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Jürgen Moltmann (Mitte) erhält 2017 den Tutzinger Löwen der Evangelischen Akademie Tutzing. Links im Bild Heinrich Bedford-Strohm, rechts im Bild: Akademiedirektor Udo Hahn. Foto: Haist / eat archivinfo Icon© Haist / eat archiv

Aktuelles „Die christliche Hoffnung ist die Kraft der Veränderung“

Udo Hahn zeit info 07. April 2026

Für ihn gehörten Glauben und Handeln zusammen. Mit seiner 1964 erschienenen „Theologie der Hoffnung“ prägt Jürgen Moltmann das theologische Denken weltweit – bis heute. Vor einhundert Jahren, am 8. April 1926, wurde er geboren. Akademiedirektor Udo Hahn erinnert an eine Persönlichkeit, die stets zur Mitgestaltung von Politik und Gesellschaft aufrief.

Eigentlich will er Mathematik und Physik studieren. Glaube und Kirche spielen in seinem Leben anfangs keine Rolle. 1943 wird Jürgen Moltmann mit 16 Jahren als Flakhelfer eingezogen. Im Juli erlebt er die Bombardierung Hamburgs auf seiner Flakbatterie. Eine Bombe schlägt neben ihm ein. Er überlebt unversehrt – ein Freund stirbt. „Ich glaube, in der Nacht habe ich zum ersten Mal nach Gott geschrien“, erinnert er sich in einem Interview. „Meine Frage war nicht: Warum kann Gott das zulassen? Meine Frage war elementarer: Mein Gott, wo bist du?“ Später sei dann die zweite Frage dazukommen, die ihn sein Leben lang verfolgt habe: „Warum bin ich nicht tot wie der Kamerad neben mir? Warum bin ich am Leben? Warum muss ich am Leben sein, während die anderen tot sind? Und mit diesen beiden Fragen hat dann meine Theologie oder mein Gottsuchen begonnen.“

1945 kommt Moltmann in britische Kriegsgefangenschaft. Ein Army-Chaplain verteilt im Lager in Schottland Bibeln. „Ich dachte, mein Gott, eine Bibel, was soll ich damit anfangen? Und die anderen lachten auch, sie hätten lieber ein paar Zigaretten gehabt oder etwas Corned Beef, weil die Verpflegung auch nicht so großartig war.“ Aber er habe dann angefangen, die Psalmen zu lesen. Die hätten ihm aus dem Herzen, „viel mehr als Goethe-Gedichte, die ich vorher gelernt hatte und als eiserne Ration mit in den Krieg genommen hatte“.

Jürgen Moltmann, am 8. April 1926 in Hamburg geboren, fängt noch in Kriegsgefangenschaft an, Evangelische Theologie zu studieren, von 1948 bis 1952 setzt er sein Studium an der Universität Göttingen fort. 1958 wird er – nach fünf Jahren Dienst als Gemeindepfarrer – Professor an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal. Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ beschäftigt ihn so sehr, dass er 1964 seine „Theologie der Hoffnung“ veröffentlicht. In diesem Jahr wechselt er an die Universität Bonn und 1968 nach Tübingen, wo er bis zu seiner Emeritierung lebt und am 3. Juni 2024 stirbt.

„In der Theologie der Hoffnung sah ich eigentlich ein kritisches Gegenbild zur Wirklichkeit. Wer Hoffnung hat, findet sich nicht ab mit der Wirklichkeit, wie sie ist, sondern versucht, sie zu verändern“, skizziert Moltmann seinen Ansatz. Zur Veränderung brauche es ein positives Gegenbild zu den negativen Zuständen dieser Welt, um sie zu verändern. „Die christliche Hoffnung ist die Kraft der Veränderung“, so der Theologe. Für ihn ist die christliche Hoffnung nicht weltabgewandt. Sie richtet den Blick nicht auf das Jenseits, sondern ist weltzugewandt.

Mit seiner „Theologie der Hoffnung“ trifft Moltmann einen Nerv. Nicht nur in Deutschland. Sein Buch wird weltweit rezipiert. Neben Dietrich Bonhoeffer, Karl Barth, Paul Tillich und Wolfhart Pannenberg zählt er zu den international bekanntesten deutschen Theologen.

Mit der Rezeption seines Bestsellers in den USA war Moltmann indes nicht einverstanden: „Alle Amerikaner, die das lasen, waren begeistert, weil sie meinten, das wäre eine Unterstützung und Verstärkung des amerikanischen Optimismus.“ 1972 schreibt er dann „Der gekreuzigte Gott“, um klarzustellen, „dass die christliche Hoffnung ja aus der Auferweckung des gekreuzigten Christus geboren ist und also immer lebendig ist, eine Hoffnung für die darstellt, die leiden, die ausgeschlossen sind, die trauern, die unterdrückt sind, und nicht eine Hoffnung für die, die es schon geschafft haben“. Hoffnung stelle keine Erfolgsreligion dar, sondern gehe „eine dialektische Verbindung mit dem Leiden in dieser Welt ein“.

Beide Bücher, „Theologie der Hoffnung“ und „Der gekreuzigte Gott“ gehören für ihn zusammen. In seiner Dankesrede anlässlich der Auszeichnung mit dem „Tutzinger Löwen“ durch die Evangelische Akademie Tutzing 2017 sagt Moltmann: „Gibt es in den bitteren Leiden und im Sterben auch Hoffnung? Ja –, es ist die Hoffnung, die Christus durch sein Leiden und Sterben zu den Leidenden und Sterbenden bringt.“ Die Hoffnung des Glaubens ist demnach durch Zuversicht für dieses Leben bestimmt, sie speist sich jedoch aus dem Jenseitigen – aus Gott. So gewinnt diese Hoffnung ihre Kraft immer wieder neu gegen aufkommende Gleichgültigkeit und Mutlosigkeit.

„Die Theologie des Kreuzes facht den Wind der Entmythologisierung in den politischen Ideologien an. Die Theologie der Hoffnung setzt auf eine Zukunft des gemeinsamen Lebens in Gerechtigkeit und Frieden: Diese menschheitliche Zukunft ist möglich“, gibt sich Moltmann in seiner Rede 2017 zuversichtlich. Nahrung bekommt diese Zuversicht durch die UN-Klimakonferenz zwei Jahre zuvor in Paris. Moltmann kommentiert den damals erzielten Durchbruch wie folgt: „Damit wird das Zentrum des politischen Denkens verschoben von den Eigeninteressen der Nationen auf die Überlebensinteressen der Menschheit und der Erde.“ Und schiebt als Warnung hinterher: „Das Zeitalter der Globalisierung ist auch das Zeitalter des neuen Nationalismus: aus dem Zerfall der Sowjetunion trat der russische Nationalismus hervor und die USA antworteten unter Präsident Trump mit ,America first‘. Gott behüte uns in Deutschland vor einem völkischen Nationalismus. Diese Götter des Nationalismus sind tote Götter.“ Die Globalisierung der Lebensgefahren rufe nach globaler Verantwortung der Menschheit. Für Jürgen Moltmann nimmt die weltweite Christenheit diese in ihrem Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wahr.

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