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Jürgen Habermas 2021 in Tutzinginfo Icon© dgr/eat archiv

Aktuelles Eine Stimme der Vernunft im öffentlichen Diskurs

Udo Hahn zeit info 19. März 2026

Sein Denken hat den öffentlichen Diskurs in Deutschland über Jahrzehnte geprägt. Offenheit, Neugier und Streitkultur – dafür stand Jürgen Habermas, der im Alter von 96 Jahren starb. Akademiedirektor Udo Hahn erinnert an den großen Philosophen, der 2021 in einer Tagung, die sich mit seinem Lebenswerk beschäftigte, mit dem „Tutzinger Löwen“ geehrt wurde.

Es gibt Menschen, von denen kann man nur – muss man – im Superlativ sprechen. Jürgen Habermas gehört zu ihnen. Er wurde 1929 geboren und starb am 14. März in seinem 97. Lebensjahr. Bis zuletzt war er mit wegweisenden Beiträgen in der Öffentlichkeit präsent. So ist es nur angemessen, wenn er als der einflussreichste und bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart gewürdigt wird. Und man darf gleich hinzufügen: Seine Stimme wird fehlen,  ob man seine Argumente teilt oder nicht. Sie waren stets so bedeutsam, dass man merkte, einer spricht, der zuvor nachgedacht hat. Das Nachdenken – oder besser Vorausdenken – scheint aktuell nicht so hoch im Kurs zu stehen, nimmt man die Debattenbeiträge zu den großen Themen, Fragen und Herausforderungen der Gegenwart wahr. Klar, das intellektuelle, philosophische Niveau eines Jürgen Habermas erreichen nur wenige. Sein Denken ist aber wesentlich davon geprägt, dass sich Menschen Mühe geben und mit Argumenten auseinandersetzen, dass sie mehr wissen wollen, dass sie die Qualität von (Informations-) Quellen einordnen können und diskursfähig sind. Wo dies alles nicht mehr gegeben ist, da greift die habermas‘sche Formel, dass der zwanglose Zwang des besseren Arguments – automatisch sozusagen – zum guten Abschluss führt, ins Leere.

Sein Denken hat den öffentlichen Diskurs in Deutschland über Jahrzehnte geprägt. Offenheit, Neugier und Streitkultur – diese drei Begriffe verbinde ich in besonderer Weise mit ihm. Ich habe seine Zuversicht bewundert, die er zeitlebens ausstrahlte: dass Verständigung und Konsens durch Diskurs möglich sind. Dass am Ende der schon erwähnte zwanglose Zwang des besseren Arguments die weitere Entwicklung prägt. Davon war er überzeugt, ohne naiv zu sein.

Über viele Jahre hinweg besuchte Jürgen Habermas immer wieder die Evangelische Akademie Tutzing. Als offizieller Tagungsgast, der um einen Impuls gebeten war. Manchmal aber auch einfach als Zuhörer im Publikum. Der Weg von seinem Domizil in Starnberg in unser Haus war ja nicht weit. Und Mitarbeitende erinnern sich, wie Habermas zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker im Schlosspark diskutierend unterwegs war.

Im Herbst 2021 widmeten wir ihm ein mehrtägiges Symposium unter dem Titel „Vernünftige Freiheit und öffentliche Vernunft“. Anlass war sein zuvor erschienenes zweibändiges Werk „Auch eine Geschichte der Philosophie“.

Im Rahmen dieser Tagung hat die Evangelische Akademie Tutzing ihn mit dem „Tutzinger Löwen“ geehrt, für sein „Eintreten für die Gleichheit aller und die Freiheit jedes Einzelnen sowie für die Demokratie“. Mit seinen Interventionen zur Frage, wie wir gut und gerecht miteinander leben können, hat er den öffentlichen Diskurs in Deutschland über Jahrzehnte geprägt. Seine Zuversicht, dass Verständigung möglich bleibt, wird fehlen.

Der Autor ist Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing

Foto: Jürgen Habermas im Oktober 2021 in der Evangelischen Akademie Tutzing, im Hintergrund der Musiksaal.

Jürgen Habermas, Udo Hahninfo Icon© ma/eat archiv

Udo Hahn überreicht Jürgen Habermas am 26. 10. 2021 den Tutzinger Löwen der Evangelischen Akademie Tutzing.

Jürgen Habermas und die Evangelische Akademie Tutzing