
Aktuelles Freundeskreiszeichen für Brigitte Grande
Dorothea Grass„Ein leuchtendes Vorbild für die Zivilgesellschaft“. Mit diesen Worten hat Sabine Leutheusser-Schnarrenberger die aus dem Amt verabschiedete Freundeskreisvorsitzende der Evangelischen Akademie Tutzing beschrieben. Bei der Auszeichnung für Brigitte Grande ging die frühere Bundesjustizministerin auf die Macht der Tech-Konzerne, Angriffe auf die Demokratie und Kürzungsvorhaben der Bundesregierung ein.
„Zivilgesellschaft ist keine homogene gesellschaftliche Sphäre, sondern besteht aus vielfältigen Organisationen, aus selbständigen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen, ist geprägt von freiwilliger Beteiligung, kollektiver Selbstorganisation und aktiver Teilhabe an gesellschaftlichen und politischen Prozessen.“
In ihrer Festrede am 7. Juni 2026 zur Verabschiedung von Brigitte Grande als Vorsitzende des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing, ging Bundesministerin a.D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf Herausforderungen ein, vor denen zivilgesellschaftliches Engagement heute steht. Sie nannte dabei die zunehmenden Polarisierungstendenzen in der Öffentlichkeit sowie die Delegitimierungsdiskurse, die Angriffe auf die Demokratie, den Einfluss weltweit agierender Tech-Konzerne sowie die Abhängigkeit der EU und Deutschlands von deren Produkten und die Macht Künstlicher Intelligenz.
Die Frage, ob die Zivilgesellschaft und die liberale Demokratie unter Druck geraten seien, erübrige sich, so Leutheusser-Schnarrenberger und konstatiert: „Sie sind es. Und wie.“
„Der Freundeskreis ist ein Ort, der Ohnmacht keine Macht zu geben“
Es seien Menschen wie Brigitte Grande, die sich zwölf Jahre lang als Freundeskreisvorsitzende „für die Freiheit in Verantwortung, für die Bildungsgerechtigkeit verbunden mit dem Aufstiegsversprechen, genauso wie für die gleichen Rechte und die Menschenwürde aller“ eingesetzt habe und das auch darüber hinaus tun werde. „Sie hat ihre Tätigkeit in dieser Funktion beendet. Aber sie wird ein leuchtendes Vorbild für die Zivilgesellschaft bleiben“, so Leutheusser-Schnarrenberger über Brigitte Grande, die in dem Festakt zum Ende ihrer Amtszeit das Freundeskreiszeichen erhielt – eine Bronzeplastik des Künstlers Helmut Amann, die drei einander zugewandte Menschen abbildet.
„Der Freundeskreis ist ein Ort, der Ohnmacht keine Macht zu geben“, lobte Leutheusser-Schnarrenberger die Arbeit des Vereins, der 1949, nur zwei Jahre nach der Evangelischen Akademie Tutzing gegründet wurde und seitdem die Bildungsidee der Akademie in ganz Bayern unterstützt – mit eigenen Veranstaltungsangeboten, die ehrenamtlich tätige Menschen auf die Beine stellen. „Es ist ein Ort demokratischer Beteiligung, man vergewissert sich der Bedeutung dieses Engagements und erspürt, ja erlebt, dass jeder Einzelne in der Gesellschaft etwas bewirken kann.“, so Leutheusser-Schnarrenberger.
Forderung an die Politik: Kein generelles Einschalten des Verfassungsschutzes
Es sei genau diese Selbstwirksamkeit, die heute wichtiger denn je sei. Denn: „Wenn die Bürgerinnen und Bürger sich angesichts dieser einseitigen zerstörerischen Zukunftsbilder nicht mehr als Souverän empfinden, sondern als Untertan, über deren Köpfe hinweg angeblich entschieden wird, dann werden faschistische Perspektiven attraktiver.“
Leutheusser-Schnarrenberger ging auch auf staatliche Programme zur Finanzierung von ehrenamtlichem Engagement ein – wie zum Beispiel Hate Aid, Gesicht zeigen oder Demokratie Leben. „Die derzeitigen Debatten über Neuausrichtung der Programme und mögliche Kürzungen gefährden das Engagement und verschärfen die Unsicherheit über die Zukunft“, so Leutheusser-Schnarrenberger und forderte die zuständige Bildungsministerin Karin Prien dazu auf, jetzt schnell zu handeln und sowohl über die Höhe der finanziellen Mittel, der inhaltlichen Ausrichtung, die Förderkriterien sowie die Rolle des Verfassungsschutzes hinsichtlich Förderungen zu entscheiden.
Auch Akademiedirektor Udo Hahn äußerte in seiner Begrüßung Besorgnis über die Pläne der Bundesbildungsministerin: „Ohne Zivilgesellschaft geht es nicht. Was so selbstverständlich klingt, erweist sich in der Praxis inzwischen als Fundament mit Rissen.“ Wesentliche Gründe hierfür lägen in der Propaganda rechtsextremer Kräfte und ihrer medialen Netzwerke, „die Förderprogramme des Bundes wie ‚Demokratie leben!‘ – skandalisieren, eine Bedrohung durch ‚linke Lobbygruppen‘ an die Wand malen und die genehmigende Ebene im Bundesfamilienministerium einfach als ‚linken Beamten-Deepstate‘ (Nius) verunglimpfen.“
Angriffe von rechts „unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeitsdebatte“
Er warnte davor, die politische Delegitimierung dieser Bildungsarbeit unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeitsdebatte einfach hinzunehmen. Die Behauptung von Kritikern aus der rechtsextremen Ecke, staatlich geförderte Organisationen unterlägen einer Neutralitätspflicht, die sich aus der Neutralitätspflicht des Staates ableite, sei verfassungsrechtlich nicht haltbar. Hahn weiter: „Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach betont, dass sich die Neutralitätspflicht des Staates auf das Handeln der Exekutive, aber nicht auf die Meinungsäußerungen und die politische Arbeit unabhängiger zivilgesellschaftlicher Akteure bezieht.“ Es sei genau das Wesen der liberalen Zivilgesellschaft zur demokratischen Kultur beizutragen, „durch Kritik an parlamentarischer und exekutiver Politik insgesamt, indem sie Transparenz und Rechenschaft einfordert sowie die Anliegen artikuliert, die im Meinungsdiskurs unterrepräsentiert sind.“ Die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich zum Beispiel gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Queer-Feindlichkeit, sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetze, diene dem Gemeinwohl. „Sie ist aber nicht neutral, sondern wertegebunden.“, stellte Hahn fest.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sprach sich in ihrer Rede gegen eine generelle Einschaltung des Verfassungsschutzes aus. Dies sei nur bei besonderen Verdachtsgründen gerechtfertigt – „sonst wird die Zivilgesellschaft mit Misstrauen vergiftet.“
Hahn forderte in seiner Rede die Pluralität von politischer Bildung zu sichern und weiter zu stärken. Er sagte: „Für das Verhältnis zwischen Staat als Fördergeber und den zivilgesellschaftlichen Trägern sollte das Strukturprinzip der Subsidiarität stärker als bisher leitend sein. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass Träger nach politischen Kriterien ausgewählt werden oder im staatlichen Auftrag handeln.“
„Dritte Orte“ für sozialen Zusammenhalt
Brigitte Grande, die nun nach zwölf Jahren Ehrenamt für den Freundeskreis der Evangelischen Akademie Tutzing, den Vorsitz an Pfarrer i.R. Frank Kittelberger abgibt, – er war zuvor in der Mitgliederversammlung des Freundeskreises gewählt worden –, zog ein dankbares Resümee: „Sich für die Evangelische Akademie Tutzing und ihren Freundeskreis zu engagieren, gehört ganz sicher zum schönsten, erfüllendsten und sinnvollsten, was ich in meinem Leben als Bürgerin dieses Landes tun durfte.“ Sie betonte die Bedeutung der Akademie und ihrer Freundeskreise in ganz Bayern als „Dritte Orte“ in der Gesellschaft. „Dritte Orte – nach dem privaten und nach dem Arbeitsort – als öffentliche Räume der Begegnung, als Wohlfühl- und Ermöglichungsraum, als Lernraum für Neues; sie sind bedeutend für den sozialen Zusammenhalt.“
Es seien Orte, „an denen uns Orientierung vermittelt wird und an denen unsere Abwehrkräfte gegen vermeintlich einfache Erklärungen gestärkt werden.“ Die Evangelische Akademie Tutzing und ihren Freundeskreis bezeichnete Brigitte Grande als Bühnenbauer „für Dialog zwischen Politik, Wissenschaft und Bürgern.“ Sie schloss zugleich mit einem Aufruf: „Wenn die Mehrheit im Kleinen etwas tut, dann ist das am Ende groß. Daran habe ich immer geglaubt. Und ich habe auch immer daran geglaubt, dass man die Menschen um Mitwirkung bitten muss.“
Die Verabschiedung von Brigitte Grande war eingebettet in die Tagung „Zivilgesellschaft und Demokratie“ (5.-7. Juni 2026) – eine Kooperation der Evangelischen Akademie Tutzing mit ihrem Freundeskreis sowie dem Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung/WZB.
Im Vorfeld der Tagung fanden die Wahlen zum Konvent des Freundeskreises statt. Neben dem neuen Vorsitzenden Frank Kittelberger sind die neuen Konventsmitglieder: Annabel Baumgardt, Dr. Karin Bergmann, Marion Fürst, Jens Hoter, Vera Lohel und Pfr. Prof. Dr. Arne Manzeschke.
Ausgeschiedene Konventsmitglieder sind: Gerd F. Thomae (auch Schriftführer) seit 1998 insg. 31 Jahre mit einer Unterbrechung von 2002 bis 2006, Dr. Max von Blanckenburg, Dr. Nikolaus Blum, Gianna von Crailsheim, Dr. Ute Eiling-Hütig, Prof. Dr. Jeanne Rubner und Christian von Sydow. Mehr zum Freundeskreis finden Sie hier.
Alle Fotos: Oryk Haist
Weiterlesen
- Die Festrede von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger können Sie hier nachlesen.
- Die Rede von Akademiedirektor Udo Hahn lesen Sie hier.
- Zur Dankesrede von Brigitte Grande gelangen Sie hier.
- Porträt „Die Ermöglicherin“ über Brigitte Grande von Dorothea Grass
Über das Freundeskreiszeichen
Das „Freundeskreiszeichen“ ist eine vom Bildhauer Helmut Amman geschaffene Bronzefigur und symbolisiert, wofür sich der Freundeskreis einst gegründet hat und wofür sich seine Mitglieder seit Bestehen der Bundesrepublik einsetzen: Gespräch und Austausch, Freundschaft und Vertrauen, Engagement für die Gesellschaft und gegenseitige Unterstützung.
Der Verein zeichnet mit diesem nicht dotierten Preis sowohl verdiente Mitglieder aus, als auch Menschen, die die Wirkungsabsicht des Freundeskreises in ihrer Arbeit und ihrer Lebenshaltung verkörpern.





