LIEBE FREUNDINNEN UND FREUNDE DES TUTZINGER SALONS,
einer der wichtigsten Briefwechsel Paul Celans ist der mit Ilana Shmueli, einer Freundin aus Czernowitzer Jugendtagen und aus der Zeit des Ghettos. Nach Jahrzehnten der Trennung haben sich der berühmt gewordene Dichter und die seit 1944 in Israel lebende Ilana Shmueli im Jahre 1965 in Paris wieder gesehen. Die unerwartete Begegnung endete nach nächtelangen Gesprächen mit Ilana Shmuelis Versprechen: «Ich will Dir Jerusalem zeigen.»
Mit Celans Reise im Oktober 1969 nach Israel beginnt eine 130 Briefe umfassende Korrespondenz, die erkennen lässt, welche tiefgehende Bedeutung der Israelbesuch für Celan gehabt hat: Es handelt sich um eine Heimatsuche, und um Celans letzte große Liebesbeziehung. Der Dichter bezeichnet sein Judentum zwar nicht so sehr als eine thematische, sondern vielmehr als eine pneumatische Angelegenheit. Dennoch: Jerusalem als Sehnsuchtsort und Ilana Shmueli – Celan nennt sie «Tochter Zions» – werden noch einmal zu einem Anker der Hoffnung, einer Rettung aus Vereinzelung und Verzweiflung. Und doch muss Celan, nach Paris zurückgekehrt, erkennen, «dass die Kräfte, die ich in Jerusalem hatte, geschwunden sind».
Daran werden auch Ilana Shmuelis Paris-Besuche um die Jahreswende 1969/1970, die Utopie eines gemeinsamen Lebens, ihre beschwörenden und oft verzweifelten Briefe bis zum April 1970 entscheidend nichts ändern: zu klein sind die «Schilfe im Wasser», wie Ilana Shmueli diese Hoffnungsinseln selbst nennt.
Ilana Shmueli wird zum «poetischen Du» des Dichters und die Texte vermitteln eindrücklich wie viel Kraft des «Zu-ihm-Stehens» sie dafür aufbringen musste. Ein einzigartiges Dokument des Vertrauens und der Liebe: «Du weißt, was meine Gedichte sind – lies sie, das spüre ich dann», heißt es in seinem letzten Brief an sie vom 12. April 1970. Paul Celan nimmt sich Ende April 1970 in Paris das Leben. Ilana Shmueli starb 2011 in Jerusalem.
Zu einem Abend, an dem wir Einblick in diesen besonderen Briefwechsel erhalten, lade ich Sie herzlich in die Evangelische Akademie Tutzing ein!
Judith Stumptner
Studienleiterin für Kunst, Kultur, Bildung, Digitales