Aktuelles Trauer um Prof. Dr. Wolfgang Haber
Die Evangelische Akademie Tutzing trauert um Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Haber. An diesen außergewöhnlichen Menschen, Vordenker und Wegbegleiter erinnert Dr. Martin Held, früherer Studienleiter und heute freier Mitarbeiter der Akademie.
Prof. Haber war ein außergewöhnlicher Wissenschaftler, Pionier der Landschaftsökologie und vielfältiger Anreger weit darüber hinaus. Er ist am 13. August 2026 im Alter von 100 Jahren gestorben. Er war Berater der Politik u.a. mit zahlreichen Expertisen beispielsweise zu den ersten Nationalparken in Deutschland und als Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen und langjähriger Sprecher des Deutschen Rates für Landschaftspflege. Blickt man auf sein Lebenswerk, kann man zusammenfassen, dass er mit einer ganz einmaligen Verbindung von analytischer Schärfe, Nachdruck, Gelassenheit und einem Blick für Zusammenhänge Naturschutziele vorangetrieben hat.
Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 1986 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1989 die Ehrenpromotion durch die Universität Hohenheim und 1993 als Erster den Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.
Für die Evangelische Akademie Tutzing war er ein inspirierender Wegbegleiter, Referent und Kooperationspartner. Die Vielfalt der Themen, die er in unsere Arbeit einbrachte und seine jahrzehntelange Unterstützung haben die Akademiearbeit zu Fragen des Natur- und Umweltschutzes sowie der ökologischen Transformation unserer Gesellschaft über Jahrzehnte geprägt.
Prof. Haber beriet zur Tagung zu den konzeptionellen Grundlagen und Perspektiven der Abfallwirtschaft (19.-21.11.1991) und war Referent. In seinem Buchbeitrag führte er das Konzept der stoffökologischen Perspektiven der Abfallwirtschaft zum Umgang mit Stoffen ein. Dieses Konzept prägte die Arbeit der Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ des Deutschen Bundestags (1992-1994).
Bei einem gemeinsam mit Dr. Manuel Schneider, Schweisfurth-Stiftung, veranstalteten Workshop (1993) formulierte er gemeinsam mit Prof. Dr. Klaus Kümmerer eine neue grundlegende Regel zum nachhaltigen Umgang mit Stoffen. Diese Regel verknüpft die Zeitmaße anthropogener Eingriffe und natürlicher reaktiver Prozesse. Die Enquete-Kommission des Bundestags hat sich diese zeitökologische Regel zu eigen gemacht.
Ebenso hat Prof. Haber maßgeblich zum „Tutzinger Projekt Ökologie der Zeit“ beigetragen. Nachzulesen ist dies etwa in seinem Beitrag „Zeitmaße der Natur. Ökologische Betrachtungen zur Zeit“ im Buch „Von Rhythmen und Eigenzeiten“ (1995). Er war Kooperationspartner bei der internationalen Konferenz „Nachhaltiger Umgang mit Böden. Initiative für eine internationale Bodenkonvention“ (22.-25.11.1998) und Mitherausgeber der Publikation zur Tagung. In einem Gespräch mit Hama Diallo, dem Exekutivsekretär der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung und einem der Stellvertreter des UN-Generalsekretärs Kofi Annan, in Bonn stellte er den von der Akademie koordinierten Entwurf einer Bodenkonvention vor und diskutierte in seiner unübertrefflichen Art sehr angeregt darüber mit ihm.
Wolfgang Haber war mehrfach Referent bei den Akademietagungen zu Wildnis und Naturschutz. Dabei brachte er die Geschichte des Konzepts der Landschaft und des Naturschutzes ein. Wieder und wieder vermittelte er im Unterschied zur lange Zeit vorherrschenden Trennung den inneren Zusammenhang von Naturlandschaften und Kulturlandschaften. In der Kooperationstagung mit dem Bundesamt für Naturschutz „Schutz der Nacht – Lichtverschmutzung, Biodiversität und Nachlandschaft“ (2.-4.12.2011) entwickelte er die Unterscheidung von Tag- und Nachtlandschaften und führte dies in seinem Beitrag zur Publikation näher aus.
Anlässlich seines 80. Geburtstags veranstaltete die Akademie in Kooperation mit Prof. Haber die Tagung „Zukunft der Natur“ (16.-18.9.2005). Er war der Herausgeber der gleichnamigen Publikation (Politische Ökologie 99, 2006). In seinem Beitrag stellte er die Geschichte vom Übergang der Jäger- und Sammlerkulturen in der neolithischen Revolution bis zum heute anstehenden Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung vor. Der Empfang zu seinem runden Geburtstag führte viele Weggefährten und Schüler von ihm aus aller Welt zusammen.
Anlässlich seines 90. Geburtstags veranstaltete die Akademie in Kooperation mit Prof. Haber, Prof. Dr. Markus Vogt sowie den Umweltbeauftragten der Landeskirche und der bayerischen (Erz-)Diözesen die Tagung „Ökologie und Humanität. Die Herausforderungen des Anthropozäns“ (18.-20.9.2015). In einem bewegenden Festvortrag referierte der 90-jährige gleichsam die summa seiner Erkenntnisse und Lebenserfahrungen unter dem Titel „Anthropozän – Folgen für das Verhältnis von Humanität und Ökologie“. Dabei ging er auf die tiefgreifenden Zerstörungen der Ökosysteme und natürlichen Lebensgrundlagen sowie deren Ursachen ebenso ein wie auf die Gegenstrategien und positiven Ansätze (siehe Bild). Die Laudatio beim Empfang zu Ehren von Prof. Haber hielt der frühere Bundesumweltminister Prof. Dr. Klaus Töpfer.
Wolfgang Haber war für die Akademie zu Themen des Naturschutzes, Bodenschutz und Naturschutz, nachhaltigem Umgang mit Stoffströmen, nachhaltiger Entwicklung sowie übergreifend zu den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Ökologie für die Politik und andere Akteure über die Jahrzehnte prägend. Zugleich war er für mich persönlich jahrzehntelang ein Mentor, kritischer Gesprächspartner und freundschaftlicher Wegbegleiter. Für Gespräche hat er sich viel Zeit genommen, viele Texte von mir ausführlich und kritisch kommentiert sowie in vielen Briefen seine Gedanken übermittelt. Dafür bin ich dankbar.
Frühzeitig legte er mir beispielsweise bereits 1987 nahe, mich mit den ökologischen Grundlagen zur Resilienz zu befassen. Dies wurde über die Jahre hinweg für mein Verständnis der grundlegenden Nichtnachhaltigkeit der vorherrschenden Art zu wirtschaften und zu leben maßgeblich. Dies mündete in einen Workshop der Akademie „Resilienz & Vulnerabilität“ (18.-19.9.2014). In Zeiten der multiplen Krisen und den immer heftiger spürbaren Extremereignissen als Folge des Klimawandels sind die damit verbundenen Aufgaben aktueller denn je. Auch nach meiner Verabschiedung als Studienleiter der Akademie war Haber ein wichtiger Gesprächspartner etwa zu meiner Beschäftigung mit einem nachhaltigen Umgang mit Metallen und den Veranstaltungen zur Rohstoffwende Metalle.
Haber war Realist bezogen auf die Treiber der Naturzerstörung. Zugleich war er ein positiv gestimmter Mensch mit enormer Ausstrahlung. In einem persönlichen Schreiben an mich (24. April 2025) formulierte er: „Dennoch wollen und können wir die Hoffnung auf Besserung nicht verlieren. […] Ein Hauptproblem sehe ich in der mangelnden Fähigkeit von Demokratien, sich bei den vielen Krisensymptomen auf Prioritäten zu einigen.“
Die Evangelische Akademie Tutzing trauert um Prof. Dr. Wolfgang Haber. Unsere Anteilnahme gehört seiner Frau und den Familien seiner Kinder.
Martin Held, Freier Mitarbeiter der Evangelischen Akademie Tutzing, arbeitete hier von 1984 bis 2015 als Studienleiter für Wirtschaft und Arbeitswelt sowie nachhaltige Entwicklung.
Bilder: haist / eat archiv