
Aktuelles Einblicke in die Tagung „Sicherheit und Resilienz“
Reiner SchübelWas hat sich verändert seit der „Zeitenwende“? Damit beschäftigte sich die Tagung „Sicherheit und Resilienz“ vom 2.-4. Oktober 2026 und beleuchtete dabei Aspekte aus Sicherheitsforschung, Bevölkerungsschutz, Friedensethik und Psychologie.
Was bedeutet die „Zeitenwende“ für unsere Sicherheit in Deutschland sowie die Resilienz von Staat, Gesellschaft und persönlich? Den Eröffnungsvortrag zur Tagung hielt Prof. Dr. mont. Dr.-Ing. habil. Eva-Maria Kern, MBA, Präsidentin der Universität der Bundeswehr München. Sie ging auf grundlegende Veränderungen ein und erörterte fünf Aspekte: die Erweiterung unseres Sicherheitsverständnisses, die veränderte Zielrichtung moderner Angriffe, die wachsende Bedeutung von Resilienz, die neue strategische Rolle der Sicherheits- und Verteidigungsforschung, die explizit auch die Bedeutung von Konfliktforschung zur Konfliktentschärfung und -vermeidung enthält, sowie die Notwendigkeit gemeinsamer Vorbereitung. Im Anschluss wurden diese Fragen ausführlich im Plenum diskutiert.
Wie Sicherheit neu zu denken ist, darauf ging das Panel mit Oberst a.D. Reinhold Janke ein, dem „Mastermind“ der inneren Führung der Bundeswehr, da er sämtliche Führungskonzepte der Bundeswehr wesentlich entwickelte und verantwortete. Ebenfalls auf dem Panel: Prof. Peter Bradl (Leitung Institut Rettungswesen, Notfall- und Katastrophenmanagement IREM-THWS, Nürnberg sowie Institutsleitung THWS Business School, Würzburg), der auf den Bevölkerungsschutz einging. Prof. Dr.-Ing. Michael F. Zäh, Präsidiumsmitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) erweiterte die Expertise der Forschungsperspektive, unter anderem zum Umgang mit der sogenannten Zivilklausel. Prof. Dr. Jörg Hübner, Pfarrer, Professor für Systematische Theologie und Sozialethik in Tübingen, Mitglied des Friedensethischen Redaktionsteams der EKD sowie 2013 bis 2023 Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll, ging auf die Friedensdenkschrift der EKD ein, die 2025 unter dem Titel „Welt in Unordnung“ erschien. Er machte dabei deutlich, dass Bildungseinrichtungen wie Evangelische Akademien als „Schulen der Hoffnung“ einen bedeutenden Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs leisten.
Ausgehend von der neuen gesellschaftlichen Situation wurde die Frage nach einer lebenswerten Gesellschaft für junge Menschen und ihrem Beitrag erörtert mit Erfahrungen und Perspektiven aus der Evangelischen Jugend (mit Kai Langer und Ilona Schuhmacher), der Arbeitswelt (mit Maximilian Grill) wie auch aus der kommunalen Praxis (mit Dr. Felix Kempf, Erster Bürgermeister von Planegg). Das Begleitangebot der Evangelischen Kirche für junge Menschen, die einen Fragenbogen von Verteidigungsministerium erhalten, wurde als bespielgebend und zukunftsweisend auch über den kirchlichen Bereich hinaus angesehen. Hier können sich junge Menschen ergebnisoffen dazu beraten lassen, in welcher Form sie einen Betrag für die Gesellschaft leisten wollen – sei es durch den Wehrdienst oder auch Zivil- bzw. Ersatzdienst in Blaulichtorganisationen.
Mit hoher fachlicher Expertise wurde die Stärkung von Resilienz in Staat und Gesellschaft in Workshops thematisiert: zur Stärkung der Versorgungssicherheit im Gesundheitswesen mit Dr. Marco Krüger, zum Bevölkerungsschutz und Ehrenamt mit Prof. Peter Bradl und Dr. Fritz-Helge Voß, zur wirtschaftlichen Basis technologischer Unabhängigkeit mit Prof. Bernhard Grill und zu Forschung, Innovation und Bildung mit Prof. Wolfgang Dorner (Zentrum für angewandte Forschung / Institut für angewandte Informatik der TH Deggendorf) und Corina Welsch (Zentrum für akademische Weiterbildung, Deggendorf). Um nur zwei Aspekte aus den Workshops zu nennen: Eine wirtschaftliche Basis ist wesentliche Voraussetzung für technologische Unabhängigkeit, die angesichts der politischen Entwicklungen nötiger anzustreben ist denn je. In Krisenfällen den Hilfsorganisationen nicht im Weg zu stehen, indem man selbst Vorsorge trifft, um die ersten Tage eines Stromausfalls etc. gut zu überstehen, war eine für die Teilnehmenden wichtige Erkenntnis. Informationen dazu liefert auch eine Broschüre des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz.
Resilienzforscherin Dr. Donya Gilan stellte in ihrem Vortrag neueste Erkenntnisse zu kollektiver und persönlicher Resilienz vor. Resilienz fragt: Was trägt uns, wenn Schutz unvollständig bleibt und Unsicherheit fortbesteht? Neben den drei grundlegenden Aspekten – psychisch gesund zu bleiben, gemeinsam zu handeln und den institutionellen Bedingungen – ging Donya Gilan auch auf politische Aspekte ein. Sie teilte Erkenntnisse einer internationalen Untersuchung, nach denen Bedrohungserfahrungen für politische Präferenzen relevant sein können. Demokratische Resilienz verlangt deshalb, Handlungsfähigkeit und Kontrolle zusammenzudenken: Krisenentscheidungen müssen nachvollziehbar begründet, verhältnismäßig und überprüfbar bleiben. Aktive Beteiligung an Bürgerdialogen kann die wahrgenommene Reaktionsbereitschaft der Politik verbessern. Eine demokratische Neutralität ist Gilan zufolge eine unterschätzte Gefahr: neutral zu sein könne ähnliche Folgen haben, wie antidemokratische Kandidaten ausdrücklich zu unterstützen. Aus Sicht der Resilienzforschung kann die demokratische Antwort auf Unsicherheit nicht das Versprechen vollständiger Kontrolle sein. Sie ist vielmehr die begründete Erfahrung, dass gemeinsames Handeln möglich ist, Unterstützung ankommt und Entscheidungen korrigierbar bleiben.
Gilans These: Wer über gesellschaftliche Widerstandskraft spricht, muss auch über die Verteilung von Belastungen sprechen. Wie wir Krisen bewältigen, hängt wesentlich davon ab, welche Handlungsmöglichkeiten Menschen tatsächlich haben und wie verlässlich Unterstützung sie erreicht.
Doch wie sieht Resilienz ganz praktisch aus? Darum ging es im Abschlusspanel mit dem Landespfarrer der bayerischen Johanniter, Michael Thoma sowie der Militärseelsorgerin Katarina Freisleder. Auf dem Panel sowie in der anschließenden Debatte mit dem Publikum wurden mehrere Beispiele genannt: für Mitarbeitende von Hilfsorganisationen sind das Füreiander-Dasein und begleitende Gespräche über erlebte Belastungen ebenso wichtig wie die Beachtung von Grenzen der jeweiligen Belastbarkeit, um die Handlungsfähigkeit der Helferinnen und Helfer zu gewährleisten. Die seelsorgliche und resilienzstärkende Begleitung von Soldatinnen und Soldaten reicht von der Unterstützung bei Beziehungsproblemen aufgrund längerer Einsätze bis hin zu Gewissenfragen im Umgang mit Schuld, einschließlich der von der wissenschaftlichen Referentin hervorgehobenen resilienzstärkenden Kraft des Glaubens.



