meistern? Das ist aktuell die Frage aller Fragen. Der Psychiater und katholische Theologe Manfred Lütz antwortete darauf am 23. März in der „Rheinischen Post“: „Uns bleibt ja gar nichts anderes übrig, aber wir sind dazu auch in der Lage.“ Und er fügte hinzu: „Der Mensch kann Enormes verkraften, allerdings heißt das natürlich nicht, dass es leicht wird.“ Lütz beschreibt damit ganz gut die Stimmung, in der sich unser Land befindet – als Teil einer weltweiten Schicksalsgemeinschaft, zwischen Angst und Hoffnung.</p>
<p>Die Herausforderung, die es zu bestehen gilt, berührt zwei unterschiedliche Ebenen. Die eine spielt sich vor unseren Augen ab: Mehr denn je versuchen Ärztinnen und Ärzte, Leben zu retten, Pflegekräfte all jene zu versorgen, die Betreuung brauchen, und das Personal in den Supermärkten den Leerstand in den Regalen zu verhindern. Auf der anderen Ebene – nur vor dem inneren Auge sichtbar – ringt jeder und jede damit, den Widerspruch zwischen der vermeintlichen Bedrohung und der in diesen Frühlingstagen aufbrechenden Natur aufzulösen.</p>
<p>Diese Widersprüchlichkeit – Ambivalenz, aus dem Lateinischen übersetzt „beides gilt“, ist kaum auszuhalten. Und es ist wenig tröstlich, dass dies schon immer so war. Soziologen und Philosophen sprechen in diesem Zusammenhang von Kontingenz: der Möglichkeit und – wenig beruhigend – der Zufälligkeit der Ereignisse. Was möglich ist, kann auch geschehen.</p>
<p>Diese Erfahrung steht erst recht quer zum Selbstverständnis des Homo Faber, des Menschen, der sich als Macher sieht und oft so inszeniert. Und dies, obwohl das Gelingen – wenn wir ehrlich sind – immer wieder an Faktoren hängt, die bei näherem Hinsehen gar nicht beeinflusst werden können.</p>
<p>Gibt es in so einer Situation überhaupt etwas, das tröstet bzw. trösten könnte? Der Glaube ist eine Kraft, die Menschen in schier aussichtlosen Situationen helfen kann. Ganz allgemein gesprochen: Religion ist die Ressource, Unfassbares fassbar zu machen. Sie dient seit jeher als Instrument zur Kontingenzbewältigung – von Ereignissen, die der Einzelne weder beeinflussen noch abwehren kann, sondern schlicht hinnehmen muss. Von Bewältigung zu reden ist allerdings sehr anspruchsvoll, wenn man bedenkt, dass sich solches Geschehen ebenso wenig wie die Vergangenheit „bewältigen“ lässt. Aber es stimmt schon: Religion ist, soweit das kollektive Gedächtnis reicht, die Art und Weise, wie Menschen mit Kontingenzerfahrungen umgehen: dass es trotz aller Krisen und Katastrophen berechtigte Zuversicht und Hoffnung gibt.</p>
<p>Einer der biblischen Schlüsseltexte, die diese Haltung ausstrahlen, findet sich im Alten Testament: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen“ (Psalm 37,5). Der evangelische Liederdichter Paul Gerhardt (1607-1676) hat vor dem Hintergrund dieses Bibelwortes seine Glaubenszuversicht in zwölf Strophen ausgebreitet („Befiehl du deine Wege“, EG 361). Wie überhaupt die Psalmen nicht nur keine heile Welt vorgaukeln, sondern den Riss, der durch Natur und Gesellschaft geht, schonungslos beschreiben und Menschen nicht verstummen.</p>
<p>Von dieser Kraft des Glaubens hat Bundespräsident Joachim Gauck 2017 in der Evangelischen Akademie Tutzing gesprochen: „Es wäre eindimensional und auch lebensfremd, würden wir die Potenziale all der Menschen, die vom christlichen Glauben geprägt worden sind, nicht einbeziehen in die Lebensprozesse einer Gesellschaft. Wir wissen um die größere Hoffnung und die größere Hingabe, die glaubende Menschen in die Welt gebracht haben… Denn im Vertrauen auf Gott haben Menschen ihre Potenziale erweitern können. Sagen wir es einmal in ganz traditioneller Sprache: Mag der Schöpfergott sich auch unserem Verstehen entziehen, so bleiben doch die, die auf ihn bezogen sind, Gesegnete, Bestärkte, Ermächtigte.“</p>
<p>Religion – der Glaube – als Selbstermächtigung. Das bringen die Lieder Paul Gerhardts Strophe für Strophe zum Ausdruck. Sein Leben war geprägt vom Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, vom Tod vieler seiner Kinder und auch seiner Frau. In dem erwähnten Lied dichtete er in der 7. Strophe: „Auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“ Sich mit dieser Ohnmacht, selbst nichts ausrichten zu können, trotzdem im Glauben geborgen zu wissen und fröhlich-zuversichtlich zu sein, ist eine Erfahrung, die nicht auf Rezept verordnet werden kann. Wer zu ihr einen Zugang findet, dem eröffnet sie eine Perspektive.</p>
<p>Glaubensperspektiven in schier aussichtloser Zeit zu entwickeln, das war – so könnte man sagen – Dietrich Bonhoeffers besondere Begabung. Vor 75 Jahren, am 9. April 1945, wurde der evangelische Theologe im KZ Flossenbürg ermordet. 1943 hat er im Gefängnis notiert: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen.“ Das ist eine Aussage, die sich nicht am Schreibtisch eines Gelehrten oder im Hörsaal der Universität formulieren lässt. Bonhoeffer hält eine Glaubenserfahrung fest. Im Gesamtzusammenhang schreibt er: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“</p>
<p>Bonhoeffer zeichnete ein ausgeprägter Realitätssinn aus. Früh hatte er den wahren Charakter der Diktatur des Nationalsozialismus erkannt. In dem oben zitierten Text beschreibt er eine/seine Hoffnung: „In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Neben den Krisen, von denen die Welt ohnehin geplagt wird, liegt darin wohl die größte Herausforderung: zu glauben gegen allen Augenschein.</p>
<p><em>Der Autor ist Pfarrer und leitet die Evangelische Akademie Tutzing.</em></p>

<p><strong>Bild:</strong> Udo Hahn <em>(Foto: Haist/eat archiv)</em></p>

<p><strong>Hinweis:</strong> Zum vorliegenden Blogbeitrag hat die Evangelische Akademie Tutzing einen Aufruf via Social Media gestartet: #WortedieMutmachen. Wir freuen uns über Ihre Unterstützung! <a href="https://de-de.facebook.com/EATutzing/?ref=page_internal" target="_blank" rel="noopener">Hier geht&#8217;s zu unserer Facebook-Fanpage</a>.</p>
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		<title>Demokratie stärken!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[makkuz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Oct 2019 06:22:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sieht dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer die errungene Demokratie als nicht mehr selbstverständlich an. „Es ist die Stunde der Populisten, der großen und kleinen Vereinfacher und Schuldzuweiser“, schreibt er und fordert die Verteidigung von Freiheit und Demokratie.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://www.eatutzing.de/demokratie-staerken/">Demokratie stärken!</a> erschien zuerst auf <a href="https://www.eatutzing.de">Evangelische Akademie Tutzing</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sieht dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer die errungene Demokratie als nicht mehr selbstverständlich an. „Es ist die Stunde der Populisten, der großen und kleinen Vereinfacher und Schuldzuweiser“, schreibt er und fordert die Verteidigung von Freiheit und Demokratie.</strong></p>
<p>In diesem Herbst erinnern wir uns besonders intensiv an die dramatischen Ereignisse vor drei Jahrzehnten – die friedliche Revolution, den demokratischen Neuanfang in der DDR, den Durchbruch durch die Mauer. Erinnerungen, die wirkliche Anlässe zur Freude sind!</p>
<p>Denn: Die friedliche Revolution war – hart errungen – die erste ihrer Art in der Geschichte unseres Volkes. Es gab gewiss zuvor schon einige Revolutionen in Deutschland, aber eben keine, die unblutig verlief und zugleich erfolgreich war. Eine Revolution, in der Freiheit und Einheit nicht zum Gegensatz wurden, im Gegenteil. Eine Revolution zudem, die in ganz Europa mit Sympathie begleitet wurde. Das genau macht sie wirklich zu einem historischen Wunder! Erst die Freiheit – dann die Einheit! Erst der 9. Oktober 1989, dann der 9. November 1989 und ein Jahr später dann der 3. Oktober 1990 – das war die Reihenfolge der Ereignisse, die zusammen den geschichtlichen Prozess charakterisieren.</p>
<p>Um das gänzlich (auch uns selbst) Überraschende, ja auch Unwahrscheinliche der historischen Vorgänge zu begreifen, muss man sich die Jahrzehnte davor vergegenwärtigen. Ich erinnere an den 17. Juni 1953 in der DDR, an die Aufstände 1956 in Ungarn und Polen, an den Bau der Mauer am 13. August 1961, an den Prager Frühling 1968, an Solidarnosc und das Kriegsrecht in Polen 1980/81: Die Geschichte der DDR und unserer östlichen Nachbarn war eine Geschichte von Unterdrückung, von enttäuschten Hoffnungen, von Niederlagen, bis nur der Mut der Verzweiflung blieb – und eine letzte neue Hoffnung auf Gorbatschow, auf „Perestroika“ und „Glasnost“. Das war, so meine Erinnerung, die Stimmungslage 1989: zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Angst und Mut. Und der Mut hat schließlich obsiegt!</p>
<p><strong>Als der Glauben nicht nur Privatsache war</strong></p>
<p>Ohne die Kirchen, ohne die Christen hätte es die Revolution – jedenfalls als friedliche – wohl nicht gegeben! Die Kirche (vor allem die evangelische) bot schützendes Dach für Oppositionsgruppen, sie war Ort von Freiheit in einem unfreien Land, in ihr konnten freie Rede und demokratische Auseinandersetzung erprobt werden – gewiss unter Einschränkungen und Ängsten und unter misstrauischer Beobachtung von Seiten des Staates. Das erklärt den doch auffälligen, von vielen (westlichen) Beobachtern als überraschend empfundenen Umstand, dass unter denen, die in der Herbstrevolution und im demokratischen Neubeginn eine wichtige Rolle spielten, besonders viele evangelische und auch katholische Christen waren. Und es erklärt auch, warum ausgerechnet evangelische Pastoren und katholische Pfarrer zu Moderatoren der runden Tische in vielen Städten der DDR wurden. Die Kirche hatte offensichtlich eine so große politisch-moralische Autorität erworben, dass sie zu einem glaubwürdigen Akteur der Umwälzung werden konnte. Das will mir noch immer als eine besonders schöne Pointe der Geschichte erscheinen: Der Staat, in dem Religion bestenfalls Privatsache sein sollte, wurde – nicht allein aber doch entscheidend – durch Christen überwunden, die ihren Glauben eben nicht bloß Privatsache sein lassen wollten, sondern aus ihm öffentliches, politisches Engagement ableiteten.</p>
<p>Tempi passati? Ja und nein. Gewiss leben wir, zu unserem Glück, wiedervereinigt in einem guten und wohlhabenden Land mit einer funktionierenden Demokratie, mit  einem verlässlichen Rechts- und Sozialstaat, mit all den Grundrechten und Freiheiten, nach denen wir Ostdeutsche uns so lange gesehnt haben. All das ist selbstverständlich geworden – und ist es doch nicht mehr. Wir erleben die Gleichzeitigkeit neuer dramatischer Veränderungen: die Globalisierung, also Entgrenzung und Beschleunigung wissenschaftlich-technischer, ökonomischer, kultureller Entwicklungen, die digitale Transformation, die unsere Arbeitswelt radikal verändert, die Flüchtlingsbewegung, die das Fremde und die Fremden uns näher rückt und unsere Vertrautheiten und Selbstverständlichkeiten in Frage stellt. All das erzeugt bei vielen Menschen Unsicherheiten und Ängste. Misstrauen und Unzufriedenheit nehmen zu, die Sehnsucht nach den einfachen, schnellen Lösungen, ja nach Erlösung von der Problemlast, von den Ängsten wächst, Wut und Empörung werden laut. Das ist die Stunde der Populisten, der großen und kleinen Vereinfacher und Schuldzuweiser. Die errungene Demokratie, so selbstverständlich sie uns geworden ist und so sicher sie erschien, ist gefährdet. In vielen europäischen Ländern gewinnen radikale, populistische Parteien an Zustimmung. Das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der parlamentarischen Demokratie schwindet – im Osten Deutschlands mehr als im Westen. Es gibt eine West-Ost-Ungleichheit der Sicherheiten und Gewissheiten – nach der ostdeutschen Erfahrung eines radikalen Umbruchs sowohl ökonomisch-sozialer wie ideell-moralischer Art, nach der vielfachen Erfahrung von Arbeitslosigkeit oder der Angst davor, dem Empfinden von Entwertung und des Entschwindens der eigenen Lebenserfahrungen und Lebensleistungen. Gefährliche Zeiten.</p>
<p>Die Erinnerungen an den Aufbruch von 89 sollten also zu Fragen danach führen, was wir heute zu tun haben für die Verteidigung von Freiheit und Demokratie. Welche Art von Courage und wieviel ziviler Mut zum Widersprechen, zu selbstverantwortlichem Handeln, zum öffentlichen politischen Engagement werden auch und gerade in einer Demokratie gebraucht, wenn diese denn lebendig und zukunftsfähig sein soll.</p>
<p><strong>Wolfgang Thierse ist heute Leiter des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing. Die Wende in der DDR vor 30 Jahren bildete den Startpunkt seiner politischen Laufbahn. Im Oktober 1989 trat er dem Neuen Forum bei, im Januar 1990 wurde er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der DDR. Von März bis Oktober 1990 war er </strong><strong>Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. </strong></p>
<p><strong>In der Herbsttagung des Politischen Clubs mit dem Titel „30 Jahre friedliche Revolution &#8230; in Erinnerung, in Kritik und Debatte heute“ vom 15. bis 17.November 2019 blickt Wolfgang Thierse zurück und zieht Bilanz. <a href="https://www.eatutzing.de/veranstaltung/30-jahre-friedliche-revolution-2/">Weitere Informationen hier</a>.<br />
</strong></p>
<p><strong>Hinweis:</strong><br />
Dieser Blogbeitrag ist zugleich aktuelle Gastkolumne im November-Newsletter der Evangelischen Akademie Tutzing, der am 31. Oktober 2019 erscheint. <a href="https://www.eatutzing.de/aktuelles-presse/newsletter/">Nähere Informationen hier</a>.</p>

<p><strong>Bild:</strong> Wolfgang Thierse während der Sommertagung des Politischen Clubs im Juni 2019. <em>(Foto: Haist/eat archiv)</em></p>
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