MIT DEM LICHT FÄLLT SCHMERZ IN UNS EIN.
Siegfried Lenz
Was spricht aus diesem Gesicht? Der Schmerz einer Mutter, die den Körper ihres gemarterten und ausgemergelten Sohnes im Arm wiegt? Sicherlich. Der Stolz einer „Holdseligen“ (M. Luther), die das Licht der Welt zur Welt gebracht hat? Es ist vollbracht! Vielleicht. Es sind die
schwebenden Ambivalenzen des Schmerzes in Michelangelos römischer Pietà, die den Gottessohn und seine Mutter so voller Schmerz, Leid, Würde und Menschlichkeit zugleich erscheinen lassen.
„Mit dem Licht fällt Schmerz in uns ein.“ Dieser Gedanke mag hinter Marias Stirn von links nach rechts und rechts nach links wechseln. Formuliert hat ihn Siegfried Lenz, der große Nachkriegsschriftsteller, in seinem Essay „Über den Schmerz“. Er umrundet darin den Schmerz, weiß um seine physischen, emotionalen, sozialen und letztlichen spirituellen Dimensionen, benennt den Liebes-, Seelen- und Weltschmerz, der uns umtreibt, genauso wie die Nervenbahnen, die den Schmerz unser Rückenmark hochjagen. Doch was ist nun der Schmerz? Lenz möchte am Ende nicht mehr sagen als: „Er ist ein Seinsereignis, das zum Menschen gehört.“
Lenz, der sich in seinem Werk mit dem unsagbaren Leid des Nationalsozialismus, der schreienden Stille der deutschen Schuld und der schmerzenden Sprachlosigkeit angesichts der gewesenen Monstrosität auseinandersetzte, sucht in seiner Sprachnot Zuflucht in der Literatur. „Kein Leiden, das nicht in ihr aufgehoben, keine Not, die nicht in ihr bewahrt, kein Schmerzerlebnis, das nicht in ihr überliefert worden ist“, schreibt er.
Was ist der Schmerz? Wir machen uns auf die Suche zwischen Medizin und Literatur, zwischen wissenschaftlicher Schmerzforschung und dem Schreiben über das Unsagbare. Zwischen Körper und Seele erkunden wir die Physiologie, Pathologie und Therapie des Schmerzes, genauso wie seine Dimensionen, die die Apparate nicht messen können. Aus der Medizin hören wir Wissenswertes und leihen uns aus der Literatur Worte an den Grenzen des Ausdrückbaren. Schmerz ist… immer mehr, als sich sagen ließe. Er ist grundmenschlich und nicht von dieser Welt. Noch einmal Lenz: „Er verschlägt uns die Sprache und lässt uns tanzen.“
Herzliche Einladung zu einem Blickwechsel zwischen Literatur und Wissenschaft!
Pfr. Dr. Hendrik Meyer-Magister
Rektor des Theologischen Studienseminars der VELKD Pullach
Barbara Greese
Rezitatorin und Rhetoriktrainerin, München