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Aus der Politikwerkstatt im Juni 2026 der Evangelischen Akademie Tutzing: Frisch gewählte Politiker.innen kommen zur Publikumsdiskussion. Hier mit dem Kooperationsteam aus Akademie und Bayerischer Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Kilian Miethaner, Abuzar Erdogan, Daniela Groß, Philine Blees, Julia Wunderlich, Amelie Stutz)info Icon© eat archiv

Aktuelles Mut für Politik: Wie die Politikwerkstatt Vertrauen in die Zukunft schafft

von Rana Husein, Barbara Wiedemann, Julia Wunderlich zeit info 01. Oktober 2026

Wie viel Vertrauen braucht Demokratie? Wem vertrauen wir in Zeiten globaler Krisen, digitaler Umbrüche und wachsender Unsicherheit? Wie können alle Politik aktiv mitgestalten? Mit diesen zentralen Fragen beschäftigten sich rund 80 Tagungsgäste zwischen 16 und 27 Jahren in der Politikwerkstatt im Juni.

Die Politikwerkstatt fand unter dem Titel „Wehrpflicht, Digitaler Euro und Graffiti“ vom 12. bis 14. Juni 2026 in Kooperation des Jungen Forums der Evangelischen Akademie Tutzing und der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit statt. Ein ganzes Tagungswochenende lang drehte sich alles um Vertrauen in die Demokratie, internationale Sicherheitslagen, den neuen Wehrdienst und die Frage, wie junge Menschen in einer digitalisierten Welt politisch handlungsfähig bleiben und mitwirken können. In Vorträgen, Workshops und kreativen Formaten wurden Standpunkte ausgetauscht, es wurde viel diskutiert und sich gegenseitig ermutigt. Die Debatte um den deutschen Wehrdienst, die wachsende Rolle Künstlicher Intelligenz und die politische Instabilität vieler Länder – selten waren tiefgreifende politische und gesellschaftliche Fragen so unmittelbar spürbar wie heute. Die Tagung bot an, tieferliegende politische Linien hinter den täglichen Nachrichten über Gewalt und geopolitische Spannungen zu erkennen und zu fragen, was man tun kann.

Partizipation und Demokratie: „Ihr könnt die Welt verändern“

Politisches Engagement kann vielseitig sein und auch viel bewirken. Das Tagungswochenende machte deutlich, dass Partizipation ein Schlüssel sein kann für mehr Demokratie, Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit. Eine Bandbreite an Themen, die über das gesamte Wochenende präsent waren (wie Klimaschutz, Mobilität, Wohnraum, Finanzen, Jugendbeteiligung und Gendergleichheit) konnte zum Abschluss der Tagung mit drei Politiker:innen diskutiert werden. Philine Blees, CSU, Bürgermeisterin von Obermaiselstein, Abuzar Erdogan, SPD, Oberbürgermeister von Rosenheim und Daniela Groß, Bündnis 90/Die Grünen, Landrätin des Landkreises Landsberg am Lech, wurden bei der Kommunalwahl im März 2026 neu gewählt. Die drei Politiker:innen konnten somit aus unterschiedlichen Blickwinkeln und politischen Werdegängen ihre Erfahrungen teilen, aber auch inhaltliche Themen mit den Teilnehmenden diskutieren.

Komplexe Themen werden auch auf Kommunalebene bearbeitet. Dabei wurde deutlich, dass jede Region unterschiedliche Herausforderungen aufweist, wodurch die Politiker:innen auf der kommunalen Ebene ganz individuell Probleme bewältigen. Philine Blees verwies am Beispiel der öffentlichen Verkehrsanbindung in ihrer touristisch geprägten Gemeinde auf die Stärke der Kommunalpolitik. Diese orientiere sich an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort und sei daher sehr wirkungsvoll. Abuzar Erdogan und Daniela Groß machten auf die angespannte Haushaltslage aufmerksam. Dadurch sei der Ausbau von Infrastruktur letztlich „eine Geldfrage“. Erdogan betonte jedoch: „Wir müssen bereit sein, Geld zu investieren“. Finanzielle Herausforderungen waren themenübergreifend präsent. Es herrschte Einigkeit darüber, dass die finanzielle Lage angespannt sei. Trotz dessen können jedoch wirkungsvolle Maßnahmen umgesetzt werden und manche Investitionen seien unumgänglich.

Auch bezogen auf den Klimaschutz nannten die drei Politiker:innen konkrete Projekte in ihren Kommunen. Sie sahen aber auch übergeordnete Probleme, die eine Kommune allein nicht lösen kann. Auch hier ist die Finanzierung oft ein Dämpfer. Resignation sei deshalb aber keine Option, wie Daniela Groß sagte: „Ich bin ein großer Fan von Zuversicht: wir können das schaffen.“ Kommunalpolitik umfasst nicht nur weitreichende Problemfelder, sondern auch Chancen und lokale Traditionen, die Menschen vor Ort verbinden. Manch lustige Anekdote wurde mit den Teilnehmenden geteilt. Allen drei Politiker:innen sei die Nähe zu den Menschen besonders wichtig, ihnen zuzuhören und somit auch nahbare Politik zu machen. Dabei sei die Parteizugehörigkeit gerade auf kommunaler Ebene oftmals nicht entscheidend.

Die Beteiligung junger Menschen an der Politik, wie beispielsweise durch Jugendparlamente oder innovative Formate, stärke die politische Meinungsbildung und die Demokratie. Jugendbeteiligung kann ein Schlüssel sein, bereits in jungem Alter viel zu bewirken. Dazu muss aber auch die Repräsentation junger Menschen in politischen Gremien weiter ausgebaut werden, ebenso die Repräsentation von Frauen. Abuzar Erdogans Worte richteten sich direkt an die jungen Teilnehmenden: „Ihr könnt die Welt verändern“.

We(h)rdienst: Was bedeutet das neue Gesetz für die junge Generation?

Eben diese Wichtigkeit der Beteiligung junger Menschen an politischen Debatten wird aktuell am Thema Wehrdienst besonders deutlich. Dieses Schwerpunktthema der Politikwerkstatt wurde am Samstag ausführlich diskutiert.

Eine verfassungsrechtliche Einordnung von Prof. Dr. Andreas Funke des Instituts für Rechtsphilosophie und Allgemeine Staatslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg lieferte eine Grundlage und einen breiten Blick auf das aktuell brisante Thema. Er zeigte auf, wie eng Fragen von Freiheit, Sicherheit und gesellschaftlicher Verantwortung miteinander verknüpft sind. „Die Verfassung sagt nicht, wie wir unsere Streitkräfte organisieren müssen“, erklärte Prof. Funke. „Sie sagt nur, dass wir welche brauchen.“ Der neue Wehrdienst, der ab 2026 greift, knüpft an historische Traditionen an, verändert sie aber zugleich. Grundsätzlich gilt weiterhin eine Wehrpflicht für Männer ab 18 Jahren. Eine tatsächliche Dienstpflicht entsteht jedoch erst, wenn der Bundestag einen Spannungs- oder Verteidigungsfall feststellt oder wenn die freiwilligen Meldungen nicht ausreichen. In diesem Fall könne ein Losverfahren entscheiden.

In der anschließenden Diskussionsrunde rückten vier zentrale Konfliktlinien in den Fokus: die Gleichbehandlung von Männern und Frauen, die Ausschöpfung des Einberufungspotenzials, die Fairness eines Losverfahrens und die Berücksichtigung individueller Härtefälle. An diesen Beispielen wurde deutlich, dass die Verfassung zwar den Rahmen vorgibt, die konkrete politische Füllung dieses Rahmens jedoch die Aufgabe des Gesetzgebers bleibt. Der Austausch von unterschiedlichen Argumenten und Lebensrealitäten regte die Teilnehmenden zum Nachdenken an, viele unterschiedliche Perspektiven wurden geteilt und erörtert.

Ecuador: Demokratie im Überlebenskampf

Der Blick wurde aber nicht nur auf das eigene Land gerichtet, sondern auch auf ein Land, das ganz andere Probleme zu bewältigen hat: Ecuador. Wann wird staatliche Instabilität zur Gefahr für demokratische Strukturen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Vortrags von Dr. Andrés González, Politikwissenschaftler und Direktor Académico. Er schaltete sich am Freitagabend aus Quito zur Tagung zu. Ecuador galt lange als vergleichsweise ruhige Demokratie zwischen Kolumbien und Peru. Jedoch prägen heute Gewalt und organisierte Kriminalität das gesellschaftliche Zusammenleben. Dr. González beschrieb eindringlich, wie sich die Sicherheitslage verschärft hat. „Wir haben hier nicht irgendwelche Gangs, die etwas stehlen“, sagte er. „Wir haben es mit international organisierten kriminellen Netzwerken zu tun, die mehr Personal haben als der Staat.“ Besonders besorgniserregend sei der institutionelle Vertrauensverlust. Ein in Ecuador weit verbreiteter Satz fasst das Problem zusammen: „Why hire a lawyer, if you can buy a judge?“ Für Dr. González ist dieser Spruch weniger Ironie als Beschreibung eines Systems, in dem rechtsstaatliche Verfahren an Glaubwürdigkeit verloren haben. Die Folge: Die Jugend interessiere sich kaum noch für Politik: „Viele haben die Hoffnung aufgegeben.“, so Dr. González.

Politik praktisch: Vom Rhetorik-Training bis zum Graffiti

Am Samstagnachmittag wechselte die Politikwerkstatt bewusst die Perspektive: In Workshops wurde Politik praktisch erfahrbar. Ob beim Training von Rhetorik-Skills mit André Vollrath, in der Politikberatung für junge Engagierte mit Demokratietrainer Daniel Wagner oder bei Fragen zu Wasser- und Ressourcenschutzes mit Pascal Rösler und seinem Team von „Pure Water for Generations e.V.“. Bei den Angeboten ging es darum, selbst aktiv zu werden und eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu entdecken. Auch unkonventionellere Ausdrucksformen fanden ihren Platz: Maximilian Welz von „Die Bunten e.V.“ zeigte beim jugendpolitischen Graffiti, wie Kunst im öffentlichen Raum als kraftvolles politisches Statement wirken und gesellschaftliche Missstände sichtbar machen kann.

„Echte Kunst ist echt – und niemals künstlich“

Ein emotionaler Höhepunkt war das Eintauchen in die poetische Welt von Lotta Emilia. Sie ist deutschsprachige Vizemeisterin im Poetry Slam. Mit ihren Texten am Samstagabend nahm sie die Teilnehmenden mit in ihre Welt zwischen kreativem Schreiben, Bühne und gesellschaftlichen Debatten. „Meine Texte sind persönlich, aber nicht privat“, erklärte sie. Emilia betonte, dass Kunst für sie vor allem ein Mittel sei, um echte Verbindungen zwischen Menschen zu schaffen. Politische und gesellschaftliche Themen, das eigene Selbstbild, Wünsche, Träume und Mut verarbeitet sie in ihren einzigartigen Texten sehr kunstvoll.

Besonders leidenschaftlich wurde die Diskussion beim Thema Künstliche Intelligenz. Emilia gab zu bedenken, dass durch Künstliche Intelligenz der menschliche Prozess des Suchens, Zweifelns und Formulierens verloren gehe – und damit auch die Tiefe der Aussage. Schreiben bedeute, den eigenen Gedanken eine Form zu geben und sich verletzlich zu zeigen. „Wenn du nichts zu sagen hast, dann lass es“, lautete einer ihrer Ratschläge. Ihr Appell war eindeutig: In einer digitalen Welt ist Authentizität das wichtigste Gut. Lotta Emilia ließ keinen Zweifel: „Echte Kunst ist echt – und niemals künstlich.“

Ein Raum für Gemeinschaft und freien Meinungsaustausch

Die Politikwerkstatt lebte auch von dem, was zwischen den Zeilen geschah: Es entstand eine besondere Gemeinschaft junger Menschen. Bei strahlendem Sonnenschein und in der einladenden Atmosphäre des Tutzinger Schlosses bot die Tagung einen offenen Raum, in dem jede Meinung gehört und als wertvoller Teil des gemeinsamen Austauschs ernst genommen wurde.

Die Zeit zwischen den Programmpunkten wurde intensiv genutzt, um Kontakte zu knüpfen und sich über Schulformen und Hintergründe hinweg zu vernetzen. Diese belebende Umgebung förderte nicht nur die Erweiterung des Wissens, sondern auch das Vertrauen in den demokratischen Diskurs. Dieses Vertrauen, das zu Beginn der Tagung noch als abstrakte Frage im Raum stand, wurde hier durch das Erleben von gegenseitigem Zuhören und Verstehen wollen konkret greifbar.

Die Politikwerkstatt zeigte damit einmal mehr, was politische Bildung leisten kann: Sie schaffte Begegnungen und stärkte das Bewusstsein, dass Demokratie von Menschen lebt, die bereit sind, sich einzubringen und einander zuzuhören. Motiviert, empowert und neu vernetzt machten sich die rund 80 Tagungsgäste auf den Heimweg – gestärkt durch die Erfahrung, dass ihre Fragen und ihr Engagement einen festen Platz in der Gesellschaft haben.

Aufmacherbild: 
Frisch gewählte Politiker:innen bei der Politikwerkstatt: hier mit dem Kooperationsteam aus Akademie und Bayerischer Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Kilian Miethaner, Abuzar Erdogan, Daniela Groß, Philine Blees, Julia Wunderlich, Amelie Stutz)

Bildergalerie

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Politikwerkstatt Evangelische Akademie Tutzing: In der Rotunde im Juni 2026info Icon© eat archiv

Plenumsdiskussion im Panel mit den drei Kommunalpolitiker.innen Philine Blees (CSU), Daniela Groß (Bündnis 90/Die Grünen) und Abuzar Erdogan (SPD)

Politikwerkstatt Juni 2026: Graffiti Workshopinfo Icon© eat archiv

Graffiti-Workshop mit eigenen Statements

Workshop mit Pascal Rösler in der Evangelischen Akademie Tutzing, direkt am Ufer des Starnberger Seesinfo Icon© eat archiv

Engagement für Wasserschutz: Workshop mit Pascal Rösler

Politikwerkstatt Juni 2026 in der Evangelischen Akademie Tutzing mit Andres Gonzalezinfo Icon© eat archiv

Einblick in die politische Lage Ecuadors mit Dr. Andrés González

Politikwerkstatt in Tutzing: Deutsche Vizemeisterin im Poetry Slam, Lotta Emilia, berührt mit ihren Texten zu gesellschaftspolitischen Themen wie Einsamkeit oder Zukunftsvisioneninfo Icon© eat archiv

Deutsche Vizemeisterin im Poetry Slam, Lotta Emilia, berührt mit ihren Texten zu gesellschaftspolitischen Themen wie Einsamkeit oder Zukunftsvisionen

Seit 8 Wochen im Amt und direkt in der Politikwerkstatt: Bürgermeisterin Blees für Obermaiselstein, Landrätin Groß für Landsberg und Oberbürgermeister Erdogan für Rosenheiminfo Icon© eat archiv

Seit acht Wochen im Amt und direkt in der Politikwerkstatt: Bürgermeisterin Blees für Obermaiselstein, Landrätin Groß für Landsberg und Oberbürgermeister Erdogan für Rosenheim

Politikwerkstatt Juni 2026 in Tutzing: Mit Wasser aus dem Starnberger See eigene Kunstwerke malen für mehr Resilienz, ein gesellschaftlicher Schutzfaktorinfo Icon© eat archiv

Mit Wasser aus dem Starnberger See eigene Kunstwerke malen für mehr Resilienz – ein gesellschaftlicher Schutzfaktor.

Verfassungsrechtler Prof. Andreas Funke bei der Politikwerkstatt der Evangelischen Akademie Tutzing im Juni 2026info Icon© eat archiv

Verfassungsrechtler Prof. Andreas Funke bettet den heutigen Wehrdienst in die gesamtdeutsche Geschichte ein – und eröffnet eigenen, rechtlichen Umgang damit.

Politikwerkstatt der Evangelischen Akademie Tutzing: Graffitikünstler Maximilian Welz zur Frage, ob Graffiti als Kunst politisch ist oder nichtinfo Icon© eat archiv

Graffitikünstler Maximilian Welz zur Frage, ob Graffiti als Kunst politisch ist oder nicht.

Auf dem Porgramm der Politikwerkstatt im Juni 2026: Politische Rhetorik trainieren mit André Vollrathinfo Icon© eat archiv

Politische Rhetorik trainieren mit André Vollrath

Politikwerkstatt Juni 2026: Unter anderem mit: Beratung zu kommunalpolitischem Engagement von Daniel Wagnerinfo Icon© eat archiv

Beratung zu kommunalpolitischem Engagement von Daniel Wagner

Politikwerkstatt Juni 2026 in der Evangelischen Akademie Tutzing: Kooperationsteaminfo Icon© eat archiv

Wir danken der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit für die Kooperation! Im Bild die Mitglieder des Teams: Amelie Stutz, Julia Wunderlich und Kilian Miethaner