
Aktuelles Jeder und jede ist ein Kosmos für sich
Dr. Kia VahlandWie kommt es zu dieser Gleichzeitigkeit von Erfolg und Niedergang der Kultur und welche Konsequenzen hat das? Die Kunsthistorikerin und SZ-Redakteurin Kia Vahland über Kultur, Demokratie und den Wert des Imaginären.
Im Umgang mit dem Kulturellen in Deutschland erleben wir gerade eine merkwürdige Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Kultur gewinnt rasant Sympathien; immer mehr Menschen nutzen kulturelle Angebote. Zugleich aber werden diese in vielen Bundesländern und Kommunen von allen demokratischen Parteien rabiat zusammengespart. Wie kommt es zu dieser Gleichzeitigkeit von Erfolg und Niedergang, und welche gesellschaftlichen Konsequenzen hat das?
- Kulturelle Angebote werden immer beliebter – und sie sind ein Wirtschaftsfaktor
In Bayern etwa gehört die Kultur- und Kreativbranche zu den fünf stärksten Wirtschaftszweigen. Der jüngste Bayerische Kultur- und Kreativwirtschaftsbericht bietet aufschlussreiche Zahlen, herausgegeben wurde er vom Wirtschaftsministerium unter Hubert Aiwanger. 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes wird demnach in dieser Branche erbracht, bundesweit sind es 3,3 Prozent. Dies entspricht in Bayern einem Umsatz von mehr als 44 Milliarden Euro in 2022, dem Jahr der letzten Messung, fast drei Prozent der Gesamtwirtschaft. Obwohl die Coronapandemie damals noch nicht überwunden war, hat die Branche ihren Umsatz deutlich gesteigert gegenüber den vier vorangegangenen Jahren.
Knapp über ein Drittel dieser Umsätze entfallen auf die Gaming-Industrie, aber der große Rest verteilt sich auf ganz unterschiedliche Disziplinen vom Verlagswesen über Architektur und Design bis zu den Märkten für darstellende und für bildende Kunst und der Musik- und Filmwirtschaft.
Diese Menschen treten selten als geschlossene Gruppe in Erscheinung, sie sind aber in Summe sehr viele. Fast 345 000 Personen allein in Bayern sind in der Kultur- und Kreativbranche beschäftigt, das sind deutlich mehr Menschen als in Augsburg wohnen. In Deutschland arbeiten in der Branche sogar mehr als anderthalb Millionen. Da sind wir schon bei der Einwohnerzahl von München. Und bei diesen Zahlen sind die Angestellten und Beamtinnen der Kulturverwaltungen, Universitäten, Museen nicht mitgerechnet, geschweige denn alle Kunst-, Musik- und Literaturpädagoginnen. Würde jemand allein um dieses erweiterte Publikum aus Kulturprofis werben, sei es als Politikerin oder Verleger oder Veranstalterin, man käme schnell auf Masse.
Vor allem aber sind diese Profis in der Kreativbranche und in den Kultur- und Bildungseinrichtungen Multiplikatoren.
Sie erreichen vielleicht nicht die gesamte Bevölkerung gleichermaßen, aber doch enorm große Gruppen. Mehr als 29 Millionen Kulturinteressierte hat das Institut für Demoskopie Allensbach in Deutschland in 2024 (AWA) hochrechnet ausgemacht. Dies sind 41,7 Prozent der Befragten. Diese Menschen nutzen auch die Produkte der Kulturwirtschaft intensiv, Podcasts zu Büchern oder Kunst beispielsweise erreichen ein Millionenpublikum: Allein 4,27 Millionen Menschen im Land hören Podcasts zu Kunst, Kultur, Musik oder Literatur. Das ist also nichts Randständiges. Sogar mehr als 46 Millionen Menschen sagen, sie gingen zu Musikveranstaltungen; hochgerechnet 59,6 Millionen sind buchinteressiert. Und fast 33,53 Millionen besuchen demnach Museen und Ausstellungen.
Dazu passt eine Studie des Instituts für Museumsforschung, wonach Menschen in Deutschland den rund 7000 Museen im Land höchstes Vertrauen schenken, übertroffen nur noch von dem Vertrauen in Freunde und Familie, nicht aber von Medien und Wissenschaft. Social Media und auch die Kirchen fallen im Vergleich noch weiter zurück.
Museen mögen nicht überall gleichermaßen voll sein, veraltete Dauerausstellungen mögen in vielen Orten Probleme haben. In Summe aber verkaufen Museen in Deutschland ein Vielfaches der Eintrittskarten von etwa Fußballstadien. Bei aller auch berechtigten Kritik sind sie Institutionen, auf die sich sehr viele Menschen einigen. Dies hängt auch damit zusammen, dass viele Häuser schon sehr lange bestehen und ein Erbe bewahren, das weit in die Geschichte zurückreicht und kulturelle Vergleiche mit anderen Epochen ermöglicht.
Es lässt sich also sagen: Kultur-Pessimismus ist fehl am Platz. Die Liebe zur Kultur, zu den Kulturen in all ihren Spielformen vom Stadtteilkonzert bis zur großen Oper ist da, sie wächst hierzulande, und man muss davon ausgehen, dass die Bemühungen vieler Institutionen in den vergangenen Jahren, ein breites Publikum zu erreichen, inklusiv zu sein, in Gänze sehr erfolgreich waren.
Bloß ist die öffentliche Wahrnehmung eine andere und auch die Politik ist eine andere, die das Feld des Kulturellen bestellt.
- Alle demokratischen Parteien in Deutschland sparen an Kulturförderungen
Deutsche Metropolen erleben infolge der kommunalen Finanzkrise massive Budgetkürzungen. Und Kultur ist keine kommunale Pflichtaufgabe; sie gehört nicht zur Daseinsversorge wie Wasser, Schulen, Müllabfuhr. Also wird hier gekürzt. In Dresden ist von einer 4, 76 Millionen-Euro-Kulturkürzung im Doppelhaushalt 2025 / 26 die Rede. Das international renommierte wissenschaftshistorische Deutsche Hygienemuseum kann in der Folge auch Landesmittel verlieren. Ihm droht ein Kollaps, obwohl es doch ein Ort der Aufklärung sein sollte in Zeiten, in denen biologische, klimatische und kulturell-politische Faktoren einander so durchdringen wie im Moment. Die Dresdner Kulturbürgermeisterin (Annekatrin Klepsch) ist von den Linken, der Oberbürgermeister ist ein Politiker der FDP.
Die Stadt München dagegen wird bisher von Grünen und SPD regiert. Hier sollen fast zwölf Millionen Euro in 2025 gespart werden, kürzen müssen etwa die Münchner Kammerspiele mit ihrem jungen Publikum oder die Städtische Galerie, das Lenbachhaus, Heimat des Blauen Reiter. Ursprünglich sollten noch fünf Millionen Euro mehr wegfallen, damit hätte das Münchner Volkstheater auf Kippe gestanden. Auch die freie Szene, die sich im teuren München sowieso schwertut, ist betroffen.
In Berlin regieren Christ- und Sozialdemokraten. Sie brachten mit rabiaten Kürzungen die gesamte Kulturszene gegen sich auf. 2026 sollen 149 Millionen Euro, 2027 etwa 164 Millionen Euro wegfallen, in 2025 waren es schon 131 Millionen. Solche Summen lassen sich durch private Förderungen oder höhere Ticketpreise nicht wettmachen. Dass Touristen in Berlin gerade Kultur suchen und Einheimische oft genau deshalb noch dort wohnen, hilft den Museen, Orchestern und Theatern nicht. Die Kulturlandschaft wird sich verändern.
Nicht nur die kulturellen Zentren drohen zu verarmen, auch ländliche Gebiete verlieren viel, etwa 38 Millionen Euro im Land Sachsen, das sogar ein eigenes Kulturraumgesetz hat. Die Politik zieht sich zurück gerade auch aus infrastrukturschwachen Regionen, in denen ihre Hilfe besonders gebraucht wird.
- In der Corona-Pandemie wurde mit dem Wert des Kulturellen experimentiert
Offenbar halten viele Politikerinnen und Politiker verschiedener Parteien Kulturkürzungen für das kleinere Übel, für irgendwie verschmerzbar. Vielleicht ist das einfach eine pragmatische Entscheidung, weil sich keine anderen Sparmöglichkeiten finden. Den aktuellen Einschnitten aber ist etwas vorausgegangen: die Experimente mit den Kultureinrichtungen in den Coronajahren.
Selbstverständlich war es in der Zeit vor den Covid-Impfungen ein Gebot der Vernunft, Abstandsregeln einzuhalten und nicht Hunderte in unbelüfteten Räumen zusammenzubringen. Doch vielerorts entschied die öffentliche Hand, zuerst und besonders radikal Kulturhäuser einzuschränken, und es drängte sich der Verdacht auf, dass viele Verantwortliche dies taten, weil eine solche Demonstration von Entschlusskraft in diesem Bereich einfach war. Museumsdirektorinnen oder Theater-Intendanten kann man einfach anweisen, die Türen zuzulassen.
Bei Wirtinnen wäre das schon schwieriger, und bald schon gab es etwa in Bayern Ausnahmeregelungen für Gaststätten, Friseure und dann auch Baumärkte, während den Kulturhäusern erst einmal kein noch so ausgetüfteltes Belüftungskonzept half. Noch in 2022 brauchte man im monumentalen Haus der Kunst in München einen Test und Impfnachweise, während in einem engen Café niemand nach dem Gesundheitsstatus fragte.
Das Problem bei Corona waren also nicht die Schutzmaßnahmen an sich, für die es sehr ernsthafte Sachgründe gab, sondern das Problem war die Benachteiligung der Kultur gegenüber anderen Lebensbereichen. Dies kam einem Testlauf gleich, wie verzichtbar Kultur eigentlich ist. Verhandelt wurden in der medial-politischen Sphäre die Prioritäten, was wirklich lebensnotwendig ist, und die Kultur wurde nicht immer und überall dazu gezählt. Weswegen dann in der Folge umfangreiche Förderprogramme für selbständige Künstlerinnen und Künstler nötig wurden, und tatsächlich: Diese Programme haben erfolgreich viele Existenzen durch die Pandemie gerettet, sonst sähen die Beschäftigtenzahlen heute anders aus.
- Rechtspopulisten kämpfen um kulturelle Vorherrschaft
Nun müsste es in entspannten Zeiten kein Schaden sein, wenn die Kreativen sich ein Stück weit von der öffentlichen Hand emanzipieren und es vielleicht sogar gelingen könnte, effiziente parallele Strukturen zur offiziellen Kunstförderung aufzubauen. Was also ist dann das Problem mit den Kürzungen?
Der Punkt ist: Diese Zeiten sind nicht entspannt.
Es sind ja lediglich die demokratischen Parteien, die sich für Kultur offenbar immer weniger interessieren und sie zur Not in Teilen für verzichtbar halten. Extremistinnen und Extremisten sehen das anders, sie setzen auf Kulturthemen. So wie das auch Rechtsextreme in anderen europäischen Ländern längst tun, kämpft in Deutschland die AfD um kulturelle Vorherrschaft, hierzulande auch mit dem Ziel, die deutsche Erinnerungskultur zu stürzen. Stadträte und Landtagsabgeordnete der AfD hinterfragen immer wieder Kulturzuschüsse gerade für kleine Institutionen, die sich in der Kunst politische Reflexionen erlauben. In Sachsen-Anhalt etwa drang die AfD-Fraktion 2020 auf Mittelkürzungen bei Theatern, die politisch „höchst einseitig orientiert“ seien und zudem zu wenig deutsche Stücke spielten. Dort wurde auch gegen das Bauhaus gehetzt und der Romantiker Caspar David Friedrich völkisch vereinnahmt, beides in einer Rhetorik, die sich offenkundig an den nationalsozialistischen Deutungen der 1930er Jahre orientierte. Und ein AfD-Bundestagsabgeordneter erklärte einmal rundheraus, es werde ihm „Ehre und Freude sein, die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff zu nehmen“.
Die AfD und noch mehr ihr Umfeld kämpfen also offen gegen eine Kulturpolitik, die Freiräume ermöglicht und sie kämpfen gegen das demokratische Grundverständnis, wonach die öffentliche Hand sich herauszuhalten hat aus der Kunst, die sie fördert. Diese Partei will Kuratorinnen, Regisseuren, Dirigentinnen politische Vorgaben machen.
Umso wichtiger ist es, den freiheitlichen Kulturbegriff zu verteidigen, übrigens auch gegen alle wohlmeinenden Verzweckungen, also gegen die Vorstellung, Kulturprojekte sollten nicht einfach nur Demokratie leben, sondern müssten Demokratie auch immerzu erklären und deren Ideale pädagogisch vermitteln. Wer meint, solche Rechtfertigungen nötig zu haben, um Kultur zu fördern, hat sie nicht verstanden.
- Kultur ermöglicht Denkräume und hilft, Phantasien zu verstehen
Wenn aber Kultur nicht dazu dient, Demokratie zu erklären, was ist dann für die Gesamtgesellschaft so schlimm daran, sie ein wenig zu vernachlässigen? Trifft es nicht doch vor allem einige Kunstliebhaberinnen, Opernfans und Kinogänger, die sich auf eigene Kosten selbst beschäftigen könnten?
Ein solcher Elitenverdacht schwingt häufig mit. Dieser erscheint der eigentliche Hintergrund und Grund zu sein für den merkwürdigen Widerspruch zwischen zunehmender Kulturbegeisterung und abnehmender politischer Unterstützung. All der Kleinkunst, dem Theater, den Literaturclubs haftet ein Hauch von Luxus an; Kultur ist Freizeitvergnügen und das kann in diesem Denken doch nicht so relevant sein wie vermeintlich harte Themen, Wirtschaft oder Geopolitik.
Dies ist ein gefährlicher Irrtum. Kulturelle Muster und Vorannahmen durchdringen Wirtschaft, Geopolitik und alle anderen Politikbereiche.
Kultur erschließt und verarbeitet das Imaginäre, sie konfrontiert uns mit den Phantasien anderer, die von unseren eigenen abweichen können. Bücher, Kunstwerke oder Sonette geben Einblicke in fremde Innenleben; sie lehren, was alles denkbar, phantasierbar, manchmal auch furchtbar ist und wie dies sich von der äußeren Welt unterscheidet. Kultur schützt uns so auch vor uns selbst, nämlich davor, unsere Gefühls- und Gedankenwelten für die – womöglich einzige – Realität zu halten. Kunst eröffnet, wie der Kunsthistoriker Aby Warburg es nannte, Denkräume. So entsteht eine Distanz zwischen dem Gesehenen, Gelesenen, Gehörten und dem Publikum. In diesem Zwischenraum wächst die Reflexion. Und mit ihr auch das Denken in Möglichkeiten darüber, was auch das Leben noch alles zu bieten haben könnte.
Nur ist es ja so: Es erfindet nicht nur die Theaterautorin Geschichten oder vielleicht noch das fünfjährige Kind. Sondern jeder und jede verfügt über ein reiches und vermutlich kaum je nur einfaches Innenleben. Sie kramen vielleicht im Supermarkt im Schokoladenregal und sehen aus dem Augenwinkel eine Kassiererin, die auf den nächsten Kunden wartet. Und Sie denken nur, hoffentlich erledigt die Angestellte meine Einkäufe schnell. Die Frau aber nutzt die vielleicht ein, zwei Sekunden Wartezeit, um sich an etwas Schönes oder Schreckliches zu erinnern; sie assoziiert vielleicht mit dem Anblick der Schokolade ein altes Weihnachtserlebnis oder sie plant ihren nächsten Urlaub. Sie erlebt einen stream of consciousness, einen Gedankenstrom aus Bildfetzen, losen Sinnzusammenhängen, vielleicht auch Tönen und Gerüchen, wovon Sie als Außenstehende gar nichts ahnen.
Und so ist jeder und jede ein Kosmos für sich. Die Ingenieurin, der Hausmeister, die Ministerin, die Multimillionärin oder der Obdachlose imaginieren alle ständig irgendetwas, ob sie nun Bücher lesen, Bilder malen oder nichts dergleichen sie je interessiert hat.
Und sie alle tragen auch die Sehgewohnheiten und das Wissen ihrer und anderer Kulturen ein Stück weit mit sich. Der Anblick einer trauernden Mutter auf einer Kriegsfotografie im Netz kommt so auch denen vertraut vor, die nie ins Museum oder in die Kirche gehen und nicht wissen, dass sie gerade eine Pietà sehen. Wirksame Bilder und Metaphern bleiben nicht zwischen Buchdeckeln, auf einer CD gepresst oder im Bilderrahmen eingezwängt; sie wandern in die Welt hinaus und gesellen sich zu uns.
- Kultur schützt vor Vereinsamung und vor Realitätsverlust
Wenn nun irgendwann die Kunst in all ihren Spielarten nichts mehr zählen würde, dann würde auch dieses mehr oder weniger bewusste Wissen über tradierte Formen schwinden. Dann wäre jeder und jede mit seinem oder ihrem inneren Kosmos endgültig alleine. Denn dann würde nicht mehr nur das kunstvolle Lesen und Schauen und Hören verlernt, sondern auch das Sprechen über Befindlichkeiten und Sinneseindrücke. Und wenn wir uns nicht mehr auf dieser tieferen Ebene ausdrücken und mitteilen können, Wahrnehmungen nicht mehr abgleichen miteinander, dann verlernen wir irgendwann zu unterscheiden zwischen Phantasie und Realität.
Genau darauf zielen gerade die erfolgreichsten Rechtspopulisten. Sie versuchen, kollektive Emotionen, kollektive Bilder und Metaphern zu modulieren, gerne negative Empfindungen wie Wut, Frustration, Hass. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun sagte kürzlich in einem Spiegel-Interview, das Unbewusste sei zum Schlachtfeld der Politik geworden. Dieser Übergriff auf das Imaginäre geschieht mit einer Flut an Nachrichten; sie geschieht mit Bildern, mit Memes in Social Media, mit Videos. Bildern drohen dabei, in die äußere Wirklichkeit einzudringen.
Das Magazin Atlantic fragte Donald Trump, wie ihm das gelinge: sich etwas auszudenken und dies dann Realität werden zu lassen. Der US-Präsident bezog diese Frage auf seine Behauptung, Biden habe ihm 2020 die Wahl gestohlen. Er antwortet: “Well, I’d like to say that that is reality. You know, I’m not creating it. But maybe you could use another subject, because probably I do create some things, but I didn’t create that; I think that is reality. I have an amazing group of people that love what I’m saying.” Die „gestohlene Wahl“ von 2020 hält er demnach für ein Fakt, aber in anderen Punkten kreieren er und sein Team Dinge und wiederholen sie. So kann die Grenze von Realität und Wunschdenken verschwimmen.
Mit diversen – zunehmend auch KI-erzeugten – Manipulationen von diversen Akteuren müssen in der Gegenwart und absehbaren Zukunft alle umgehen. Ausgerechnet jetzt die Expertise von Performerinnen, Musikern, Schriftstellerinnen nicht zu nutzen, sie mit Existenzsorgen zu beschäftigen statt mit Kunst, wäre politisch und gesellschaftlich grob fahrlässig. Nicht, weil Künstlerinnen und Künstler die Demokratie erklären oder retten könnten, sondern weil sie ihr Publikum Selbstverteidigung und Selbstvertrauen lehren. Und das braucht es, um die liberale Ordnung zu schützen vor den Zumutungen der Gegenwart.
Die Autorin Mely Kiyak schrieb in der Zeit: „Politisch ist alles hin, worauf Feingeister stehen, Contenance, Takt, leises Sprechen. Aber das ist erst der Anfang, das wird noch unvorstellbar ekelig und gewaltvoll alles.“ Und weiter: „Aber ich bleibe bei meinem Sound. Für uns, die Kunstarbeiter, beginnt nun jene Phase, wo wirklich Grips und Fantasie benötigt werden, und die, rein schöpferisch gesprochen, die wichtigste Periode sein wird.“
Damit sollten wir, das Publikum, Künstler und Literatinnen nicht allein lassen. Wir werden sie noch mehr brauchen als das immer schon in der Geschichte der Menschheit der Fall war.
Manuskript des Vortrags von Dr. Kia Vahland, gehalten am 21.06.2025 in der Sommertagung des Politischen Clubs zum Thema „Kulturpolitik, Kulturjournalismus, Kulturkampf“. Das ausführliche Programm können Sie hier abrufen.
Über die Autorin:
Dr. Kia Vahland ist Redakteurin der Süddeutschen Zeitung mit den Schwerpunkten Kunst, Kultur, Geschichte und Politik.
Bild: Kia Vahland im Juni 2025 in der Rotunde. (Foto: dgr/eat archiv)






