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Roger de Weckinfo Icon© Roger de Weck bei der Frühjahrstagung des Politischen Clubs im März 2026

Aktuelles Nachlese „USA und Deutschland – wie weiter?“

Hannah Ruopp, Dorothea Grass zeit info 21. Mai 2026

Für Deutschland galten die USA lange Zeit als demokratisches Vorbild und verlässlicher Bündnispartner. Doch die politischen Veränderungen der USA in der Ära Trump haben auch die transatlantischen Beziehungen verändert. Was wird aus dem großangelegten Projekt der Westbindung, wenn es „den Westen“ immer weniger gibt? Die Frühjahrstagung des Politischen Clubs im März 2026 fragte nach der Stabilität der Beziehungen zu den USA, nach geopolitischen, wirtschaftlichen, militärischen, aber auch kulturellen Aspekten. Hier lesen Sie den ausführlichen Tagungsbericht.

„USA und Deutschland – wie weiter?“ lautete der Titel der Frühjahrstagung des Politischen Clubs vom 20.-22. März 2026 (Programm hier abrufen). Die Partnerschaft beider Länder geht über ihre Ländergrenzen hinaus, ist eingebettet und verflochten mit militärischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Allianzen. Um diese Vielzahl an Perspektiven näher greifen zu können, hatten Tagungsleiter Dr. h.c. mult. Roger de Weck und Akademiedirektor Udo Hahn Expertinnen und Experten dazu eingeladen, Aspekte aus Politik, Diplomatie, Kultur und Literatur, Religion, zu internationalen Interessen und Geopolitik, Verteidigung, Geschichte der Nato-Anbindung, demokratischen Werten, dem Dollar auf dem internationalen Finanzmarkt sowie der Rolle Deutschlands und der Europäischen Union näher zu beleuchten.

Den Auftakt machten am Freitagabend Christiane Hoffmann, stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung a.D. zusammen mit dem Botschafter der Schweiz a.D. Tim Guldimann. Unter der Überschrift „Ukraine, Iran, Wirtschaft: Die neue Machtpolitik“, analysierten sie jene aktuellen weltpolitischen Konflikte: Christiane Hoffmann wies auf die Ähnlichkeit der Kriege in der Ukraine und dem Iran hin: Beide geschähen ohne Begründung oder konkrete Kriegsziele. In beiden Fällen sei die militärische Kraft des angegriffenen Landes unterschätzt worden und hätten weitreichende ökonomische Folgen. Guldimann verwies daran anknüpfend auf die Gefahr einer massiven Finanz- und Weltwirtschaftskrise, eine europäische Strategie fehle seiner Meinung nach. Er führte die massive Überlastung der Haushalte an, sowie die Glaubwürdigkeit des US-Dollars als Leitwährung. Eine kaum diskutierte Frage, so Guldimann: „Ist Europa zu finanzieller und währungspolitischer Emanzipation von den USA fähig?“ Seine Einschätzung: Noch sind wir weit davon entfernt.

Kultur mit „kleinem c“ oder „großem K“?

Im anschließenden Gespräch fragte Roger de Weck beide nach Einschätzungen zur weiteren Entwicklung des Iran Kriegs und der US- Politik in der Ukraine. Guldimann und Hoffmann konnten sich beide keinen positiven Ausgang vorstellen. Der Krieg stabilisiere das Regime, so Hoffmann. Guldimann betonte, nicht in Prognosen, sondern in Szenarien zu denken. Er glaube, die Gefahr einer iranischen Atombombe sei bei Überleben des Regimes noch größer. In der US-Politik zur Ukraine sieht Christiane Hoffmann sowohl einen Ausdruck von strategischer Verwirrung als auch ein Unverständnis über den Wert internationaler Partnerschaften. Trump hege darüber hinaus „seltsame Sympathien“ für Putin. Die Bilanz der beiden für den Auftrag Deutschlands: europäische Einheit zu sichern, auch in der Unterstützung für die Ukraine. Hoffmann hält eine kühlere, unemotionalere Interessenpolitik für geboten.

Das Podiumsgespräch mit der Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Elisabeth Bronfen, ehemalige Professorin an der Universität Zürich und Global Distinguished Professor an der New York University, am Samstagmorgen beleuchtete das Verhältnis amerikanischer und deutscher Kultur auf eine humorvolle Art. Bronfen führte den Begriff des „kulturellen Imaginären“ amerikanischer Kultur an, dass auch Deutschland geprägt habe – spätestens seit der Re-Education nach dem Zweiten Weltkrieg. Der „Fantasieort Amerika“ habe eine gewisse Tradition in Deutschland. Ein Teil des Imaginären sei zum Selbstverständnis der Deutschen geworden. Die Identifikation geschehe weniger über Alltägliches als durch Rituale wie Halloween oder den Valentinstag. Aber auch über Netflix-Serien und ähnliche Formate geschehe eine „ubiquitäre Identifikation“ – bis hin zu Gesten und Amerikanismen. Zugleich habe es lange Zeit die Vorstellung gegeben, dass die Europäer „die Kultur mit dem großen K“ nach Amerika bringen würden. Durchgesetzt habe sich jedoch die „Kultur mit dem kleinen c“ – culture. Amerikanische Kultur sei eben „verständlicher und leichter zu vermitteln als Wagner“, merkte Bronfen in Anspielung auf den deutschen Komponisten scherzhaft an. Es gebe eine „fehlende Balance“ in der kulturellen Beziehung zwischen den USA und Europa. Letztere seien sehr an Amerika interessiert, das Interesse auf der anderen Seite an Europa jedoch weit geringer. „Der Antiamerikanismus hat auch mit enttäuschter Liebe zu tun“, sagte Bronfen.

Bronfen, die sowohl Verfasserin zahlreicher kulturwissenschaftlicher Sachbücher als auch Romanautorin ist, stellte Querverbindungen zwischen Literatur, Kultur und Politik vor. Zum Beispiel: Shakespeare verrate einiges über US-Präsident Trump und Amerikaner hätten ein Faible für Hochstapler. In den Werken Shakespeares ließe sich einiges über das Umfeld Herrschender, sowie Macht und Verblendung lernen. Bronfen zog daneben Vergleiche zum „Gilded Age“ (vergoldeten Zeitalter) Ende des 19. Jahrhunderts und sagte über die aktuelle US-Regierung: „Ich glaube, in dieser Regierung geht es vor allem um Gier“. Nach Stephen Greenblatts Werk „Der Tyrann“ hätte jedoch selbst „der schlimmste Tyrann bei Shakespeare auch ein Innenleben“. Hochstapelei hingegen sei ein „Confidence game“ und sei gepaart mit der „Fähigkeit der Amerikaner etwas zu glauben“. Bronfen bezog sich hier auf Herman Melvilles Roman von 1857 „The Confidence-Man: His Masquerade“ (dt. „Maskeraden oder Vertrauen gegen Vertrauen“). Die Europäer seien dagegen nüchterner. Ihr Plädoyer: Donald Trump zusammenzudenken mit Thomas Manns „Mario und der Zauberer.“

In seinem Vortrag betrachtete Dr. Roman Deininger das Verhältnis von Politik und Religion in den USA und Deutschland. Der Politologe und Chefreporter der Süddeutschen Zeitung in München erläuterte einen grundlegenden Gegensatz von Deutschland zu den USA: In den USA seien Staat und Kirche institutionell scharf getrennt, Politik und Religion hingegen kulturell engstens verbunden. Ein zweites Phänomen sei die Säkularisierung, die die USA nicht in gleichem Maße wie Europa erreicht hätte, laut Deininger.

„Trump hat das Verhältnis zwischen Religion und Politik nachhaltig verändert“, sagte Deininger. Der US-Präsident sei „kein frommer Mensch“ und doch „in göttlicher Mission unterwegs“, dabei bezog Deininger sich auf das von Trump selbst vertretene Narrativ, er sei „von Gott gerettet worden, um Amerika groß zu machen.“ Abgesehen von der Kommerzialisierung der Politik und Religion (Verkauf von personalisierten Trump-Bibeln), gäbe es in den USA auch einen „spirituellen Krieg“, der sich laut Deininger als Moment in der Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk fand.

Deininger ging auch auf die Rolle der evangelikalen Christen ein, die an die wörtliche Autorität der Bibel glauben und ihre politischen Hoffnungen (wie das Thema Abtreibung) in Donald Trump erfüllt sähen. Diese würden Trump zu einer Art „König David der Neuzeit“ stilisieren, einem „Sünder und Ehebrecher“, der trotzdem zum „Werkzeug der Vorsehung“ wurde.

„Die Lüge in der Politik erlebt gerade einen Bedeutungszuwachs“

Dr. Roman Deiningers Kernthema: der in den USA vorherrschende Glaube an die eigene Nation, die sogenannte Zivilreligion. Präsidenten prägen diese Zivilreligion maßgeblich, so Deininger. Dabei gäbe es den selbstkritischen und den selbstherrlichen Strang. Mit Trump hätte diese Zivilreligion eine neue Stufe des Verfalls erreicht. Religion, die Tugendhaftigkeit zu den Menschen bringe, für „Trumpisten“ sei dies allerdings „Sprungbrett in einen gefährlichen Abgrund.“ Auf der positiven Seite jedoch könne Zivilreligion im besten Falle auch die Selbstheilungskräfte einer Gesellschaft aktivieren, schloss Deininger seinen Vortrag.

Im anschließenden Gespräch, das von Akademiedirektor Udo Hahn moderiert wurde, sprach Roman Deininger davon, dass das Kapern des christlichen Nationalismus ein relativ neues Element in den USA sei. Evangelikale als auch Anhänger der MAGA-Bewegung hätten ähnlich Ziele – die Frage sei, was aus dem Bewusstsein beider Gruppen über ein Gefühl des „Auserwähltseins“ folge. In Deutschland gebe es dagegen eine „toxische Mischung“ von materiellen und kulturellen Verlustängsten. Menschen fühlten sich nicht gewürdigt und gerecht behandelt und entscheiden sich dafür, Parteien zu wählen, sie sie in ihren Vorurteilen abholen.

Deininger sprach außerdem davon, dass die Regeln der politischen Auseinandersetzung in den USA „ins Rutschen gekommen seien“. „Die Lüge in der Politik erlebt gerade einen Bedeutungszuwachs, der uns alle erzittern lassen muss“, so Deininger.

Der Vortrag von Prof. Dr. Gerlinde Groitl, außerplanmäßige Professorin für Internationale Politik, Schwerpunkt USA und Sicherheitspolitik an der Universität Regensburg, stand unter der Überschrift: „Amerikanische und europäische Sicherheitspolitik“. Groitl begann mit einem Statement: Die Öffentlichkeit rede zu viel über Donald Trump bzw. springe über „jedes Stöckchen“.

Sie begann ihren Vortrag mit einer Erläuterung von Weltordnungskonflikten, die sich im Umbruch befänden. Die zentrale Bewegung sah sie darin, dass der Westen, insbesondere Europa, an Macht verliere. Die USA stehe machtpolitisch besser da, vor allem aber wollten Länder wie Brasilien, China und Indien mehr Mitspracherecht, so Groitl. Diese Länder wollten „Regelsetzer sein“ – keine „Regelnehmer“. Es gebe einen Wettstreit um die Regeln der Weltpolitik, in der das Recht des Stärkeren gelte. („In der internationalen Politik herrscht Anarchie.“) Neben der Machtkonkurrenz sei das internationale System geprägt durch die Systemkonkurrenz: Hier ging Groitl auf die Rolle Russlands ein: Russlands Ziel sei die Neuordnung Europas. Hybride Angriffe und psychologische Kriegsführung auf Europa würden zeigen, dass Russland nicht friedenswillig ist.

Gerlinde Groitl kam anschließend auf die amerikanische Sicherheitspolitik zu sprechen. Sie sei geprägt von Interventionen und der Ressourcenkonzentration auf Krisengebiete, dies erkläre die aktuelle Situation, in der sich die USA aus Europa hinsichtlich Ressourcen zurückziehe.

Im Zuge dessen ging sie auch auf den Streit um die Arktis ein, die für die USA vor allem hinsichtlich der strategischen Ziele für die Schifffahrt, Weltraumpolitik und Waffen von Bedeutung sei.

Wirtschaft als Grundlage für Sicherheit

Groitl appellierte an ein selbstständiges Deutschland und Europa, das bisher eher eine „Umarmungsstrategie“ gegenüber den USA verfolgte. Europa müsse Führung ausüben und geopolitisch denken, nach dem Motto „Wir brauchen Grönland.“ Das Territoriale sei „wichtig für die Demokratie“, der Nationalstaat biete einen Schutzraum für die Bürgerinnen und Bürger. Die Perspektive, dass der Nationalstaat überholt sei, sei eurozentrisch, so Groitl.

Zudem sei das wichtigste Thema aktuell die Wirtschaft: „Wirtschaft ist die Grundlage für eine starke Sicherheitspolitik, für sozialen Frieden und demokratische Stabilität.“, sagte Groitl. Sicherheit sei die Kernaufgabe des Staates und der brauche die nötigen Mittel um diese zu garantieren, denn „Freiheit ist nicht frei“.

In der anschließenden Debatte beschrieb Groitl eine Rückkehr zum Territorialen, es gehe um „Raumkontrolle“. Europa müsse stärker werden. Dies gelänge auch über stärkere Einzelstaaten, die Verantwortung übernehmen.

Zur Geschichte der Westbindung sprach Prof. Dr. Norbert Frei, Professor em. für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Frei zitierte zu Beginn Altkanzler Konrad Adenauer: „Die Interessen Europas und die der Vereinigten Staaten sind nicht immer identisch. Und die europäischen Staaten müssen durch die Einigung Europas in die Lage versetzt werden, auch ihre Interessen zur Geltung zu bringen.“ Adenauers letzte außenpolitische Rede im Februar 1967 sei ein Plädoyer für die Einigung Europas gewesen. Adenauers „außenpolitische Panikattacke“ rührte von den fortschreitenden Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag der USA her, gegen dessen Gefahr sich nur ein geeintes Europa wehren könne, erläuterte Frei.

Frei führte durch die Geschichte der transatlantischen Beziehungen, vom Wiederanfang deutscher Staatlichkeit nach dem zweiten Weltkrieg bis hin zu aktuellen Entwicklungen in den USA. Im Wesentlichen gehe es um „Sicherheit und Souveränität“, nach Adenauers Überzeugung nur im Rahmen einer transatlantischen Beziehung und westlichen Integration zu bekommen, so Frei. Die Westbindung sei Selbstbindung und Fremdbindung Deutschlands in einem, zum geteilten Interesse der Alliierten, schilderte Frei.

Forderung nach einem starken Europa

Mit der Aufnahme der Bundesrepublik in die Nato, unter der „Schutzmacht Westeuropas“, der USA, sei die Westintegrations- und Westbindungspolitik der jungen Bundesrepublik eigentlich abgeschlossen gewesen, so Frei. Die Sorge vor einem außenpolitischen Kurswechsel der USA jedoch hätte es schon immer zunehmend gegeben. Die Frage, die sich auch Adenauer stellte: „Was ist eigentlich das Sicherheitsversprechen der Amerikaner genau wert?“ Die europäische Einigung, die Adenauer bei seiner letzten außenpolitischen Rede forderte, so Frei, sei „perspektivisch nicht nur eine Ergänzung, sondern auch Ersatz für den amerikanischen Sicherheitsschirm gewesen.“

Unter der Überschrift „Wie weiter mit der amerikanischen Demokratie – und der deutschen?“, präsentierte Prof. Dr. Daniel Ziblatt via Online-Schalte Impulse. Er ist Direktor der Forschungsabteilung „Transformationen der Demokratie“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Ziblatts These: Die heutige Außenpolitik der USA reflektiere die geschwächte Demokratie. Der Zerfall von Demokratien geschehe nicht mehr wie früher, begann Ziblatt. Geschah dies während des Kalten Krieges meist durch Militärputsche, so würden Demokratien heutzutage paradoxerweise unter gewählten Anführern zusammenbrechen, so Ziblatt. Diese würden ihre Legitimität nutzen, um bestehende demokratische Institutionen abzubauen, erläuterte er.

Der Prozess des „Democratic Backsliding“ (Demokratieverfall) erläuterte er anhand einer Neueinstufung der US-Demokratie durch Ratingagenturen: ein Bericht aus Schweden stufte die USA von einer liberalen Demokratie zu einer elektoralen Demokratie herunter, vom 20. Platz weltweit zum 51. Platz. Ziblatt kam auf mehrere, für ihn besorgniserregende Entwicklungen in den USA zu sprechen: Er nannte die Instrumentalisierung von Strafverfolgung und Justiz, den Angriff auf Universitäten und akademische Institutionen, die Aushöhlung der Gewaltenteilung und den Angriff auf Zivilrechte durch die Einwanderungsgesetze. Wichtige Faktoren, die diese Entwicklungen erklären, sah Ziblatt unter anderem darin, dass Demokratien nicht bloß „durch geschriebene Verfassungen funktionieren“, sondern auch von „ungeschriebenen Normen leben“. Normen, wie Toleranz für den politischen Gegner, so Ziblatt, würden durch eine zunehmende Polarisierung in den USA erodieren.

Europa: künftige „Supermacht für kleine Staaten“?

Im Gespräch mit Roger De Weck zeigte Daniel Ziblatt sich optimistisch zur Zukunft des Westens: es gäbe in der transatlantischen Welt eine gemeinsame Wertegrundlage. Ziblatt bezog sich auf Carl Deutschs „The North Atlantic Community“ und die Idee von Gemeinschaften, die sich durch gemeinsame Herausforderungen auszeichnen würden, genau wie die USA und Europa. Er sah parallele Entwicklungen in Europa und den USA und die Notwendigkeit, Herausforderungen gemeinsam zu begegnen.

Den Schluss am Samstagabend machte Kai Whittaker, Mitglied des Deutschen Bundestags (CDU) aus Baden-Baden und Vorsitzender der Parlamentariergruppe USA. Er formulierte zu Beginn die deutsche Frage zur amerikanischen Frage um: Es hieße nicht mehr „Was wird aus Deutschland?“, sondern „Was macht Amerika?“. Diese amerikanische Frage sei offen, solange nicht klar wäre, ob das Weiße Haus ein Ort des Freiheitkampfs oder des Kulturkampfs sei. Ein zu schwaches Amerika, was seine multilaterale Rolle nicht mehr erfülle, müsse sich selbst entscheiden, ob es „globale Ordnungsmacht“ bleiben oder sich in „nationale Selbstisolation“ begeben wolle.

Whittakers Appell an Europa: selbst Träger der regelbasierten Ordnung werden. Er nannte die dafür notwendigen Aufgaben: verteidigungsfähig zu werden, vorzugsweise mit in Europa produzierten Waffen. Eine nukleare Abschreckung benötige eine „doppelte Strategie“ in einer langfristig angelegten Zusammenarbeit mit Großbritannien, Frankreich, Polen und weiteren Ländern. Zweitens müsse die Wirtschaftskraft dringend aufholen. Wichtig sei es etwa, die KI-, Biopharma- und Softwareindustrien zu besetzen. Als dritten Punkt präsentierte Whittaker die Idee eines festen Handelsrahmens für grundsätzlich alle Drittstaaten, aus dem sich dann verteidigungspolitische Allianzen herausbilden könnten: Europa müsse zur „Supermacht für kleine Staaten“ werden, so Whittaker.

Auch Deutschland müsse Führung übernehmen, trotz geschichtlicher Erfahrungen. Wenn man die erlernte Stabilität, Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit beibehalte, läge darin für Europa eine große Chance, schloss er.

Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum sprach sich Whittaker unter anderem für ein stärkeres Engagement Deutschlands in der Ukraine aus sowie für ein Mehrheitsprinzip auf EU-Ebene. Er berichtete auch von der Zusammenarbeit Deutschlands und den USA auf der Ebene parlamentarischer Arbeitsgruppen, die durch den Amtsantritt der aktuellen US-Regierung Veränderungen gebracht habe.

Dr. Laura von Daniels von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Senior Fellow und ehemalige Leiterin die Forschungsgruppe Amerika (2019-2025), begann den Sonntagmorgen mit ihrem Vortrag zur Erosion der US-Demokratie und des Dollars. Die Politikwissenschaftlerin mit dem Spezialgebiet transatlantische Wirtschaftsbeziehungen, Handelspolitik und Finanzthemen ordnete das Phänomen „Sell America“ ein. Es beschreibt die Tendenz von Anlegern, sich Alternativen für US- Dollar-Investments zu suchen. Paradox sei, so von Daniels, dass die USA einen fallenden Anteil am BIP-Wachstum weltweit hätten, und trotzdem Investorenanleger ihr Geld den USA leihen würden, was die öffentliche Verschuldung der USA weiter begünstige.

Nach dem Prinzip des „Democratic Advantage“ würden Anleger vor allem demokratischen Ländern Vertrauen schenken. Sie nannte unter anderem Faktoren wie Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Zentralbank und Transparenz als Mittel gegen Korruption, die für Sicherheit sorgen würden. Trotz eines geschwächten Vertrauens in die USA, ließe sich vorerst kein Abstieg des Dollars beobachten, so beantwortete sie ihre Leitfrage. Klar jedoch sei: Trump könne das Präsidialsystem der USA fundamental verändern. Sie erwähnte Faktoren wie die Normauflösung, die Erosion der Gewaltenteilung, die Politisierung der Justiz oder ein zunehmendes Vorgehen gegen Private. Dies ließe an der Rechtsstaatlichkeit der Vereinigten Staaten zweifeln und sorge für Unsicherheit bei Investoren. Ob es in Zukunft mehrere Leitwährungen geben könnte oder ob der Euro den Dollar ablösen könnte, blieb offen. Von Daniels erklärte jedoch, es gebe aktuell eine fehlende Tiefe von Finanzmärkten wie in den USA, zudem müsste der Euro erst attraktiver werden.

Im anschließenden Gespräch, das von der Journalistin Sibylle Giel moderiert wurde, stellte von Daniels entscheidende Punkte als Zukunftsfragen in den Raum: „Können wir in Europa Alternativen entwickeln, was ist dafür notwendig, und wie bekommen wir politische Mehrheiten dafür?

„Life, liberty and the pursuit of happiness“

Den Abschlussvortrag der Tagung hielt Andrew B. Denison, Direktor von Transatlantic Networks in Königswinter bei Bon. Er äußerte sich zu Deutschlands Rolle in Europa und erzählte zuvor von den USA. Er bezeichnete zu Beginn den „Pax Atlantica“ als wichtigste Beziehung in der Welt seit dem zweiten Weltkrieg. Dieser sei „Träger eines goldenen Zeitalters“. Seine zweite These: die Turbulenzen der Gegenwart würden auf alten Problemen beruhen, deren Wurzeln in den Machtkonstellationen der Nachkriegsjahre lägen.

Denison sprach vom amerikanischen Isolationismus und geostrategischen Interessen der USA in Eurasien, in Russland und China. Das Streben nach Sicherheit sei verbunden mit einer „Skrupellosigkeit und Selbstmotivation“, so Denison, erweiterte militärische Abschreckung diene der Verteidigung jener Interessen. Die Gefahren der alten Großmachtkonflikte seien nur „mit geballter Kraft von beiden Seiten des Atlantiks“ zu meistern.

Die Interessen der Amerikaner in der Welt beschrieb Denison als ebenso wichtig, wie die Interessen zuhause. Die Ziele der amerikanischen Außenpolitik: Frieden, Freiheit und Wohlstand, um den Dreiklang der Verfassung „Life, liberty and the pursuit of happiness“ zu garantieren, so Denison. Damit verbunden sei das Überleben im anarchischen internationalen System, im Streben nach Sicherheit und Frieden, seien die Amerikaner „skrupellos und selbstinteressiert“. Freiheit zu garantieren, gehe einher mit der Verbreitung von Demokratie und Rechtsstaat, Wohlstand äußere sich in der Eroberung globaler Märkte. Auch bleibe Europa oberstes Interesse der USA, da diese dort am meisten verdienen würden und dort ihre kulturellen Wurzeln sähen, äußerte Denison. Die USA unter Trump wolle Europa nicht durch ihre Taten schwächen, es ginge stattdessen um eine Verhandlung des Preises für die bisherige US-Unterstützung von Europa.

Zur Rolle Deutschlands sagte Denison: „Die deutsche Stärke ist maßgeblich für die europäische Stärke“. Es gebe keine gesamteuropäische Führung in der Welt. Deutschland müsse seine Rolle von Macht neu definieren: durch eine starke Verteidigung, Wirtschaft und Demokratie.

Tagungsleiter Roger de Weck resümierte das Wochenende mit diesen Worten: „Christiane Hoffmann und Tim Guldimann, forderten drei Wörter ein „We respect you“ als Grundlage jeglicher Außenpolitik selbst, wo es um schwerste Konflikte geht. Elisabeth Bronfen erinnerte uns daran, dass die schlimmsten Figuren bei Shakespeare reflektierter sind als Donald Trump. Roman Deininger, wenn Religion nicht Wertgrundlage ist, sondern ein politisches Instrument. Gerlinde Groitl denken wir weniger an Trump mehr an die Grundtendenzen. Norbert Frei schilderte, wie die Westbindung ein Kraftakt gewesen war und das Adenauer die Europa-Bindung immer auch als möglichen Ersatz für die Westbindung sah. Daniel Ziblatt sagte ‚Noch gibt es so viele gemeinsame Werte, noch gibt es den Westen.‘ Kai Wittaker meinte, die EU sollte Drittstaaten so etwas wie einen Handelsrahmen, der in einen Verteidigungsrahmen münden könnte, anbieten. Laura von Daniels sagte unter anderem, dass Finanzmärkte eines der mächtigsten Checks and Balances sind, oft fast mächtiger, ich überspitze ein bisschen, als die politischen Checks and Balances. Und auf Europa kommt eine neue Verantwortung zu. Wir sollten langfristig denken in Eurobonds zum Beispiel als Ausdruck davon denken. Ein Satz von vielen von Andrew B. Denison lautete: Deutschland braucht Narrative. Und diese Tagung war ein Narrativ. Und wir verdanken den Referentinnen und Referenten-Ideen, Impulse, Erkenntnisse, Einsichten. Manchmal auch Gefühle und auch viel Leichtigkeit, Humor. Und Humor, der sich verbindet mit Substanz.“

Hannah Ruopp / Dorothea Grass