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Aktuelles Was soll aus Europa werden?

Dorothea Grass zeit info 28. März 2019

Vom 15. bis 17. März 2019 fand in Tutzing die Frühjahrstagung des Politischen Clubs statt. Dr. Wolfgang Thierse, Leiter des Politischen Clubs, widmete sich darin Europa. Das Thema hat aktuelle Brisanz: 2019 wird das Europäische Parlament neu gewählt, die Kommission neu aufgestellt und die Staats- und Regierungschefs müssen über die Nachfolge von EU-Ratspräsident Donald Tusk entscheiden. – Ausführlicher Bericht zur Tagung

Der Brexit

Im Januar 2019 hatte das britische Unterhaus den von Premierministerin May und der EU ausgehandelten Entwurf für ein Austrittsabkommen abgelehnt – nachdem die 27 verbleibenden EU-Staaten im November diesem Entwurf zugestimmt hatten. Somit kam die Möglichkeit eines „harten Brexits“ ins Spiel. Doch einige Tage vor der Frühjahrstagung in Tutzing, am 13. März 2019, stimmte das britische Unterhaus gegen einen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU ohne geregeltes Abkommen. Am 14. März wurde auch ein zweites Brexit-Referendum abgelehnt. Während der Tagung in Tutzing wurde vielerorts Unverständnis für die britische Vorgehensweise und das Stimmverhalten des Unterhauses geäußert.

Elmar Brok forderte in Tutzing von den Briten eine Einigung auf eine konstruktive Mehrheit in der Brexit-Frage. Dafür müsse aber „London mit London reden und nicht mit Brüssel“. Dass die Briten noch an der kommenden Europawahl teilnehmen, möchte Brok nicht.

Gesine Schwan bezeichnete das Brexit-Referendum der Briten als „unglaublich verantwortungslose Politik“. Man habe die Europa-Mitgliedschaft „leichtfertig aufs Spiel“ gesetzt.

Der Politiker Michael Link äußerte sich auf dem politischen Podium am Sonntag, 17. März, gegen eine Verlängerung des Brexit-Datums. „Ohne guten Grund“ dürfe es keine Verlängerung geben.

Die Journalisten Malte Pieper (ARD) und Peter Kapern (Deutschlandradio) äußern sich auf dem Journalistenpodium am 16. März genervt bis ironisch zur Brexit-Debatte. Niemand könne einschätzen, ob und wie der Brexit ablaufe. Malte Pieper „wettet, dass der Brexit nie kommt“. Peter Kapern kann sich vorstellen, dass nun eine oder zwei Generationen von Briten von der EU-Mitgliedschaft aussetzen müsse, bevor das Vereinigte Königreich wieder beitrete.

Emmanuel Macrons „Europa“-Manifest

Ein ebenfalls vielfach angesprochenes Thema war das Anfang März erschienene Europa-Manifest von Emmanuel Macron. Am 5. März hatte der französische Staatspräsident einen Essay an die „Bürgerinnen und Bürger Europas“ in großen Tageszeitungen aller 28 EU-Mitgliedsstaaten veröffentlicht. Der Text mit dem Titel „Für einen Neubeginn in Europa“ war ein Plädoyer für ein geeintes Europa. Darin forderte er unter anderem eine „Europakonferenz“, die noch im Jahr 2019 stattfinden sollte und die sich mit Reformen für die Europäische Union auseinandersetzen sollte. Noch nie sei Europa in so großer Gefahr gewesen, schrieb Macron und forderte konkrete Reformen. (Mehr dazu unter diesem Link: https://www.elysee.fr/emmanuel-macron/2019/03/04/fur-einen-neubeginn-in-europa.de) Bereits 2017 hatte er in einer Rede vor Studenten an der Pariser Sorbonne neue Ziele für die EU formuliert und seine „Initiative für Europa“ vorgestellt.

Beide Male, sowohl im März 2019 als auch im September 2017, pflichtete die Bundesregierung wohlwollend bei, wurde aber dabei nie konkret. Besonders vermisst und angemahnt wurde, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel nie konkret zu Macrons Plänen geäußert habe. Diese Meinung klang auch während der Tagung in Tutzing an. Dr. Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D. und Leiter des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing, stellte aufgrund der fehlenden Reaktion der Kanzlerin die Frage, wie es um den viel zitierten „Motor Europas“ (Deutschland/ Frankreich) wohl in Wirklichkeit stehe.

Eine Antwort auf Macron könne nur von Merkel kommen, sagte Michael Roth, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, in Tutzing. Er weist gleichzeitig daraufhin, wie unterschiedlich die Auffassungen beider Politiker seien. Macron tanze „argentinischen Tango“ während Merkel für ihren „Foxtrott“ bekannt sei.

Gleichwohl halten nicht alle und jeder die Ideen Macrons für umsetzbar. Gesine Schwan lobt Macron jedoch dafür, dass er sich „grundsätzliche Gedanken zur Zukunft der EU“ mache, diese mache sich die deutsche Bundespolitik nicht.

In der untenstehenden Bildergalerie haben wir verschiedene Momente der Tagung eingefangen.

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  • info Icon© Politischer Club März 2019 (Haist)

    Auf der Frühjahrstagung haben PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und MedienvertreterInnen mit einem interessierten Publikum Fragen diskutiert wie: Bleibt Europa liberal und weltoffen, getragen von ihrer Gründungsidee einer transnationalen Demokratie – oder wird es zunehmend zerstritten und nationalistisch? Was ist zu tun, um Schaden von Europa abzuwenden? Wie kann man neue Begeisterung wecken, wie die Bürger für Europa gewinnen? Welche Visionen und Zukunftsentwürfe könnten es sein? Welche praktischen Reformschritte sind notwendig, um Europa zu erneuern: ein europäischer Investitionsfonds und/oder Währungsfonds, eine europäische Arbeitslosen-(Rück)Versicherung, gar eine Sozial- und Fiskalunion oder eine europäische Armee? Braucht Europa mehr Integration (und auf welchem Feld) oder weniger?

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  • Im Foyer zwischen Musiksaal und Rotunde von Schloss Tutzing: Ausstellungsstücke des Erlanger Künstlers Sebastian Hertrich. Hier im Bild: „Nike“. Weitere Informationen zur Ausstellung in der Evangelischen Akademie Tutzing auf unserer Homepage.

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  • Elmar Brok MdEP (CDU), Politiker, ehemaliger Präsident der Union der Europäischen Föderalisten (UEF) sowie Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten, Brüssel

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  • Frühlingsboten im Park

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  • Podiumsdiskussion mit Politikern: Wolfgang Thierse (2.v.l.) im Gespräch mit Anna Cavazzini (2.v.r., Bündnis 90/Die Grünen, Politikerin, Kandidierende zur Europawahl 2019), Gunther Krichbaum MdB (ganz links, CDU, Politiker, Vorsitzender des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union des Deutschen Bundestages) und Michael Link MdB (FDP, Sprecher für Europapolitik der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag, Obmann im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union im Bundestag).

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  • Prof. Dr. Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin, Präsidentin und Mitgründerin der Humboldt-Viadrina Governance Platform gGmbH, Berlin

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  • Frühlingshaftes Wetter lockte das Publikum in den Pausen an das Seeufer im Park der Akademie.

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  • Dr. Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a.D. und Leiter des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing

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  • Prof. Dr. Nikolaus Kowall, Professor im Fachbereich Wirtschafts- und Rechtswissenschaften an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

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  • Prof. Dr. habil. Sabine Riedel, Professorin für Politikwissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Wissenschaftlerin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin
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  • Michael Roth MdB, SPD, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Berlin

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  • Stand-Up-Comedy am Samstagabend: Stefan Reusch, Kabarettist, Autor, Moderator und Sprecher aus Köln mit seinem Stück: „Europa zwischen Gut und Böse“.
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  • Prof. Dr. Clemens Fuest, Präsident, ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.
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  • Gespräch mit zwei aus Brüssel berichterstattenden Journalisten: Peter Kapern (li.), Auslandskorrespondent für das Deutschlandradio und Malte Pieper (re.), ARD-Korrespondent.
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