
Blog-Beitrag Gebildet bleiben in der Komplexität
Julia WunderlichZu viel Information in einer überladenen Welt? Viele Menschen fühlen sich überfordert und ohnmächtig im Umgang mit der aktuellen Nachrichtenlage und ziehen sich zurück. Doch ist das wirklich eine Option? Die U18-Kommunalwahl für Jugendliche zeigt mit doppelt so hoher Wahlbeteiligung ein positives Bild.
„Politik ist so kompliziert, da kann ich sowieso nichts ausrichten. Deshalb informiere ich mich erst gar nicht mehr darüber.“ Immer mehr Menschen berichten mir von ihrem politischen Grundgefühl. Politik erscheint komplex, sei es im globalen Kontext oder im lokalen Alltag. Dabei sind es oft dieselben Strukturen und Prozesse, die sich wiederholen: Viel Macht, meist in Männerhänden, das Beginnen und Fortführen von Kriegen und wenig Transparenz im politischen Umgang mit Krisen. Die Vielzahl solcher Nachrichten kann Bürger:innen lähmen. Viele fühlen sich überfordert oder wenigstens herausgefordert. Doch die Welt bleibt nicht stehen und wird auch nicht wie durch ein Wunder besser, wenn man sich vergräbt und die Probleme ignoriert. Das Fazit, einfach keine Nachrichten mehr zu konsumieren, ist rasch getroffen, „weil man ja eh nichts machen kann“.
Das Fazit ist aus psychologischer Perspektive auf die politische Bildung nachvollziehbar. Und zugleich verheerend. Es ist zu kurz gedacht, zu dem Schluss zu kommen, sich nicht mehr zu informieren und zu bilden, weil man annimmt, dass man nichts bewirken kann. Politische Bildung bedeutet nicht automatisch, dass man sich auch engagiert. Politische Bildung hat, wie jede andere Form der Bildung, per se einen Sinn und Zweck. Und ist als Menschenrecht unbedingt notwendig. Wer keine Nachrichten mehr liest, trifft eine freiwillige Entscheidung gegen Bildung. Wie gesagt, sich bilden muss nicht automatisch bedeuten, sich zu engagieren. Von je her war nur ein Teil der Bevölkerung engagiert und politisch aktiv – und nicht alle Bürger:innen. Denn für Engagement braucht es vieles: Courage, Zeitaufwand, Energie und Netzwerke zum Beispiel. Nicht für jede:n ist das machbar und nicht für alle ein Ziel.
Sich politisch zu engagieren ist die Kirsche auf dem Sahnehäubchen in den Entwicklungsstufen politischer Bildung. Die Grafik, die der Politikwissenschaftler Ragnar Müller 2006 in seiner Dissertation veröffentlicht hat(1), stellt die vier Ziele der politischen Bildung dar. Die letzte Stufe ist das politische Engagement in der politischen Bildung. Engagement basiert auf den drei vorhergehenden Entwicklungsstufen. Politische Bildung umfasst somit diese vier Ebenen:
- Grundwissen vermitteln
- Verständnis für Politik
- selbstständiges Urteilen
- politisches Engagement
Diese vier aufeinander aufbauenden Schritte sollen den Menschen ermächtigen, durch politische Bildung zu mündigen Bürger:innen zu werden. Jede Stufe der Bildung ist von Bedeutung und wertvoll.
Jung – und kompetent in Demokratie
Zu wählen ist eine Möglichkeit, sich politisch zu engagieren (2). Das Wahlrecht in der Jugend wird häufig als Antrieb für Demokratie und politisches Engagement betrachtet. Eine Wahl ab 16 Jahren ist in manchen Bundesländern bei Kommunalwahlen möglich, in Bayern nicht (3). Der Bayerische Jugendring (BJR) stellte auch für die Kommunalwahl 2026 eine Wahlsimulation für alle unter 18 Jahren auf die Beine. Eine Woche vor der offiziellen Wahl wurden die Ergebnisse bekanntgegeben. Die U18-Wahl demonstrierte den Wunsch von Kindern und Jugendlichen, sich zu beteiligen: Etwa 30.000 Jugendliche nahmen an der U18-Wahl zur Kommunalwahl teil, fast doppelt so viele wie bei der letzten Kommunalwahl im Jahr 2020.
Ulrike Scharf, die bayerische Jugendministerin, interpretierte die lebhafte Beteiligung als „ein starkes Zeichen für unsere Demokratie.“ (4) Bei der U18-Wahl war es erstmals möglich, digital abzustimmen. Laut BJR funktionierte das reibungslos. Die Wahlergebnisse zeigten einen klaren Wunsch. Zwei Parteien wurden, kumuliert über alle Regierungsbezirke, mit Abstand die meisten Stimmen zugeteilt: Etwa 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen wählten die CSU und 24 Prozent die SPD. Sie wählten mit deutlichem Abstand auch die Partei Bündnis 90/Die Grünen, und zwar mit zehn Prozent der Stimmen. Die detaillierten Ergebnisse der U18-Wahl hat der BJR auf seiner Homepage veröffentlicht. (5).
Zur Wahl zu gehen ist ein entscheidender Aspekt der Demokratie. Eine robuste Demokratie erfordert selbstbewusste Bürger:innen, die Interesse zeigen und sich engagieren. Politische Bildung kann dabei helfen, mit Überforderung, Herausforderungen und Ohnmachtsgefühlen umzugehen. Sei es bei Tagungen, Seminaren, Networking oder im Austausch mit anderen.
Bildung und Nachrichten – Recht und Privileg zugleich
Medienpädagogische Bildung kann dabei helfen, mit der Nachrichtenlage umzugehen und sich politisch einzubringen. Dies bedeutet, selbst zu entscheiden, welche Art von Nachrichten man lesen möchte, in welcher Menge und zu welcher Uhrzeit (Informationen zu Kriegen lassen einen nicht gut einschlafen). Kinder und Jugendliche sind den Umgang mit digitalen Medien von klein auf gewohnt. Damit sie mit ihnen qualifiziert umgehen können – etwa Fake News erkennen – gibt es schon in der Grundschule medienpädagogische Angebote, zum Beispiel den „Medienführerschein“. Die Erwachsenen von heute sind dagegen nicht mit Internet, digitalen Plattformen wie „Social Media“ und den Massen an Medien und Informationen aufgewachsen. Sie müssen selbst dafür sorgen, dass sie mit digitalen Medien umgehen lernen.
Der negative Fokus dominiert oft die Nachrichten. Oft verpasst man in all den Bad News positive und überraschende Informationen. Konstruktiver Journalismus zeigt hier einen anderen Ansatz und setzt bewusst auf lösungsorientierte Berichterstattung, Nachrichten mit Wertschätzung und Perspektivenvielfalt. (6) Denn positive Nachrichten gibt es genauso wie negative Nachrichten. Jeder Mensch könnte sich bewusst dafür entscheiden, positive Nachrichten zu konsumieren, ob für ein besseres politisches Grundgefühl, als Ausgleich zu Bad News oder auch schlicht, um ausgewogenerer und positiver informiert zu sein,
Für mich stellen Nachrichten, Medien und Bildung ein Privileg dar. Ich kann mich frei und breit informieren. Die Weltlage wirkt überkomplex. Jedoch gerade in einer komplexen Welt wächst für mich die Wertschätzung dafür, politische Bildung und Nachrichten erfahren zu dürfen. Beides trägt zur Mündigkeit der einzelnen Bürger:innen bei. Das Menschenrecht auf Bildung ist gegenwärtig nicht für alle Weltbürger:innen real zugänglich. Ich hoffe, dass wir Nachrichten und Bildung auch künftig als Recht betrachten. Denn Bildung ist ein Grundrecht und gleichzeitig nicht selbstverständlich – ob in formeller Bildung, wie Schule und Studium, in außerschulischen Kontexten, wie Volkshochschulen und Akademien oder in informellen Bildungsbereichen, wie dem persönlichen Nachrichtenkonsum oder in Diskussionen im Freundes- oder Bekanntenkreis oder auch mit Andersdenkenden. In dieser Vielfalt wünsche ich mir, dass die Möglichkeiten der Bildung geschätzt und genutzt werden. Sie sichern unseren Bildungsstandard und sorgen dafür, dass wir als demokratische Gesellschaft – mit dem Recht auf Bildung – mündig bleiben.
Über die Autorin
Julia Wunderlich ist Studienleiterin für Jugendpolitik und Jugendbildung im Jungen Forum der Evangelischen Akademie Tutzing.
Quellen:
(1) Ragnar Müller: Wie kann man komplexe Themen wie Globalisierung oder europäische Integration unterrichten? Tübingen, 2006.
(2) Lexikoneintrag von Christiane Toyka-Seid und Gerd Schneider zu „Mündigkeit“, Hanisauland. Politik für dich, Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.)
(3) Online-Artikel von Kathrin Bohlmann „Trend zu ‚Wählen ab 16‘ – in Bayern nicht“, Bayerischer Rundfunk, 24.02.2026
(4) Online-Artikel von Tanja Kipke: „Eindeutiges Ergebnis der U18-Kommunalwahl: So hätte Bayerns Jugend gewählt“, Merkur.de, 08.03.2026
(5) Bayerischer Jugendring, Ergebnisse der U18-Wahl, Kommunalwahl in Bayern 2026
(6) Online-Artikel von Barbara Maas: „Konstruktiver Journalismus: Chancen & Herausforderungen“, Media Lab Bayern, 17.01.2025





