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Udo Hahn, Charlotte Knobloch, Ludwig Spaenle

Aktuelles Eine Mahn- und Gedenktafel gegen Antisemitismus

Dorothea Grass zeit info 30. April 2022

Die judenfeindliche Darstellung in einem historischen Glasfenster in der Schlosskapelle der Evangelischen Akademie Tutzing bleibt nicht länger unkommentiert. Eine Mahn- und Gedenktafel klärt auf und bezieht Stellung gegen Antisemitismus. Zur Enthüllung der Tafel kamen am 29. April Charlotte Knobloch und Ludwig Spaenle in die Akademie und sprachen danach mit Schülerinnen und Schülern.

Es sei für sie „der erste Vorgang dieser Art“, sagte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch, bei der Enthüllung der Tafel in der Tutzinger Schlosskapelle. Sie hoffe sehr, dass weitere Kirchen dem Beispiel folgen und sich überlegen, wie sie mit antisemitischen Motiven in ihren Gebäuden umgehen.

„Wir wollen dieses umstrittene Bild, das der Erbauer der Schlosskapelle, der Kunsthändler Marczell von Nemes, in den 1920er Jahren einsetzen ließ, nicht länger unkommentiert lassen“, so Akademiedirektor Udo Hahn.

Marczell von Nemes gehörte in der Zeit von 1921 bis 1930 das Schloss Tutzing. In dieser Zeit veranlasste er zahlreiche Umbauten, wie zum Beispiel den Umbau der Orangerie in einen Musiksaal, aber auch den Bau der Kapelle. Für deren Fenster ließ er Repliken von Motiven aus Kirchen und Kathedralen aus ganz Europa anfertigen. Das Original der „Kreuzigung Christi mit Ecclesia und Synagoge“ findet sich in der Kathedrale von Bourges (Frankreich) und wurde um 1215 geschaffen.

„Ideen und Symbole, die in der Vergangenheit Hass gesät haben, bestimmen Gott sei Dank nicht mehr unser Denken“, findet Charlotte Knobloch. Damit dies auch so bleibe, müsse man aber die Vergangenheit kennen. „Darstellungen von ‚Ecclesia und Synagoga‘ in unzähligen Kirchen haben über Jahrhunderte zu Hass auf Juden geführt; es ist deshalb richtig und nötig, sie heute rein museal und distanziert zu betrachten.“ Genau dafür stehe auch die Erläuterungstafel in der Schlosskapelle der Evangelischen Akademie Tutzing, so Knobloch weiter.

Antisemitismus bekämpfen: Politische Bildung und Pädagogik von zentraler Bedeutung

Für Akademiedirektor Udo Hahn ist „die historische Kontinuität des Judenhasses eine der größten Gefährdungen unserer Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.“ Die Entwicklung der letzten Jahre habe gezeigt, dass Antisemitismus tief verwurzelt ist. Warum die Gefahr, die von ihm ausgeht so groß ist, erklärte Hahn mit den Worten des Politikwissenschaftlers Samuel Salzborn, der Antisemitismus als „kognitives und emotionales System mit weltanschaulichen Allerklärungsanspruch“ beschreibt. Politischer Bildung und Pädagogik komme aus diesem Grund bei der Bekämpfung von Antisemitismus eine zentrale Rolle zu, so Udo Hahn. Nun seien mehr Sensibilität und entschiedenes Handeln gefragt, sowohl in Politik und Justiz, als auch in den Kirchen und in der Zivilgesellschaft.

Udo Hahn weiter: „Für die Evangelische Akademie Tutzing bedeutet dies konkret, dass wir die Gründung dieser Denkwerkstatt vor 75 Jahren zum Anlass nehmen, uns öffentlich, klar und entschieden mit einer Mahn- und Gedenktafel von einer judenfeindlichen Darstellung in unserer Schlosskapelle zu distanzieren. Derartige Motive prägen nach wie vor das öffentliche Bild, wenn man etwa an die ‚Judensau‘-Schmähplastik an verschiedenen Kirchen denkt. Hinzu kommen Darstellungen in der Kunst, wie die ‚Ecclesia und Synagoga‘, die sich auch in dieser Schlosskapelle findet.“

Dr. Ludwig Spaenle Mdl und Staatsminister a.D., sieht die Evangelische Akademie Tutzing mit der Tafel zwei Zeichen setzen: „Erstens ein klares Ausrufezeichen gegen Judenhass und Antisemitismus sowie für Menschenwürde auch auf der Grundlage des christlichen Verständnisses der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Und zweitens gibt die Evangelische Akademie Tutzing ein Zeichen der Einladung für die bewusste Auseinandersetzung gerade mit schwierigen Themen der eigenen Geschichte. Die Evangelische Akademie setzt nämlich auf eine Kontextualisierung der judenfeindlichen Darstellung und sagt Nein zum einfachen Vergessen – nach dem Grundsatz, was wir nicht mehr sehen, hat es nicht gegeben.“

Spaenle, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, sieht dieses Vorgehen in Einklang mit den Empfehlungen des bayernweiten Runden Tisches, an dem sich Vertreterinnen und Vertreter jüdischer Gemeinden, christlicher Kirchen und staatlicher Institutionen mit dem richtigen Umgang mit judenfeindlichen und antisemitischen Darstellungen an historischen Gebäuden beschäftigt haben. „Das Ergebnis des Runden Tisches war: Die historischen Darstellungen erhalten, den Kontext deutlich erklären und sich von den historischen falschen Botschaften klar öffentlich distanzieren“, so Spaenle weiter.

Eine Mahn- und Gedenktafel mit Aufrufcharakter

Udo Hahn möchte mit der Mahn- und Gedenktafel ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen, aber auch „auch all jene ermutigen, die sich noch in Diskussionsprozessen dieser und anderer antijüdischer Motive befinden, diese zügig zum Abschluss zu bringen.“ Der Befund sei eindeutig, „die Haltung im Umgang mit diesen Kunstwerken muss es auch sein“, findet Hahn.

Für Charlotte Knobloch ist der zukunftsweisende Aspekt in der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit von zentraler Bedeutung: „Deutschland und Europa können sich ihre Geschichte nicht aussuchen, ihre Zukunft aber sehr wohl.“

Im Anschluss an die Einweihung der Tafel in der Schlosskapelle nahm sie sich gemeinsam mit Ludwig Spaenle die Zeit für ein Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der 10. Jahrgangsstufe der Benedictus-Realschule in Tutzing. Etwa eine Stunde lang sprachen mehr als zwanzig junge Menschen mit den beiden Ehrengästen darüber, wie man Antisemitismus heute bekämpfen kann. Am Ende äußerste die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern eine inständige Bitte an sie: „Ihr seid die Zukunft! Interessiert Euch für Euer Land und dessen Geschichte! Ihr müsst dafür sorgen, dass das was geschehen ist, nie wieder geschieht.“

Dorothea Grass

Hinweis:
Hier können Sie die vollständige Rede von Akademiedirektor Udo Hahn nachlesen.
Den Text der Mahn- und Gedenktafel können Sie als PDF unter diesem Link abrufen.

Berichterstattung in den Medien:

Zur Bildergalerie:

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  • Udo Hahn, Charlotte Knobloch, Kapelle Schloss Tutzing

    Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern:

    „Ideen und Symbole, die in der Vergangenheit Hass gesät haben, bestimmen Gott sei Dank nicht mehr unser Denken. Damit dies auch so bleibt, müssen wir aber die Vergangenheit kennen. Darstellungen von „Ecclesia und Synagoga“ in unzähligen Kirchen haben über Jahrhunderte zu Hass auf Juden geführt; es ist deshalb richtig und nötig, sie heute rein museal und distanziert zu betrachten. Genau dafür steht auch die Erläuterungstafel, die in der Schlosskapelle der Evangelischen Akademie Tutzing enthüllt wird: Deutschland und Europa können sich ihre Geschichte nicht aussuchen, ihre Zukunft aber sehr wohl.“

     

    Foto: Oryk Haist / Evangelische Akademie Tutzing

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  • Charlotte Knobloch, Ludwig Spaenle

    Dr. Ludwig Spaenle, Staatsminister a.D., MdL, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe:

    „Die Evangelische Akademie Tutzing setzt mit der Mahn- und Gedenktafel zur Darstellung von Ecclesia et Synagoga in ihrer Kapelle zwei Zeichen: Erstens ein klares Ausrufezeichen gegen Judenhass und Antisemitismus sowie für Menschenwürde auch auf der Grundlage des christlichen Verständnisses der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen. Und zweitens gibt die Evangelische Akademie Tutzing ein Zeichen der Einladung für die bewusste Auseinandersetzung gerade mit schwierigen Themen der eigenen Geschichte. Die Evangelische Akademie setzt nämlich auf eine Kontextualisierung der judenfeindlichen Darstellung und sagt Nein zum einfachen Vergessen – nach dem Grundsatz, was wir nicht mehr sehen, hat es nicht gegeben. Dieses Vorgehen entspricht ganz den Empfehlungen des bayernweiten Runden Tisches, an dem sich Vertreterinnen und Vertreter jüdischer Gemeinden, christlicher Kirchen und staatlicher Institutionen mit dem richtigen Umgang mit judenfeindlichen und antisemitischen Darstellungen an historischen Gebäuden beschäftigt haben. Das Ergebnis des Runden Tisches war: Die historischen Darstellungen erhalten, den Kontext deutlich erklären und sich von den historischen falschen Botschaften klar öffentlich distanzieren.“

     

    Foto: Oryk Haist / Evangelische Akademie Tutzing

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  • Udo Hahn, Charlotte Knobloch

    Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing:

    „Mit einer Mahn- und Gedenktafel setzen wir ein Zeichen gegen Antisemitismus. Damit möchten wir auch all jene ermutigen, die sich noch in Diskussionsprozessen dieser und anderer antijüdischer Motive befinden, diese zügig zum Abschluss zu bringen. Der Befund ist eindeutig – die Haltung im Umgang mit diesen Kunstwerken muss es auch sein.“

     

    Foto: Oryk Haist / Evangelische Akademie Tutzing

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  • Musiksaal, Diskussion mit Schuelerinnen und SChuelern, Realschule Tutzing

    Gespräch im Musiksaal

    Im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern der 10. Klasse der Benedictus-Realschule Tutzing zur Frage „Antisemitismus bekämpfen – aber wie?“: Dr. Charlotte Knobloch und Dr. Ludwig Spaenle, gemeinsam mit Akademiedirektor Udo Hahn und Brigitte Grande, Vorsitzende des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing (rechts im Bild). Die Schülerinnen und Schüler wurden begleitet von ihrer Direktorin Angela Richter und Lehrkraft Katharina Lieb.

     

    Foto: Oryk Haist / Evangelische Akademie Tutzing

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  • Mahn und Gedenktafel, SChlosskapelle Tutzing

    Text der Mahn- und Gedenktafel:

    „Ecclesia und Synagoga“-Darstellungen sind ins Bild gesetzter Antisemitismus

    Das Motiv findet sich seit dem Mittelalter in vielen Kirchen – auch in dieser Kapelle, die Marczell von Nemes (1921 bis 1930 Besitzer von Schloss Tutzing) erbauen ließ. Hier handelt es sich um die Kopie eines Fensters der Kathedrale von Bourges (1215). Die beiden Figuren Ecclesia und Synagoga verkörpern die damalige antijudaistische Auffassung der christlichen Kirche und ihr Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Judentum. Ecclesia, stolz und schön, mit Krone und Kelch als Zeichen für den neuen Bund triumphiert über die schwache Synagoga mit abgewandtem Gesicht, einer Binde vor den Augen und zerbrochenem Stab als Symbol der abgegebenen Herrschaft an das Christentum, unfähig, Jesus als den verheißenden Messias zu erkennen.

    Durch solche und ähnliche Darstellungen wurden Juden von Christen über Jahrhunderte auf schlimmste Weise herabgewürdigt. Damit haben die Kirchen entscheidend zu einer tiefen Verankerung einer antijüdischen Haltung beigetragen und bei der Entstehung des verheerenden und gewalttätigen Antisemitismus der Neuzeit mitgewirkt und Schuld auf sich geladen. Angesichts der Pogrome gegen Jüdinnen und Juden in der Vergangenheit und angesichts des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden durch die Diktatur des Nationalsozialismus soll die Darstellung in der Schlosskapelle heute Mahnung sein, gegen jede Form von Propaganda, Hass, Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus vorzugehen und dafür einzutreten, dass die Würde und die Rechte aller Menschen gewahrt werden.

     

    Foto: dgr/eat archiv

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