
Blog-Beitrag Psychische Gesundheit fördern: eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe
Prof. Dr. Thomas EhringDie Prävention und Behandlung psychischer Störungen stehen derzeit unter starkem Druck. Angesichts geplanter Einsparungen im Gesundheitssystem wächst die Sorge, dass sich bestehende Versorgungslücken weiter verschärfen. Thomas Ehring, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der LMU München, plädiert dafür, gerade jetzt in psychische Gesundheit zu investieren.
Psychische Gesundheit wurde lange Zeit in Politik und Gesellschaft als Randthema betrachtet. Ihr Stellenwert ist inzwischen gewachsen. Das ist dringend notwendig: Wir wissen, dass knapp 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland irgendwann in ihrem Leben einmal eine psychische Störung entwickeln. Bereits im Kindes- und Jugendalter sind diese Störungen weit verbreitet.
Für die Betroffenen bedeuten psychische Störungen häufig erhebliches Leiden an den Symptomen und ihren Folgen. Sie können zudem Schule, Ausbildung und Berufstätigkeit beeinträchtigen, Beziehungen belasten und die gesellschaftliche Teilhabe einschränken. Es gibt keine umfassende Gesundheit ohne mentale Gesundheit – das ist eine wichtige Erkenntnis der letzten Jahrzehnte.
Die Folgen psychischer Störungen betreffen zugleich die gesamte Gesellschaft. So sind psychische Störungen für ca. 13 Prozent aller Krankheitskosten verantwortlich sowie für ca. 17 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage. Psychische Gesundheit hat damit auch eine erhebliche ökonomische Bedeutung.
Psychische Gesundheit in der Krise
Die gesellschaftlichen Herausforderungen der vergangenen Jahre stellen für viele Menschen eine zusätzliche psychische Belastung dar. Die Folgen der Coronapandemie, die Klimakrise, Kriege und internationale Konflikte sowie Rechtsextremismus, Rassismus und gesellschaftliche Spaltung können Ängste und Zukunftssorgen verstärken. Das betrifft insbesondere auch junge Menschen und Personen, die bereits mit psychischen Problemen leben. Es erscheint daher mehr denn je notwendig, in Prävention und Therapie psychischer Störungen zu investieren.
Aktuell ist jedoch das Gegenteil der Fall. Aufgrund steigender Kosten steht das deutsche Gesundheitssystem unter einem starken Spardruck. Vor der Sommerpause wurde im Bundestag das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz verabschiedet, das die Ausgaben im Gesundheitswesen begrenzen soll. Ist es daher in der aktuellen Situation unrealistisch oder vielleicht sogar unangemessen, Investitionen in psychische Gesundheitsförderung einzufordern?
Investitionen in psychische Gesundheitsförderung sind Zukunftsinvestitionen
Manchmal hilft in Krisensituationen ein Blick über den Tellerrand, in diesem Fall in andere Länder. In England hat vor mehr als 20 Jahren die damalige Labour-Regierung beschlossen, zusätzliche Mittel für Psychotherapie zur Verfügung zu stellen, um den Zugang zu effektiver Behandlung psychischer Störungen zu verbessern. Um die Politik dazu zu überzeugen, brauchte es das Zusammenspiel zweier Wissenschaftler: David Clark, eines Klinischen Psychologen am King’s College London, und Richard Layard, eines Ökonomen an der London School of Economics. Sie konnten zeigen, dass die Investition in die frühzeitige und effektive Behandlung psychischer Störungen kurzfristig Geld kostet, aber langfristig Kosten spart. Dies ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass Krankheitskosten in anderen Bereichen eingespart werden, sondern auch darauf, dass Menschen früher wieder arbeitsfähig werden und damit die volkswirtschaftliche Produktivität steigt. Dieses Programm ist bis heute unter dem Namen NHS Talking Therapies etabliert und wurde aufgrund der überzeugenden Ergebnisse von allen britischen Regierungen über alle Regierungswechsel hinweg unterstützt. Einige andere Länder sind dem Vorbild gefolgt, unter anderem Norwegen, Finnland und die kanadische Provinz Québec. Verbesserung des Zugangs zur Behandlung psychischer Störungen ist auf lange Sicht kostenneutral und kann sogar in manchen Fällen Kosten sparen, das ist die internationale Erfahrung.
Der Blick über die nationalen Grenzen zeigt aber auch: In vielen Ländern ist die Versorgung psychischer Störungen anders organisiert als bei uns. Einige Maßnahmen, die anderswo fest etabliert sind, spielen bei uns bisher nur eine untergeordnete Rolle. So findet Prävention psychischer Störungen hier bisher eher unsystematisch und nicht flächendeckend statt. Zudem fehlen in der Versorgung psychischer Störungen Konzepte zum Übergang zwischen verschiedenen Sektoren, zum Beispiel von stationär zu ambulant. International gut etablierte niedrigschwellige Interventionen für Betroffene sind in Deutschland häufig nicht vorhanden. Und an vielen Orten ist die Versorgung von Menschen mit komplexen Problemen nicht ausreichend etabliert.
Wir brauchen Investitionen, Innovation und echte Betroffenenbeteiligung
Gerade in der angespannten finanziellen Situation müssen wir Menschen unterstützen, die an psychischen Störungen leiden oder ein erhöhtes Risiko haben, eine solche Störung zu entwickeln. Kinder und Jugendliche verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit. Zu Recht werden deshalb Investitionen in Prävention und Therapie gefordert. Es besteht jedoch die Gefahr, dass diese Investitionen verpuffen, wenn sie nicht mit zwei weiteren Maßnahmen kombiniert werden: Innovation und Beteiligung von Betroffenen.
Wir sollten die aktuellen Herausforderungen nutzen, um die Versorgung psychischer Störungen weiterzuentwickeln und neue Wege zu erproben. Dazu gehören ein stärkerer Fokus auf Prävention sowie die frühzeitige Erkennung und Behandlung psychischer Probleme. Zudem brauchen nicht jede Patientin und jeder Patient die gleiche Art und Intensität der Behandlung. International sind niedrigschwellige und kürzere Behandlungen gut erprobt, die bei uns jedoch bisher kaum eingesetzt werden. Gleichzeitig benötigen komplexere Fälle möglicherweise intensivere Behandlungen als bisher.
Unverzichtbar ist zudem die Mitwirkung von Menschen mit eigener Erfahrung psychischer Störungen. Mit echter Beteiligung von Erfahrungsexpertinnen und -experten an diesem Prozess erhöhen wir die Chance auf gelingende Innovation.
Wenn wir Investitionen, Mut zur Innovation und echte Betroffenenbeteiligung zusammenführen, haben wir die Chance, nicht nur Menschen mit psychischen Störungen besser zu versorgen, sondern langfristig sogar Kosten zu sparen.
Hinweis
Vom 29.-31.01.2027 findet die Tagung „Generation Krise? Generation Zukunft!“ in Kooperation mit dem LMU Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie statt. Informationen zu Programm und Anmeldung finden Sie hier.
Zur Person
Prof. Dr. Thomas Ehring ist Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München, wissenschaftlicher Leiter der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz, Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor.