icon button icon button Aktuell
Bild Journalismus: Zwischen Algorithmen, Öffentlichkeit und Zusammenhaltinfo Icon© Udo Hahn, Ulrich Wilhelm, Dr. Dirk Ippen, Dieter becker (Foto: Haist/eat archiv)

Aktuelles Journalismus: Zwischen Algorithmen, Öffentlichkeit und Zusammenhalt

Dorothea Grass zeit info 04. April 2019

Der rasante digitale Fortschritt stellt die Medien vor große Herausforderungen. Doch auch das Selbstverständnis der JournalistInnen unterliegt einem Wandel. Bei der Podiumsdiskussion zur „Zukunft der Medien“ haben der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, und der Münchner Verleger Dirk Ippen die Bedeutung von Journalismus für den Zusammenhalt der Gesellschaft hervorgehoben.

Der rasante digitale Fortschritt stellt die Medien vor große Herausforderungen. Doch auch das Selbstverständnis der JournalistInnen unterliegt einem Wandel. Bei der Podiumsdiskussion zur „Zukunft der Medien“ haben der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, und der Münchner Verleger Dirk Ippen die Bedeutung von Journalismus für den Zusammenhalt der Gesellschaft hervorgehoben.

Die Gesellschaft drifte immer weiter auseinander, weil jeder seine Meinung ungefiltert und ohne großen Aufwand über das Internet veröffentlichen könne, sagte der ARD-Vorsitzende Wilhelm am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion zur „Zukunft der Medien“ in der Evangelischen Akademie Tutzing. Dieser Trend werde durch technologische Entwicklungen wie das selbstfahrende Auto verstärkt: Wenn Menschen beim Fahren die Hände frei haben, würden sie zusätzliche mediale Angebote nutzen, die ihnen über das Cockpit der Fahrzeuge eingespielt werden.

Dieser „kompletten Unübersichtlichkeit“ durch ein immer größeres mediales Angebot und der damit einhergehenden weiteren Auseinanderdifferenzierung der Gesellschaft müsse seriöser Qualitätsjournalismus Einordnung und Orientierung entgegensetzen, betonte Wilhelm. Dadurch könne der Gefahr begegnet werden, dass die Gesellschaft weiter polarisiert wird und es durch Echokammern und Blasen im Netz nurmehr um eine Mobilmachung der eigenen Anhängerschaft gehe, was zu einer „Auflösung der Demokratie“ führen könne.

Grundlage für solchen Journalismus ist Zeitungsverleger Ippen zufolge die kritische Recherche. Weil dieser aufwendige recherchierende Journalismus auf Dauer jedoch nicht mehr zu finanzieren sei, werde es immer häufiger zu Rechercheverbünden mehrerer Medien kommen. Außerdem werde es in Zukunft vermehrt Kooperationen von Tageszeitungen geben, prognostizierte Ippen.

Journalistisches Selbstverständnis im Wandel

Die Tageszeitungen bleiben nach seiner Einschätzung weiter wichtiger Wirtschaftsfaktor der Verlage. Denn Bezahlmodelle durch Online-Angebote ließen sich nur schwer verwirklichen. Wie Ippen sagte, zählt der Internetauftritt seiner Zeitungsgruppe zwar 200 Millionen Besucher monatlich. Diese Reichweite würde aber zusammenbrechen, wenn die Besucher für das Online-Angebot Geld bezahlen müssten.

Durch neue mediale Konkurrenzen habe sich das Selbstverständnis von Journalisten grundlegend geändert, sagte Ippen. Denn früher seien die Journalisten eine Art „Priesterkaste“ gewesen, weil nur über die etablierten Medien publiziert werden konnte. Das sei heute anders.

Die EU-Urheberrechtsreform begrüßten Ippen und Wilhelm grundsätzlich. Allerdings sei sie keine ideale Lösung, wie Ippen betonte. Denn Internet-Filter könnten auch ein gefährliches Instrument sein, etwa in Ländern ohne Meinungsfreiheit. Intendant Wilhelm regte erneut den Aufbau einer digitalen europäischen Plattform als Gegengewicht zu den dominierenden US-amerikanischen Anbietern Google und Facebook an.

Die Podiumsdiskussion der Medienexperten stand im Rahmen der Reihe „Tutzinger Reden“, die gemeinsam von der Evangelischen Akademie und dem Rotary Club Tutzing veranstaltet wird.

unter Verwendung von Material des Evangelischen Pressediensts EPD

Die Eingangs-Statements zur Debatte von Ulrich Wilhelm und Dr. Dirk Ippen können Sie in unserer Mediathek nachhören.

Bild: Von links nach rechts: Akademiedirektor Udo Hahn, Intendant Ulrich Wilhelm, Verleger Dr. Dirk Ippen und Rotarier Dieter Becker (Foto: Haist/eat archiv).

icon button icon button icon button icon button
  • Für Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks und Vorsitzender der ARD, ist die Zukunft der Medien mit der Zukunft der Gesellschaft verwoben. Die Digitalisierung liefere einen „ambivalenten Befund“, so Wilhelm. Jeder könne heute Öffentlichkeit herstellen, dazu brauche man keine Medien mehr. Dass der erleichterte Zugang zu Wissen aber auch das Verständnis von Dingen und die Erkenntnis erleichtere – das bezweifelt der ARD-Vorsitzende.

    (Foto: Haist/eat archiv)

    1 / 4
  • Auch der Verleger und Herausgeber des Münchner Merkur Dr. Dirk Ippen sieht sich und seine Branche durch die Digitalisierung vor großen Herausforderungen. Vor allem in den Städten habe es die gedruckte Presse zunehmend schwer. Zu den größten Auflagenverlierern zählen laut Ippen die Boulevardmedien. Dennoch wehrt er sich dagegen, die nähere Zukunft zu dramatisch zeichnen zu wollen: „Wir müssen uns Gedanken machen, aber nicht gleich den Untergang der Welt beschwören.“

    (Foto: Haist/eat archiv)

    2 / 4
  • Dieter Becker, Präsident des Rotary Clubs Tutzing, erwähnte in seiner Begrüßungsrede das Buch „Transparenzgesellschaft“ des Karlsruher Philosophen Byung-Chul Han.

    (Foto: Haist/eat archiv)

    3 / 4
  • info Icon© Udo Hahn (Foto: Haist)

    Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing, sieht neben der politischen Debatte um die Medien auch eine Debatte um ihren Auftrag.

    (Foto: Haist/eat archiv)

    4 / 4