
Blog-Beitrag Wissenschaftliche Personalstrukturen brauchen Resilienz statt struktureller Instabilität
Amrei Bahr, Kristin Eichhorn, Sebastian KubonWer in Deutschland in wissenschaftlichen Einrichtungen arbeitet, ist oft über lange Zeit prekär beschäftigt, unterliegt steilen Hierarchien – und wird nicht selten in seiner wissenschaftlichen Freiheit eingeschränkt. Unser Gastautorenteam fordert: Das Wissenschaftssystem sollte sowohl gegenüber vorauseilendem Gehorsam von innen als auch gegenüber Angriffen von außen wehrhafter gemacht werden.
Resiliente und nachhaltige Wissenschaft braucht gute Arbeitsbedingungen. Was sich nach einer Binsenweisheit anhört, ist tatsächlich alles andere als selbstverständlich. So ist das Gros des wissenschaftlichen Personals in Deutschland nur befristet angestellt – und das in der Regel über mehrere Jahrzehnte hinweg, wobei sich oft zahlreiche kurz befristete Arbeitsverträge aneinanderreihen. Die deutsche Wissenschaft ist auf diese Weise von starken Hierarchien geprägt, weil die befristet beschäftigten Wissenschaftler*innen sich in starker Abhängigkeit von ihren Vorgesetzten, aber auch von Gutachter*innen befinden, die über ihre Qualifikationsschriften und Drittmittelanträge (und somit entsprechende Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten) entscheiden. Diese Hierarchien laden zu Machtmissbrauch ein und stellen eine enorme Belastung für alle Beschäftigten dar. Berufliche Unsicherheiten müssen privat abgefangen werden, was nicht alle leisten können. So selektiert das Wissenschaftssystem keinesfalls nur nach akademischer Leistung, wie oft behauptet wird. Im Gegenteil: Personen mit familiären Belastungen, eigenen Erkrankungen und ohne finanzielles Polster etwa verlassen die Wissenschaft überproportional häufig, weil ihnen strukturell zu viele Steine in den Weg gelegt werden. Die Folge: Von der viel beschworenen Diversität ist spätestens auf der Ebene der Professur kaum noch etwas zu erkennen. Wir haben es daher eher mit einer Verbliebenen-, nicht der behaupteten Bestenauslese zu tun.
„Zur Anpassung erzogen“
Neben diesen unzumutbaren Bedingungen für Beschäftigte führt unsere aktuelle wissenschaftliche Personalstruktur auch inhaltlich zu Problemen: Wer ständig um die nächste Verlängerung bangt und die eigene Forschung immer wieder danach ausrichten muss, bestimmten Fördervorgaben zu genügen, wird zur Anpassung erzogen. Nicht nur bedeutet dies, dass Forschungsthemen strategisch gewählt werden, man also das bearbeitet, was in der Fachcommunity bereits etabliert ist und eine Finanzierung finden wird – nicht zwingend, was auch relevant oder gar innovativ wäre. Schlimmer noch: Wissenschaftliche Beschäftigte halten sich sogar mit fachlicher Kritik zurück aus Sorge, dass dies ihrer Karriere schaden könnte. Mehr noch: Durch Hyperwettbewerb und quantifizierte Anreize wird zudem wissenschaftliches Fehlverhalten wie das Fälschen von Studienergebnissen provoziert.
So entsteht ein Einfallstor für die Erosion unserer Demokratie, denn wer immer nur gelernt hat, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und den eigenen beruflichen Vorteil über alles andere zu stellen, wird nicht zwingend protestieren, wenn Wissenschaftsfreiheit im Alltag unter Druck gerät. Ohnehin sind Gelder, die zeitlich befristet fließen, und Stellen, die ein Ablaufdatum haben, leichter zu kürzen – dies kann, wenn die entsprechenden Akteur*innen an der richtigen politischen Stelle sitzen, schnell ideologisch instrumentalisiert werden. Wissenschaft, die ständig um Gelder werben muss, um ihre grundlegende Arbeit in Forschung und Lehre zu machen, ist eben nicht gegen Vereinnahmungen gefeit, obgleich dies durch das Grundgesetz, die Verbeamtung vieler Professor*innen und die Finanzierung über die Haushaltsmittel der Länder im Grunde gewährleistet werden soll. In den letzten Jahrzehnten sind Schutzmechanismen systematisch zurückgebaut worden, weil man glaubte, sich das erlauben zu können. Jetzt sehen wir uns einer hochgefährlichen Lage gegenüber.
Die Forderung: Eine neue wissenschaftliche Personalstruktur
Eine der Maßnahmen, um dieser Problematik zu begegnen, besteht in der Neugestaltung unserer wissenschaftlichen Personalstruktur: endlich weg von starken Hierarchien, hin zur unbefristeten Beschäftigung nach der Promotion als Regelfall und zu Departments, die Austausch auf Augenhöhe ermöglichen. Seit der Initiative #IchBinHanna gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) im Jahr 2021 hat die Debatte um Personalstrukturen an Fahrt aufgenommen. Der Wissenschaftsrat hat im vergangenen Jahr ein Papier dazu vorlegt, wie die mehr unbefristeten Stellen in der deutschen Wissenschaft geschaffen werden können. Die Hochschulrektorenkonferenz ist ihm in einem gemeinsamen Konzept mit der Jungen Akademie vorausgegangen.
Es ist Zeit, dass sich Politik und Hochschulen gemeinsam auf den Weg machen, eine Personalstruktur zu implementieren, die dem 21. Jahrhundert angemessen ist und unser Wissenschaftssystem wehrhafter macht gegenüber Angriffen von außen, aber auch gegenüber vorauseilendem Gehorsam von innen. Dazu müssen wir wissenschaftliche Arbeit ganz neu denken: Wir müssen auf der einen Seite aufhören, Wissenschaftler*innen über Jahrzehnte hinweg als „Nachwuchs“ zu behandeln, der sich noch zu „bewähren“ habe. Auf der anderen Seite braucht es – gerade im Hinblick auf Führungsaufgaben, mit denen Professor*innen zu oft allein gelassen werden und entsprechend überfordert sind – systematische und verpflichtende Unterstützungs- und Weiterbildungswege. Weiterentwicklung und Befristung gilt es zu entkoppeln und ein dynamisches System zu schaffen, das der Wissenschaft, den in ihr arbeitenden Personen und den Studierenden dient. Lassen Sie uns gemeinsam an dieser Zukunft arbeiten. Die Voraussetzungen dafür sind längst bekannt. Jetzt ist es Zeit für die gemeinsame Umsetzung!
Über das Autorenteam:
Dr. Amrei Bahr ist Juniorprofessorin für Philosophie der Technik und Information an der Universität Stuttgart, Dr. Kristin Eichhorn ist Privatdozentin und Professurvertreterin am Institut für Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart und Dr. Sebastian Kubon ist Referent für Künstliche Intelligenz an der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Alle drei haben die Online-Initiative #IchBinHanna ins Leben gerufen und 2022 dazu das Buch „#IchBinHanna – Prekäre Wissenschaft in Deutschland“ im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht.
„Seit 2007 prekarisiert das Wissenschaftszeitvertragsgesetz Arbeitsbedingungen und Berufsaussichten des akademischen Mittelbaus: Das Gros der Wissenschaftler:innen hangelt sich von einem befristeten Job zum nächsten, und wer nach zwölf Jahren keine feste Stelle hat, fällt endgültig aus dem System heraus.
Als 2021 ein Video des Forschungsministeriums in den Fokus gerät, in dem am Beispiel der fiktiven Biologin »Hanna« die vermeintlichen Vorzüge des Gesetzes gepriesen werden, lancieren Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon den Hashtag #IchBinHanna. Binnen weniger Stunden machen zahllose Wissenschaftler:innen ihrem Ärger Luft. Sie schildern die Auswirkungen der Prekarität auf ihr Leben, berichten von Überlastung und Depressionen. Die Medien greifen das Thema auf, und »Hanna« schafft es wenig später sogar in den Bundestag.
In ihrer Streitschrift legen die Initiator:innen dar, welche Folgen das »WissZeitVG« für Forschende und Studierende, aber auch für den Wissenschaftsstandort Deutschland und unsere Gesellschaft insgesamt hat. Sie resümieren die Erfahrungsberichte unter #IchBinHanna und präsentieren ihre Forderungen für bessere Arbeitsbedingungen in Forschung und Lehre.“
Hinweis
Die drei Initiator:innen der Online-Kampagne #IchBinHanna sowie viele weitere Expertinnen und Experten zum Thema Wissenschaft als Berufsweg können Sie auf der Tagung „Wissenschaft braucht Perspektiven“ treffen: vom 8.-10. Mai 2026 in der Evangelischen Akademie Tutzing. Weitere Infos hier.




