
Aktuelles Kanzelrednerin Stetter-Karp: „Kirchen sind Kitt in der Gesellschaft“
epd & Hannah Ruopp & Dorothea GrassIn Zeiten der Umbrüche Hoffnung bewahren und handlungsfähig bleiben – wie geht das? In ihrer Kanzelrede ging die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken auf aktuelle Herausforderungen, die Rolle der Kirche und einen Kompass in Krisenzeiten ein.
Nach Ansicht von Irme Stetter-Karp ist der Stellenwert der Kirchen in Deutschland von großer Bedeutung, wenn es um den „Kitt in dieser Gesellschaft“ geht. Bei ihrer Kanzelrede am 29. März 2026 in der Münchner Erlöserkirche sagte die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), dass Kirchenmitglieder anderen Menschen und gesellschaftlichen Institutionen deutlich mehr Vertrauen schenkten als Konfessionslose. Kirchlich Engagierte hätten zudem ein besonders ausgeprägtes Vertrauen in demokratische Institutionen. „Wer also fragt, wer unsere Demokratie trägt, sollte auch auf die Kirchen schauen“, so Stetter-Karp.
Kirchenmitgliedschaft bedeutet oft auch Engagement
Laut der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, so Stetter-Karp, sei fast die Hälfte der katholischen und evangelischen Kirchenmitglieder in Deutschland ehrenamtlich aktiv, auch außerhalb der Kirche. Das mache Hoffnung vor dem Hintergrund der tiefgreifenden politischen und sozialen Herausforderungen der Zeit. Zugleich habe die katholische Kirche durch Machtmissbrauch und Fälle von sexualisierter Gewalt mit einem hohen Glaubwürdigkeitsverlust zu kämpfen, der hohe Austrittszahlen nach sich zieht.
Die promovierte Sozialwissenschaftlerin, Sozialpädagogin und Medizinethikerin übte auch Selbstkritik an ihrer Kirche. Sie sprach sich für eine stärkere Machtteilung aus: „Wie sollen Menschen unserem politischen Engagement trauen, wenn die katholische Kirche in ihrer Verfassung nicht bereit ist, Macht zu teilen?
„Ohne Werte kein Europa“
Die Debatte um Krieg und Verteidigungsfähigkeit war ebenfalls ein Thema der Rede. Geopolitisch stünde die Welt an einem Übergang zu einer neuen Epoche, so Stetter-Karp. Die regelbasierte Ordnung existiere nicht mehr, dagegen ersetze das Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts. Auch Europa stehe an einem Wendepunkt. In dieser Situation gehe es darum, die europäischen Werte zu verteidigen, wie sie in der Charta der Grundrechte und im Vertrag über die Europäische Union festgehalten sind: „Menschenwürde, Freiheit. Demokratie, Gleichheit, Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte.“
„Ohne Werte kein Europa“, so Stetter-Karp. Und weiter: „In der Ukraine, auf dem Westlichen Balkan und im Kaukasus kämpfen Menschen für die Freiheit und wollen Teil eines geeinten Europas sein. Diese Menschen zeigen, warum es wichtig ist, den Aufbau Europas als Friedenskontinent fortzusetzen. Sie zeigen, wo Europas Zukunft liegt.“
Forderung nach „Friedensfähigkeit der Gesellschaft“
Die Anliegen des ZdK – die Entwicklung der eigenen Identität, der Dienst für die Gesellschaft, ihre Verteidigungsfähigkeit und Krisenresilienz – seien verbunden mit dem Wunsch nach Sicherheit, Frieden und Versöhnung. Frieden zwischen den Völkern, so Stetter-Karp, erfordere jedoch zuerst die Friedensfähigkeit der Gesellschaft.
Irme Stetter-Karp hatte ein Zitat des französischen Jesuiten, Paläontologen, Anthropologen und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin als Titel für ihre Kanzelrede gewählt: „Die Zukunft gehört denen, die der Nachwelt Grund zur Hoffnung geben.“
In Zeiten weltpolitischer Konflikte und Umbrüche, so Stetter-Karp, orientiere sie sich am Evangelium. Die frohe Botschaft „Fürchtet euch nicht“ wolle den Gläubigen Mut machen. Daraus ergebe sich auch die Tatkraft für christliches Engagement: Es sei notwendig immer wieder um Positionen und Werte zu ringen. Stetter-Karp plädierte dafür, im Engagement für Menschenwürde, Chancengleichheit, Demokratie und den interreligiösen Dialog nicht nachzulassen. Glaube brauche auch Öffentlichkeit und müsse sich gesellschaftlichen Debatten wiederfinden.
„Leben heißt immer: sich in Bewegung setzen“
Mit einem Appell an die Hoffnung schloss Irme Stetter-Karp ihre Rede und zitierte dabei Papst Franziskus: „Um wirklich zu leben, kann man nicht sitzen bleiben. Leben heißt immer: sich in Bewegung setzen, auf den Weg machen, träumen, planen, offen für die Zukunft sein.“
Die Kanzelrede ist ein Format, zu dem die Evangelische Akademie Tutzing in Kooperation mit dem Freundeskreis der Akademie seit 1997 bekannte Personen als Rednerinnen und Redner einlädt. Zu ihnen zählten etwa der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck, Theaterregisseur Christian Stückl oder die VdK-Präsidentin Verena Bentele. Zweimal im Jahr findet die Kanzelrede in der Schwabinger Erlöserkirche statt.
unter Verwendung von Material des Evangelischen Pressedienstes (epd)
Redemanuskripte
- Die vollständige Rede von Dr. Irme Stetter-Karp können Sie hier nachlesen.
- Die Begrüßungsrede von Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing lesen Sie hier.
In Kürze finden Sie das Video der Rede von Irme Stetter-Karp auf dem YouTube-Kanal der Evangelischen Akademie Tutzing. Zum Kanal









