
Aktuelles „Fußball ist für mich wie das Leben“
Dorothea GrassPünktlich zur Fußball-Weltmeisterschaft 2026 sprachen Felix Magath, Benedict Hollerbach, Freya Kister, Thomas Grethlein und Thomas Kistner über das „Spiel der Spiele“. Die Matinee zur WM in den USA, Mexiko und Kanada spannte den Bogen von philosophischen Betrachtungen über die Verbindung zwischen Fußball und Politik bis hin zur knallharten Systemkritik.
Manche Menschen können genau benennen, wann sie vom Fußball-Fieber gepackt wurden. Freya Kister etwa, Jugendtrainerin beim TSV Ottobrunn und Helferin im Freiwilligen Sozialen Jahr, kann sich noch genau erinnern, wie es war, als sie als Kind das legendäre Halbfinale der Weltmeisterschaft 2014 verfolgte, „als Deutschland 7 zu 1 gegen Brasilien gewonnen“ hat. Es war der Moment, der ihre Begeisterung für Fußball entzündete.
Am 4. Juni 2026 saß Freya Kister neben dem früheren Fußballprofi und Bundestrainer Felix Magath, dem Bundesligaspieler Benedict Hollerbach vom 1. FSV Mainz 05, dem früheren Aufsichtsratsvorsitzenden des 1. FC Nürnberg und promovierten Philosophen Thomas Grethlein sowie dem Investigativ-Sportjournalist Thomas Kistner von der Süddeutschen Zeitung auf dem Podium. Es ging um die verbindende Kraft des Fußballs, aber auch die Verbindung zur Politik, um Idole und Vorbilder, Fairplay und Fouls – auf dem Rasen und in den Hinterzimmern des Sportmanagements sowie um Philosophisches.
Es sei faszinierend, was die runde Lederkugel beim Homo Ludens, dem spielenden Menschen, bewirke, sagte Studienleiter und Pfarrer Reiner Schübel, der die Veranstaltung auch moderierte. „Fußball berührt unsere Herzen. Männer und Frauen. Sie fallen sich in die Arme, sie trösten sich, sie freuen sich miteinander“ Und dennoch stehe mittlerweile das Spiel der Spieler selbst auf dem Spiel. Unsummen und Kommerz. Korruption und Menschenhandel. Auch im Namen des Bayerischen Bündnisses für Toleranz lud er dazu ein, über den Zauber des Sports, des Fußballs, wie auch den faulen Zauber, ins Gespräch zu kommen.
Zwischen Foul und Fair Play
Als „erstes Magath’sches Theorem“ bezeichnete der Sportjournalist Kistner das, was der ehemalige Bundesligaprofi und Trainer Felix Magath zu Beginn der Runde sagte: „Fußball ist für mich wie das Leben.“ Erstens könne jeder und jede prinzipiell Fußballspielen und zweitens setze sich meistens der Mensch durch, der den größten Willen habe. Einstecken und austeilen zu können gehöre dazu – genauso wie Foulspiel.
„Wenn ich Trainer bin, verlange ich von meinen Spielern, dass sie Foulspielen, wenn sie sich nicht anders helfen können. Ganz einfach, um den Erfolg zu sichern.“ Den Gegenspieler aus Gründen des Fair Play laufen zu lassen, funktioniere nicht. „Also, da lacht sich ja die Welt tot.“ Dass es im Nachhinein Diskussionen geben kann, sei „völlig in Ordnung“.
Benedict Hollerbach, der seine Karriere als Jugendspieler beim TSV Tutzing begann, ist der Auffassung, dass man es sich im Profifußball erlauben können muss, fair zu spielen. Wer mit seiner Mannschaft darum kämpfen muss, nicht abzusteigen, könne sich Fairplay weniger leisten als ein erfolgsverwöhnter Spieler vom FC Bayern. „Meiner Erfahrung nach ist es immer so, dass die Spieler, denen es besonders gut geht, die in den Vereinen spielen, die eigentlich fast immer gewinnen oder die am meisten Ballbesitz haben, dass das immer die größten Moralapostel sind, vor allem nach dem Spiel“, so Hollerbach.
„Fußball ist in der DNA“
Der Sportjournalist Thomas Kister hob hervor, dass Fair Play viel umfassender gedacht werden müsse. In ihrem Training lernten die Kinder, sich auch gegenseitig aufzubauen. Dies stärke den Zusammenhalt. Freya Kister berichtete von ihrer Erfahrung als Jugendtrainerin: Integration funktioniere im Fußball fast ohne (gesprochene) Sprache.
Ob der Fußball gar eine friedenstiftende Kraft habe – darüber gab es in der Runde Zweifel. Fußball besitze zwar ein verbindendes Element, aber schüre auch Emotionen. „Und die Emotionen schießen halt manchmal über. Und das führt natürlich dazu, dass es auch zu Unfrieden kommt“, so Thomas Grethlein.
„Fußball ist mehr als ein Sport, Fußball ist in der DNA“, meinte der Journalist Kistner. In Deutschland werde der Sport mehr als woanders auf der Welt auf das Gefühl einer Nation übertragen und auch von der Politik bewusst eingesetzt. Er erinnerte an die Besuche der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft. Er sagte weiter: „Politik ist Populismus, in unserer Zeit mehr denn je. Und es gibt nichts Populistischeres, nichts Populäreres als den Fußball. Der Sport ist mit Abstand das größte Unterhaltungssegment der Welt. Viel größer als die Filmbranche, viel größer als die Musikbranche.“
Thomas Grethlein ist der Meinung: Fußball sollte sich nicht politisch einspannen lassen, aber natürlich könne er nicht nicht politisch sein. „Natürlich ist der Fußball politisch, indem er sich in der Gesellschaft bewegt, indem er bestimmte Dinge in Anspruch nimmt, indem er in der Gesellschaft diese wichtige Rolle spielt.“
Felix Magath geht die Politisierung des Fußballs zuweilen zu weit. „Der Fußball ist Fußball, er ist nicht politisch, das Fußballspiel ist nicht politisch. Aber wir machen es natürlich zur Politik, oder wir machen was aus dem Fußball. Und deswegen reden wir nur noch darüber, wir reden ja gar nicht mehr über Fußball.“ Er erinnere an eine Begegnung mit einem Menschen, der vor Jahrzehnten nach Deutschland eingewandert ist: „Der Fußball hat ihn integriert. Nicht die Gesellschaft, nicht die Politik. Der Fußball war es. Er hat Fußball gespielt mit anderen zusammen und dadurch hat er Deutsch gelernt und hat sich etabliert in der Gesellschaft. Über den Fußball. Und diese Rolle hat der Fußball immer noch.“
Ist das Maß verlorengegangen?
Auch die Kommerzialisierung des Fußballs kam zur Sprache. Für die anstehende WM hat die FIFA die Prämien verdoppelt. Der Weltmeister wird diesmal als Prämie 50 Millionen US-Dollar erhalten. Für Thomas Grethlein ist da längst das Maß verloren gegangen. „Aristoteles hat immer gesagt, es ist wichtig, im Leben das Maß und die Mitte zu halten. An diesem Spektakel, das jetzt in den USA stattfindet, wird aus meiner Sicht offenbar, dass es kein Maß mehr gibt. Das macht mir Sorge und macht mich auch traurig“, so Grethlein.
Thomas Kistner, der nicht nur 2006 die Amigo-Affäre mit aufdeckte, sondern auch 2014 die Korruption im Weltfußball und den FIFA-Skandal, äußerte die Hoffnung, dass die Kommerzialisierung die Menschen wachrüttelt. FIFA-Präsident Gianni Infantino nennt Kistner ein „riesiges Unglück für den Fußball“. Gemeinsam mit dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump könnte er es schaffen, „die WM in die Grütze zu reiten“.
Benedict Hollerbach sieht die Gefahr, dass die Menschen dem Fußball den Rücken kehren könnten. „Es ist wichtig für die Gesellschaft, dass Fußball weiterhin bezahlbar bleibt“, sagt Hollerbach. Er hofft, dass es zur Kommerzialisierung seines Sports irgendwann eine Gegenbewegung gibt.
Mehr Frauen im Fußball würden „guttun“
Grethlein und Kistner sehen bei den Medien durchaus eine Mitverantwortung. Sie würden den Kommerz fördern. Mehr als drei Viertel der Einnahmen kämen aus dem Verkauf der Übertragungsrechte. Das locke auch Sponsoren an, die für Sichtbarkeit viel Geld auszugeben bereit seien.
Ob der Frauenfußball die Werte wieder aufleben lassen kann, die im Männerfußball verloren gegangen sind? Freya Kistner findet: „Ich finde zum Teil die Akzeptanz und die Toleranz, die im Frauenfußball herrscht, da kann sich der Männerfußball eine große Scheibe von abschneiden.“ Auch Thomas Grethlein sagt, er sei ein Fan des Frauenfußballs. Er beobachtet hier einen größeren Team-Spirit, was daran liegen könnte, „dass sie in der Regel länger zusammenspielen als die Männer und dass sie gemeinsam eine Entwicklung durchmachen, dass sie vielleicht eben noch nicht medial so präsent sind und als Person im Fokus stehen, sondern wenn, dann als Mannschaft“.
Benedict Hollerbach äußerte klar den Wunsch nach mehr Frauen im Männerfußball, etwa als Trainerinnen oder in anderen Funktionen. „Es würde uns guttun“, so Hollerbach. Marie-Louise Eta habe ihn als Trainerin beim 1. FC Union Berlin tief beeindruckt. „Das war das erste Mal, dass ich einen ganz anderen Coaching-Stil wahrgenommen habe“, sagte er.
Ob Deutschland Weltmeister wird? Eher nicht, so die Einschätzung der Gesprächsgäste, die ein Ausscheiden im Viertelfinale prognostizierten und Spanien, Frankreich und England als Favoriten sehen. Aber wer weiß das schon. 2014 hätte auch niemand mit Deutschland gerechnet.
Fotos: dgr/eat archiv
Hinweis: Die Veranstaltung fand statt in Kooperation mit dem Bayerischen Bündnis für Toleranz.







