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Sabine Sparwasserinfo Icon© David Ausserhofer für Stiftung Mercator

Blog-Beitrag „Ich habe mich oft wie Forrest Gump gefühlt“

Julia Wunderlich zeit info Oktober 2026

Bei der Politikwerkstatt im Oktober wird Sabine Sparwasser digital zugeschaltet sein. Die frühere Diplomatin war bis 2024 Botschafterin in Kanada. Im Interview mit Studienleiterin Julia Wunderlich spricht sie über den Handelskrieg zwischen Kanada und der USA, Fehler und Errungenschaften der deutschen Außenpolitik und über die Kraft der Diplomatie.

Frau Sparwasser, ich freue mich sehr, dass Sie zu unserer Politikwerkstatt im Oktober zugesagt haben. Es ist für mich eine Ehre, dass wir Sie als Referentin gewinnen konnten.

Ich freue mich sehr darauf, bei einer Werkstatt der Evangelischen Akademie Tutzing dabei sein zu können. Tutzing steht für Demokratieförderung und Dialogkultur.

Wir leben in einer Zeit, in der Demokratie von innen und außen bedroht wird. Die Bereitschaft zum respektvollen Dialog schwindet, während in sozialen Medien Blasenbildung, harscher Ton und Abwatschen anderer Meinungen durch Algorithmen gefördert wird. Die Arbeit der Akademie war nie wichtiger als heute.

Wir werden Sie aus Kanada zuschalten. Warum haben Sie sich gerade für Kanada als Wohnort entschieden, nachdem Sie als Diplomatin fast die ganze Welt bereist haben?

Das hat viel mit meinem kanadischen Mann zu tun, der vor allem gesundheitlich besser in seiner Heimat aufgehoben ist. Aber auch ich habe in vielen Jahren Kanada als riesiges, wunderschönes und so vielfältiges Land lieben gelernt – seine Provinzen, Landschaften und seine Bevölkerung. Es ist meine zweite Heimat.

Gerade heute fühlen wir Deutsche uns Kanada ja auch in unserem Lebensgefühl und Werteverständnis so nah: Es ist das europäischste Land außerhalb Europas, das bessere Nordamerika. Ich lebe sehr gern im Wechsel zwischen diesen beiden großartigen Ländern, Deutschland und Kanada.

Sehen Sie sich als Weltbürgerin?

Na ja, das sind wir in vieler Hinsicht heute doch alle. Wir sind alle weltweit vernetzt. Globale Entwicklungen betreffen uns alle. Die Klimakrise löst verheerende Überschwemmungen in Tibet aus und der Rhein trocknet aus.

Echte Weltbürger müssen deshalb die Welt mitdenken und nie nur nach Lösungen für sich selbst suchen. Weltbürger streben danach, gute Nachbarn für alle zu sein.

Weltbürger zu sein heißt dabei aber nicht, die Verwurzelung und Identifikation mit der Heimat zu verlieren. Wir alle definieren uns in Schichten, ein wenig wie Zwiebeln: Im Zentrum bestimmen uns Familie und enge Freunde, dann Gemeinde. Wir sind Bürger in Deutschland, Europa und der Welt.


Apropos Kanada, wie bewerten Sie die Beziehungen mit Ihrem Nachbarland? Wie empfinden Sie den Diskurs rund um die Anzahl der Bundesstaaten der USA?

Das hat es noch nie unter derart befreundeten Demokratien gegeben, dass ein Land den Anspruch erhebt, seinen Nachbarn einfach zu annektieren. Die Kanadier sind zu Recht empört über das Gerede des US-Präsidenten vom 51. Staat. Sie müssen es ernstnehmen, denn Kanada ist durch seine Ressourcen, Energie- und Wasserreichtum, die strategische Bedeutung seiner Arktis tatsächlich für die USA essenziell.

Hier wurde völlig unnötig eine der friedlich-freundlichsten-konstruktivsten Nachbarschaftsbeziehungen der Welt kaputtgemacht. Kanada war und ist ja bereit, mit einem kooperativen und respektvollen US-Partner über jede Art der Zusammenarbeit zum Beispiel bei Energie, Wasser oder kritischen Mineralien zu reden.

Über mehr als hundert Jahre hinweg sind die kanadisch-amerikanischen Handelsbeziehungen stetig gewachsen. Beide Länder haben ihren Kontinent und die Sicherheit Europas gemeinsam verteidigt. Die mit 9000 Kilometer längste unbefestigte Grenze der Welt hat früher beide Länder verbunden, nicht getrennt.

Das hat sich drastisch geändert. US-Politik heute will Kanada in die Knie zwingen. Die Kanadier widersetzen sich dem in beeindruckender Weise: vom Premierminister, der dafür steht, dass Kanada sich nicht brechen lassen wird. Bis zu den normalen Bürgern, die beim Einkaufen „Made in the US“ konsequent meiden.

Nun sind die beiden Länder im Handelskrieg, das Misstrauen ist hoch, Kanada diversifiziert mit Hochdruck seine Wirtschaftsbeziehungen und Sicherheitszusammenarbeit, um die einseitigen Abhängigkeiten von den USA zu verringern. So wie es auch die Europäer machen…

Bevor Sie nach Kanada gegangen sind, sind Sie oft alle drei Jahre umgezogen. Sie waren Sonderbeauftragte der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan, waren deutsche Botschafterin in Kanada bis 2024 und Sie leiteten die Akademie für die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden des Auswärtigen Amtes. Die Liste all Ihrer beruflichen Stationen weltweit kann ich gar nicht alle aufzählen. Ihr Werdegang ist voll an komplexen, vielseitigen und auch brisanten Jobs. Was war eins Ihrer beeindruckendsten Erlebnisse in Ihrer Laufbahn?

Im Auswärtigen Dienst habe ich mich oft wie Forrest Gump gefühlt: Auch ich bin in einige der entscheidenden Momente der Weltgeschichte einfach durch meinen Job so hineingewandert und habe ganz außergewöhnliche Menschen wie Nelson Mandela, Madeleine Albright, Mark Carney aus der Nähe sehen, hören, sogar treffen dürfen.

Meine schönste Erinnerung: Als Referentin für das Europäische Parlament in Brüssel habe ich die Mitglieder des Rechtsauschusses zu einer Sitzung nach Berlin begleitet. Wir tagten im Reichstag, mit Blick nach Osten, just am 9.11. 1989, dem Tag, an dem die Mauer fiel. Wir waren an der Stelle, wo Weltgeschichte passierte und schauten dann aus unserem Sitzungssaal auf die Kinder, die mit Schulranzen auf der Mauer tanzten.

Der Vorsitzende des Rechtsausschusses war Graf Schenk von Stauffenberg, ein Sohn des Mannes, der Deutschland 1944 retten wollte und dafür hingerichtet wurde. Ich habe oft überlegt, was ihm damals durch den Kopf gegangen ist. Ich selbst habe die so komplizierte Geschichte unseres Landes nie tiefer empfunden als in diesem Moment des Glücks und der Erlösung.

Besonders bekannt sind Sie durch Ihre Arbeit als Diplomatin. Wie empfanden Sie das diplomatische Wirken? Und war das immer Ihr Traum?

Eigentlich wollte ich Journalistin werden. Aber in jedem Fall: hinausgehen in die Welt, sehen, was passiert. Verstehen, wie und worum die Welt sich dreht. Und natürlich hatte ich, wie fast alle meiner Kolleginnen und Kollegen auch eine Portion Idealismus. Wir wollten für unser Land arbeiten, für Frieden, für Europa.

Nach vierzig Jahren ist meine Bilanz: Vieles ist der deutschen Außenpolitik gelungen. Vor allem in den Jahren bis zur Einheit und in den zehn Jahren danach haben sich Deutschland und Europa auf der Tangente stetig hin zu mehr Wohlstand und wachsendem europäischen Friedensraum bewegt. Das hat uns aber behäbig werden lassen. Wir haben viele Entwicklungen – russisches Ressentiment und Imperialismus, chinesisches Vormachtstreben, Abwendung des globalen Südens vom Westen, insgesamt Polarisierung in den internationalen Beziehungen – lange nicht ernst genug genommen. Damit müssen wir heute umgehen.

Wie sehen Sie die diplomatischen Bemühungen in polarisierten Zeiten? Im Kontext der heutigen Weltlage – würden Sie die Arbeit als Diplomatin heute immer noch führen wollen?

Diplomatie ist ein Instrument und als solches zeitlos. Es dient dazu, Beziehungen zwischen Nationen auszuhandeln, Netzwerke und Verbindungen aufzubauen, idealerweise zu beidseitigem Nutzen und vor allem zur Vermeidung von Konflikten. Das ist heute komplizierter geworden: Es gibt mehr supermächtige Akteure – von autokratischen Herrschern bis zu Tech-Oligarchen. Wir erleben globale Entwicklungen, die wir schwer beeinflussen können und die in unsere Länder hineinwirken. Technologische Quantensprünge verändern unsere Welt und entziehen sich staatlicher Kontrolle.

Diplomatie bewegt sich nun im multidimensionalen Raum. Ihr Umgangston ist rauer geworden. Transaktionales Denken, Machtdemonstrationen, Aggression, Lügen und verbale Attacken gehören heute zum politischen Arsenal. Darauf müssen Diplomaten vorbereitet sein, wenn sie ihren Job machen. Es ist härter geworden.

Mit Eintritt in Ihren Ruhestand als Diplomatin arbeiten Sie jetzt als Rektorin am Mercator Kolleg für internationale Aufgaben. Was ist Ihre Vision für diese Arbeit?

Wir wollen besonders motivierten Menschen, die die Welt ein wenig besser machen wollen, bestmöglich darauf vorbereiten, international Verantwortung zu übernehmen. Für eine friedliche, nachhaltige und inklusive Zukunft. Unsere Fellows haben den Wunsch und den Mut zu handeln. Wir wollen sie fördern und ihnen ein Netzwerk geben.

Was wünschen Sie sich für die Welt?

Da fällt mir natürlich die klassische Antwort ein, die bei jeder Miss-Wahl fällt, banal, aber so ernst gemeint: Weltfrieden!

In etwas kleinerer Münze: Ich wünsche mir, dass es Europa gelingt, geeint und im Verbund mit Gleichgesinnten in der geostrategischen Unordnung und Großmacht- Konkurrenz unserer Zeit zu bestehen und regelbasierte Ordnungselemente zu erhalten und neu zu schaffen.

Hinweis

Die „Politikwerkstatt: Westasien. Klimakrise. Zuversicht.“ findet vom 23. bis 25. Oktober 2026 im Jungen Forum der Evangelischen Akademie Tutzing statt – in Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Alle Informationen zum Programm und den Anmeldemodalitäten finden Sie hier.

Zur Person

Sabine Sparwasser, Diplomatin a.D., Rektorin des Mercator-Kollegs für internationale Aufgaben, bis 2024 Botschafterin in Kanada, zuvor Sonderbeauftragte der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan und Leiterin der zweiten Politischen Abteilung im Auswärtigen Amt.

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