
Aktuelles Vertrauen als offene Frage
Elina PotratzIn welchen Räumen kann Vertrauen entstehen? Dieser Frage ging im Februar 2026 die Tagung „Vertrau. Über die Unmöglichkeit, ohne Vertrauen zu handeln“ in Kooperation mit dem Bund Deutscher Architektinnen und Architekten auf den Grund. Lesen Sie hier den Bericht.
Im Februar luden der BDA und die Evangelische Akademie Tutzing unter dem Titel „Vertrau. Über die Unmöglichkeit, ohne Vertrauen zu handeln“ nach Tutzing ein. Der Imperativ klang zunächst beinahe pathetisch, doch im Verlauf der Tagung zeigte sich, dass der Begriff „Vertrauen“ durchaus ergiebig ist, um davon ausgehend gegenwärtige gesellschaftliche Spannungen zu diskutieren.
Gleich zu Beginn weitete der Journalist und Dokumentarfilmer Stefan Lamby den Blick. Seine Reise durch die USA, Argentinien, Italien und Deutschland war eine Erkundung der Bedingungen, unter denen Vertrauen in demokratische Institutionen erodiert. In Lambys Bericht zeigte sich: Vertrauen verschiebt sich und wandert von Institutionen zu Personen, von Verfahren zu Erzählungen, von überprüfbaren Fakten zu gefühlten Wahrheiten. Interessant war jedoch der Einwand der Politikwissenschaftlerin Jeannette Hofmann, dass beim demokratischen Vertrauensverlust bislang keine klaren Kausalitäten gefunden werden konnten. Vielmehr spielen Konstellationen verschiedener Faktoren eine Rolle: Deindustrialisierung, Schrumpfungsprozesse, kulturelle Entwertungserfahrungen, digitale Öffentlichkeiten und Desinformation.
Verletzbarkeit als Voraussetzung
Der Beitrag von Martin Hartmann, Professor für Philosophie an der Uni Luzern, führte noch einmal grundlegend ins Thema ein: Vertrauen heißt, sich verletzbar zu machen. Wer vertraut, gewährt einen Ermessensspielraum in Bezug auf etwas, das als wertvoll erachtet wird. In gewisser Weise ist Vertrauen damit auch eine riskante Vorleistung und lässt sich weder erzwingen noch beschließen.
Der Soziologe Julian Müller zeigte anschließend auf, wie tief menschliches Zusammenleben von Vertrauen durchdrungen ist. Dies werde meist jedoch erst bei einem Bruch des Vertrauens sichtbar. Daraus ergibt sich: Vertrauen wächst langsam, Misstrauen entsteht plötzlich. Zugleich machte er darauf aufmerksam, dass wohlmeinende Floskeln zum Vertrauen – wie etwa, dass das „Vertrauen in Demokratie wieder gestärkt werden müsse“ – zum einen oftmals nur in eher homogenen gesellschaftlichen Kreisen geäußert würden und zum anderen oftmals ausgeblendet werde, dass auch Misstrauen ein sinnvolles soziales Handlungsprinzip darstellt. Wissenschaft, Journalismus, selbst demokratische Konkurrenz beruhen auf institutionalisierter Skepsis. Müller stellte zudem die gängige Vorstellung infrage, Vertrauen sei „sozialer Kitt“. Auch Misstrauen könne sozial verbindend wirken.
Der Politikberater Johannes Hillje sprach sich für eine ausgeprägtere „Emotionskultur“ der demokratischen Institutionen aus. Nach 1945 habe sich – verständlicherweise – ein „Pathos der Nüchternheit“ etabliert, Emotionalität werde seitdem oft mit Populismus gleichgesetzt. Doch diese Zurückhaltung habe gleichzeitig eine Leerstelle hinterlassen. Zudem betonte er, dass Vertrauen und Hoffnung dort entstünden, wo Menschen Selbstwirksamkeit erfahren und bevorstehende Prozesse nachvollziehbar dargestellt werden.
Räume, in denen Vertrauen entsteht – oder nicht
Mehrere Beiträge führten ins Konkrete: etwa nach Berlin-Marzahn. Der Soziologe Raiko Hannemann beschrieb die soziale Dissoziation in Ostdeutschland auch als Folge historischer Brüche. Als Gegenprogramm stellte er lokale Demokratieentwicklungen wie Bürgerräte vor, die bei den vermeintlich „Unerreichbaren“ ein institutionelles Vertrauen stärken – insofern ihr Engagement auch Wirkung entfaltet.
Die Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann richtete den Blick auf Medien und digitale Öffentlichkeiten. Entscheidend war ihre Botschaft, dass wir gerade bei den Medien nicht umhin kommen, zu vertrauen: Vieles wissen wir nur aus zweiter, dritter oder vierter Hand. Eine vollständige Evaluierung aller Informationen ist unmöglich. In Zeiten von Desinformation rückt laut Hofmann personalisiertes Vertrauen wieder stärker in den Vordergrund gegenüber institutionellem Vertrauen. Zudem haben Demokratiegegner durch soziale Medien enorme Reichweiten. Dies stelle eine Schwachstelle der Demokratie dar, da sie ohne ein gemeinsames Problemverständnis handlungsunfähig wird.
Den Abschluss des ersten Tages bildeten Shahzamir Hataki, Nazifullah Nasiri und Mariia Kaziun vom literarischen Dialogprojekt The Poetry Project in Berlin, die Gedichte zum Thema Vertrauen vortrugen und damit Einblick in ihre persönliche Lebensgeschichte mit Fluchterfahrung boten. Nazifullah Nasiris Schlusswort blieb vielen im Gedächtnis: „Wenn ihr uns vertrauen würdet, könnten wir viel mehr für diese Land tun“.
Stadt als Vertrauensfrage
Am zweiten Tag richtete sich die Perspektive verstärkt auf die gebaute Umwelt. Projekte wie die Entwicklung des ExRotaprint-Areals im Berliner Wedding – vorgestellt von der Künstlerin Daniela Brahm – zeigten, dass Vertrauen auch institutionell konstruiert werden kann: durch Eigentumsmodelle, die Spekulation dauerhaft ausschließen, durch klare Nutzungsziele, durch langfristige Bindungen. Hier wird Vertrauen strukturell abgesichert.
Das Gegenbild lieferte der Fall René Benko, geschildert von Wirtschaftsjournalistin Margret Hucko. Sein Aufstieg beruhte wesentlich auf persönlichem Vertrauen und Netzwerken. Städte, Investoren und Politikerinnen vertrauten auf seine Reputation – die sich fatalerweise allein auf das Vertrauen anderer Städte, Investorinnen und Politiker begründete. Letztlich zeigte sich, wie (blindes) Vertrauen im großen Stil kriminell missbraucht werden kann.
Der ehemalige Münchner Stadtdirektor Cornelius Mager schilderte, wie sich kommunales Handeln zwischen Vertrauen und Vorsicht, Offenheit und Regelbindung, Nähe und Distanz bewegt. Architektinnen und Architekten stünden häufig dazwischen, verpflichtet sowohl Auftraggebern als auch der Öffentlichkeit. Seine anekdotenreichen Schilderungen des „17-Augen-Prinzips“ der Verwaltung einerseits sowie der floskelhaften Versprechungen von Investoren andererseits brachten die Schwierigkeit, eine sinnvolle Balance zwischen Vertrauen und Misstrauen zu finden, humorvoll auf den Punkt.
Die Veranstaltung lieferte damit keinen Katalog an Lösungen, aber einen geschärften Blick: Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit und nicht immer der richtige Weg. Aber ohne die Bereitschaft, immer mal wieder etwas zu riskieren, ist demokratisches Handeln tatsächlich unmöglich.
Bild: Publikum in der Rotunde der Akademie während der Tagung vom 13. – 15. Februar 2026. (Foto: Haist / eat archiv)