
Aktuelles Witz und Wissen
Udo HahnDie ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ strahlte gerade die 100. Folge aus. Seit 2019 findet in der Evangelischen Akademie Tutzing nach jeder Ausgabe ein Nachgespräch statt. Satire nimmt hier einen Bildungsauftrag wahr, meint Akademiedirektor Udo Hahn.
Manchmal ist Schweigen vielleicht das größte Kompliment. Wenn ich den Head-Autor der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“, Dr. Dietrich Krauß, bei unserem Nachgespräch in der Evangelischen Akademie Tutzing zur letzten Folge frage, welche Reaktionen sie auslöste, dann staune ich immer, dass dies wesentlich nur auf Social Media-Kanälen stattfindet. Am meisten erstaunt mich, dass „Die Anstalt“ zum Beispiel in den Medien praktisch nie einen Niederschlag findet. Demgegenüber werden Talkshows nicht selten schon am nächsten Morgen in epischer Breite in Online-Ausgaben von Zeitungen nacherzählt.
Im Fall der „Anstalt“ sehe ich Schweigen als unausgesprochenes Lob. Und die Sendung macht vielleicht auf ein Defizit medialer Berichterstattung aufmerksam, dass bestimmte Themen nicht oder nicht gründlich genug für die interessierte Öffentlichkeit aufbereitet werden. Dabei hätte man ja mit dem Fakten-Check zu jeder Sendung, der online abrufbar ist, schon die halbe Recherche abgenommen bekommen bzw. könnte sie vertiefen.
Apropos vertiefen. 2019 haben wir die Veranstaltungsreihe „Die Anstalt – Politische Satire im Schloss“ in unser Programm aufgenommen – und freuen uns über die Resonanz, die dieses Format auslöst. Nach jeder Folge blicken wir mit Dietrich Krauß zurück und vertiefen mit der Expertise eines weiteren Gastes das Thema. Warum wir das machen? Weil die Anstalt „Witz und Wissen“ verbindet (Dietrich Krauß) und im Kern durch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen einen Bildungsauftrag wahrnimmt. Nach meinem Eindruck bietet sie das vielleicht politischste Kabarett im deutschen Fernsehen. Sie ist Stimme für Ungehörtes und Unerhörtes. Man könnte auch sagen: Kabarettisten sind die Hofnarren der Demokratie. Ihr Auftrag: Entdecken, aufspüren, zuspitzen.
Man sollte die Ansagen antidemokratischer Kräfte wörtlich nehmen
Die 100. Ausgabe, die am 21. Juli gesendet wurde, hat es geschafft, bis heute Gesprächsstoff zu liefern. Der Grund: Der Sender untersagte den Auftritt von Danger Dan und Igor Levit. Die Begründung: Ihr Song „Keine Angst“ könne als Aufruf zu Gewalt verstanden werden. Ob das ein Eingriff in die Kunstfreiheit ist, darüber wird gerade heftig diskutiert. Und diese Debatte muss auch sein. Sie überlagert jedoch das eigentliche Thema der Sendung, ob denn angesichts der wachsenden politischen Radikalisierung unsere Demokratie wehrhaft (genug) ist. Dass viele Menschen sich diese Frage ernsthaft stellen, zeigt, dass die Lage ernst ist.
Und das ist sie. Man lese nur die Programme antidemokratischer Kräfte und höre ihren Wortführern zu. Man sollte das alles wörtlich nehmen, dass zum Beispiel demjenigen künftig Haft droht, der Deutschland verunglimpft. „Volksverratsverbrechen“ lautete einer der Vorwürfe der Gestapo gegen dem Unternehmer und Zentrumspolitiker Dr. Dr. Albert Hackelsberger, einen früheren Besitzer von Schloss Tutzing (seit 1947 Sitz der Evangelischen Akademie Tutzing) im Jahre 1938. Es genügte, um ihn in Haft zu nehmen. Zwei Jahre später starb er im Gefängnis, ohne dass eine konkrete Anklage erhoben worden wäre.
Antidemokraten diffamieren die freie Presse, sie bauen die Justiz um und delegitimieren die Zivilgesellschaft. Das ist in europäischen Staaten und weltweit zu beobachten. Ihr Ziel ist nicht die Beseitigung von Problemen, das hat die Sendung sehr gut herausgearbeitet, sondern die Macht für eine Mehrheit, die ohne Einschränkungen Politik machen und unter anderem einen Wesenszug des Grundgesetzes außer Kraft setzen will: den Schutz von Minderheiten, wie die Juristin Charlotte Eichler unserer Veranstaltung am 28. Juli erläuterte. Eichler gehört zum Projektteam der Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V., das gerade ein umfangreiches Gutachten vorgelegt hat, warum die AfD verfassungswidrig ist. Nach Erkenntnis des Gutachtens reißt die AfD zwei von drei Säulen, auf denen unsere Demokratie ruht: Menschenwürde und Demokratieprinzip.
Zögern, dass sich rächen könnte
Das Grundgesetz lässt Maßnahmen zu, Anti-Demokraten zu bekämpfen. Dietrich Krauß sorgt sich, dass sich das Zögern der Politik rächen könnte. Und ihn irritiert, dass in der Berichterstattung über AfD-Parteitage nicht selten der Eindruck entstehe, als handle es sich um eine Partei wie jede andere. Wenn Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus nicht klar benannt werde, breite er sich auch in der Mitte der Gesellschaft aus. Mit Folgen, die nicht nur keine Probleme lösen, sondern viele schaffen.
Die 100. Ausgabe der Anstalt ragt für mich aus den vielen Folgen heraus, die Missstände in Politik und Gesellschaft aufdecken. Und herausragend empfinde ich auch die schauspielerische Leistung der Kabarettisten Max Uthoff, Claus von Wagner und Meike Kühl, die seit 28 Folgen das feste „Anstalt“- Ensemble bereichert.
Aufmacherbild: Udo Hahn, Charlotte Eichler und Dietrich Krauß im Musiksaal der Evangelischen Akademie Tutzing (Foto: Otter / eat archiv)











