
Aktuelles Wie Psychologie zur Gesellschaftsgestaltung beitragen kann
Dr. Nadja BürgleOb Klimakrise oder Spaltung – unsere größten Probleme sind menschengemacht. Warum ignoriert die Politik dann beharrlich psychologische Expertise? Dr. Nadja Bürgle über einen blinden Fleck, der unsere Demokratie gefährdet.
Die Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen. Die Politik regelt und gestaltet das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft. Viele politische Maßnahmen zielen auf Veränderungen in unserem Denken, Fühlen und Handeln. Doch in Deutschland werden diese Maßnahmen weitgehend ohne systematische psychologische Expertise getroffen.
Dabei kann die Psychologie dazu beitragen, politische Maßnahmen wirksam, verständlich und gesellschaftlich tragfähig zu gestalten, schreibt Eva-Lotta Brakemeier in einem Gastbeitrag in DIE ZEIT. Sie ist Psychologieprofessorin an der Universität Greifswald, Mitglied im Wissenschaftsrat und ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.
Brakemeier findet: Gerade jetzt, wo viele der großen Herausforderungen menschengemacht sind, von der Klimakrise über Desinformation bis zur gesellschaftlichen Fragmentierung, braucht es eine Wissenschaft, die menschliches Erleben und Verhalten versteht. Psycholog:innen verfügen über relevantes Wissen über Menschen in der Krise und in Zeiten des Wandels – und darüber, was uns hilft, handlungsfähig, zuversichtlich und miteinander verbunden zu bleiben.
Rückblick: Sinn finden im gemeinsamen Engagement
Anknüpfend an diese Grundidee verbinde ich psychologische und gesellschaftliche Fragen in unserer Akademiearbeit, die Impulse zur Gestaltung unserer Gesellschaft und Zukunft liefern möchte. Ein Beispiel: Auf der Tagung „Sinnerfüllt leben in Krisenzeiten“ erarbeiteten wir, wie wir uns Krisen entgegenstellen können – und dabei Sinn im Leben finden. Psychologische Studien zeigen: Wer das Leben als sinnvoll wahrnimmt, ist widerstandsfähiger gegenüber Krisen. Eine wirksame Strategie, Sinn zu stärken, liegt in kollektivem Handeln. Bei globalen Krisen wie der Klimakrise ist mein individueller Beitrag im Verhältnis zum Ausmaß der Krise gering. Die Lücke zwischen meiner Anstrengung und Wirkung erzeugt Gefühle der Ohnmacht und des Alleinseins. Eine höhere Wirksamkeit erlebe ich, wenn ich Teil einer Gruppe bin. Ihre Mitglieder erkennen das Problem an, wir arbeiten gemeinsam auf Ziele hin und leisten zusammen einen größeren Beitrag als eine Einzelperson. Die Umsetzung ist einfach: Suche Dir eine Gruppe. Beginne im Kleinen, wo Du Ergebnisse sehen kannst. Teile Deine Sorgen. Bringe Deine Fähigkeiten und Talente ein, über die Du bereits verfügst.
Ausblick: Psychologie trifft Politik – wie Sinn im Leben Demokratie stärkt
Die neue Tagungsreihe „Psychologie trifft Politik“ bringt Psycholog:innen, Politikwissenschaftler:innen, Politiker:innen und zivilgesellschaftlich Engagierte zusammen, um gemeinsam drängende gesellschaftliche Fragen zu bearbeiten. Der erste Schwerpunkt: Wie stärkt Sinn im Leben unsere Demokratie?
Wegweisende Forschung hierzu leistet Tatjana Schnell, Psychologieprofessorin und Sinnforscherin an der MF Specialized University in Oslo, Norwegen. Gemeinsam mit deutschen Sicherheitsbehörden untersucht sie, wie Sinnerleben und Extremismus zusammenhängen. Ihre Studien liefern Erkenntnisse zur Prävention von Radikalisierung, zur De-Radikalisierung von Extremisten, und zur Stärkung einer resilienten Demokratie.
Die Tagungen werden einzelne Facetten von Lebenssinn behandeln, beginnend mit Zugehörigkeit: Wo Menschen sich ausgegrenzt fühlen, versprechen extremistische Gruppierungen Sinn und Zugehörigkeit. Wie schaffen wir demokratische Räume, die Identifikation und Teilhabe stärken?
Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier und Prof. Dr. Tatjana Schnell werden als Referentinnen an der Tagung „Psychologie trifft Politik: Zugehörigkeit“ vom 6. bis 8. November 2026 in der Evangelischen Akademie Tutzing mitwirken. Nähere Informationen zu Programm und Anmeldung hier.