
Aktuelles Hallraum des Sehnens
Joachim SartoriusJoachim Sartorius zum Werk von Katerina Poladjan: Laudatio anlässlich der Verleihung des Marie-Luise-Kaschnitz-Preises der Evangelischen Akademie Tutzing an Katerina Poladjan am 31. Mai 2026.
Wenn ich Katerina Poladjan lese, stellt sich Begeisterung ein. Woher kommt sie, diese Begeisterung? Mich, den Lyriker, interessieren die meisten Romane, auch die gepriesenen, nicht sonderlich. Plots allein, so raffiniert und ausgeklügelt sie auch sein mögen, fesseln mich nicht. Der aberhundert coming-of-age- und Familiengeschichten bin ich müde geworden. Ich lasse einen Roman nur gelten, wenn er auch Sprachkunstwerk ist, wenn er in einer Sprache geschrieben ist, die neben der geläufigen Sprache ein zweites, eigensinniges, also eigenes Leben führt.
Die Sprache von Katerina Poladjan ist frisch, sie ist munter, sie kommt aus unserer Zeit und geht direkt in sie hinein. Die Motivmenge, die Fülle an Nuancen, die Abfolge der Sätze, das Auf- und Abblitzen der Bilder, ein rhythmisches Herauf- und Hinunterströmen persönlicher und fremder Gegebenheiten – das ist etwas Eigenes, Großartiges.
Ich will versuchen, präziser zu sein: Zur Sprache von Katerina Poladjan gehört die genaue Nennung (selbst das ‚vielleicht‘ in „Vielleicht Marseille“ ist sehr genau), der tranchierende Blick, der Zuneigung nicht ausschließt, gehört Lakonik, auch Witz, die Absage an ein Zuviel der Beschreibung, gehört ein auch von vielen Rezensenten hervorgehobener Sinn für das Ausgesparte. Der Leser ist aufgerufen, seine Phantasie in eine Art Fitness-Studio für die Imagination zu führen und dort ihre Kraft zu stärken. Die weißen Flecken, die auf Erforschung harren, können Pausen in einem Gespräch sein, Lücken in einer Biographie oder unerforschte Territorien. Gestatten Sie mir zu den weißen Flecken auf Landkarten eine persönliche Abschweifung:
Mein Vater war ein leidenschaftlicher Sammler von alten Landkarten. Da er längere Zeit in ‚Schwarzafrika‘, wie man im letzten Jahrhundert noch sagte, arbeitete, lag das Schwergewicht der Sammlung auf Karten von Afrika, besonders von Afrika unterhalb des Äquators. Als Junge faszinierten mich die Kartuschen, meist in den unteren Ecken dieser Karten angebracht, Kartuschen, in denen sich Elefanten, Giraffen und Antilopen räkeln. Meist sitzt ein stattlicher, dunkler Mensch auf einem Thron, auf dem Haupt eine Federkrone, die so gar nicht zu Afrika passt, und behütet die Tierwelt. Ja, diese Kartuschen faszinierten mich, doch mehr noch die großen weißen Flecken, die ganz ohne Darstellung auskamen. Stattdessen war zu lesen: HIC SUNT LEONES.
Helen, die Buchrestauratorin, die in Eriwan eine armenische Familienbibel auseinandernimmt, um sie wieder zusammenzusetzen, ist die Hauptfigur des Romans ‚Hier sind Löwen‘. Sie macht sich von Eriwan über Istanbul in den Osten der Türkei auf, nach Ordu und Kars. „Was wollen Sie in Anatolien? Sind Sie auf der Suche nach den weißen Flecken auf Ihrer eigenen Karte?“ insistiert Tarık, ein Istanbuler Freund. Er wird Helen auf ihrer Reise begleiten, bis nach Kars. Lebten Vorfahren von Helen hier? „Gemeinsam vertreiben wir die Löwen“, scherzt Tarık und meint es doch ernst.
Es gibt Stellen in diesem Roman, die dem Leser nahelegen, Zuneigung könne all die leeren Gelände vergessen lassen. So die kurze, kaum eingestandene Liebe zwischen Helen und Levon, dem Sohn der Leiterin der Handschriftenabteilung des Museums in Eriwan, einem Jazzmusiker, der für den Krieg in Bergkarabach eingezogen wird. Hier eine Episode aus dieser Liebesgeschichte:
„Reglos lag ich in seiner Umarmung, spürte seinen Atem, seine Knochen, als gehörten sie zu mir. Ungeordnet und wild erzählten wir aus unserem Leben. Fetzen flogen von Kopf zu Bauch, Hand zu Schulter, am Bein entlang zum offenen Fenster hinaus über Dächer, über Hügel, über Wolken, über Steine. Ich vergrub meine Hand in seinem Haar. Für seinen Geruch suchte ich einen Namen.“ Später wird Helen für Levon polnische Würste braten, während er Cello spielt, eingewickelt in eine geblümte Schürze. Eine unvergessliche Szene!
Hätte sich Katerina Poladjan nicht für Romane, für Prosa entschieden, wäre sie eine Dichterin geworden. Ihre Sprache – wie es auch an diesem kurzen Beispiel deutlich wurde – ihre Sprache blitzt von poetischen Einfällen, von Bildern, die lange nachwirken und einen Hallraum entfalten. Wenn poetisches Sprechen konzentriertes Sprechen heißt, knappste Botschaft aus überraschender Nähe einzelner, aufgeladener Worte – dann ist Katerina Poladjan auch hier eine Meisterin.
So heißt es von Ordu, dem Namen einer türkischen Stadt am Schwarzen Meer: „Ordu, das klang wie das Innere einer Walnuss, wie Hufe auf Sand“. – Wie Hufe auf Sand, darauf, auf solch einen Vergleich muss man erst einmal kommen!
Oder, anderes Beispiel, Helen im Archiv inmitten der alten Pergamentrollen: „Ich rieche Erde, Ei und Pilz, Holzstaub und altes Tier.“ Oder im Zugabteil, eine Erinnerung an die Strecke Wladiwostok – Moskau: „Das blasse Licht im Abteil, das Brummen der Mägen, hochgewachsene Herren mit weißen Westen und zurückgekämmten Haar, Hitze und Kälte, dampfender Tee, zarte Schuhe, exzellente Knöpfe, halbgesagte Sätze, vorüberfliegende mächtige Natur, Raum und Zeit verschwanden in den Wäldern und in den Tiefen des Baikalsees.“ Auf solche Bilderfolgen, solche Vergleiche kann nur eine Dichterin kommen. Ich deklariere hiermit Katerina Poladjan zur großen Dichterin.
Zur Sprache dieser Dichterin gehören auch die Dialoge, genauer: Poladjans Sinn für leicht verrutschte, ins Absurde gleitende Dialoge. Es fällt auf, dass die Protagonisten häufig aneinander vorbeireden, abgelenkt sind, heimgesucht von früheren Situationen. Insa Wilke hat in ihrer Würdigung des Romans „Vielleicht Marseille“ auf die Anwendung der Schnitttechnik und des abrupten Perspektivwechsels, wie wir sie aus den Filmen der Nouvelle Vague kennen, hingewiesen. Ich dachte vor allem an Szenen in Filmen von Louis Malle und Alain Resnais. Fragen und Antworten verfehlen sich, um emotionale Verschiebungen sichtbar zu machen. Es entstehen Ungewissheiten, Zärtlichkeiten, Geheimnisse. Hinter den Gesichtern von Jean Seberg, von Delphine Seyrig, von Alain Delon ahnen wir ein Hin und Her von imaginierten Antworten auf so nicht gestellte Fragen. Nur Bruchstücke dieser Antworten kommen zu Gehör, werden „geäußert“, dringen also nach außen und werden vernommen. Katerina Poladjan belässt ihren Figuren ihre Unberechenbarkeit. Warum will Ann, die Protagonistin von ‚Vielleicht Marseille‘ verschwinden? Und warum will sie nicht gefunden werden? Warum bricht Helen mutwillig, so scheint es, die Beziehung zu Levon ab? Anhaltende Rätsel.
Ich habe versucht, mich Katerina Poladjans Sprache zu nähern, den Raffinessen ihres poetischen Sprechens. Ein weiteres Thema, das ihr wichtig ist: das Sehnen, die Sehnsucht. In den Menschen, die Katerina Poladjan in ihren Romanen lebendig werden lässt, gibt es einen Grundimpetus: das Sehnen. Ein unruhiges Sehnen. In ‚Hier sind Löwen‘ heißt es von einem Mädchen: „Wenn es im Waschraum der Schule auf einen Hocker stieg, konnte sie das Meer sehen. Manchmal fuhr ein Schiff vorbei. Manchmal hörte sie die Schulglocke nicht und blieb einfach stehen und schaute aufs Meer und träumte sich nach Konstantinopel.“
Der im ganzen Werk sicherlich frappanteste Fall von fiebrigem Sehnen ist – in ‚Zukunftsmusik‘ – der Flug des alten Professors durch die Decke seines Zimmers in das All. Dieser Mitbewohner der Kommunalka hatte in seinem Zimmer – unbemerkt von seinen WG-Genossen – auf einem Podest einen Schemel konstruiert, der von vier an der Decke befestigten Sprungfedern gehalten wurde. Nun klafft in der Decke ein großes Loch. Er muss die Spannung der arretierten Federn gelöst und sich mit größter Wucht in den Weltraum katapultiert haben. Einige von uns mögen die berühmte Installation von Ilya Kabakov im Centre Pompidou gesehen haben, in der Ausstellung „Magiciens de la Terre“ im Jahre 1989. Kabakov hatte die Wohnung seines verschwundenen Helden penibel genau konstruiert. Auf die Wände klebte er Bilder von Aufmärschen mit aberhundert roten Fahnen, Konstruktionsskizzen und in Frühlingsfarben leuchtende sowjetische Landschaftsbilder, erkennbar von Kabakov selbst gemalt. Der sozialistischen Bruchbude im Pompidou entspricht die visionäre Genauigkeit, mit der Katerina Poladjan das Zimmer des Professors schildert. Janka, eine Mitbewohnerin, hatte die Tür zu dessen Zimmer geöffnet, nachdem sich auf ihr Klopfen niemand gerührt hatte, und das Tohuwabohu betrachtet. „Janka trat vorsichtig vor“, lesen wir, „und sah hinauf zu dem Loch in der Decke. Zu ihrer Überraschung sah sie den Himmel. Sie wich zurück in den Flur und schloss sorgfältig die Tür. “ Es kann doch niemand, dachte sie, einfach so davonfliegen. Doch, kann er. Der alte Professor hatte sich seinen Traum erfüllt.
Helen, die Restauratorin in ‚Hier sind Löwen‘ sehnt sich danach, die Geschichte der ihr anvertrauten Bibel zu ergründen und im Zuge ihrer Recherchen Genaueres über die grausame Deportation der Armenier und das Schicksal einzelner armenischer Familien zu erfahren. Und sehnt sich in ‚Goldstrand‘ der Regisseur Eli nicht danach, seine Lebensreise – von Bulgarien über Odessa bis nach Rom – durch Erinnerungen zu ordnen? Sein Vater, Lew, hatte am Traum eines gewaltigen sozialistischen Seebads am Schwarzen Meer mitgebaut. Ein weiteres Sehnsuchtsgebilde, das in der Wirklichkeit splittern wird. So viel Pendeln zwischen Utopie und Unglück im Werk von Katerina Poladjan. So viele Phantasmen. Manchmal scheinen ihre Romane ein einziger großer Raum des Sehnens zu sein.
Dieses Sehnen ist auf die Zukunft gerichtet, schaut aber, auf Erinnerungen gestützt, auch zurück. Katerina Poladjan hat einmal „die Zuverlässigkeit von Erinnerungen“ ein Lebensthema genannt. Wir sind, was wir erinnern, sagte schon Augustinus. Und ein großer Teil der Literatur – von Marcel Proust bis Vladimir Nabokov – scheint dieses Diktum zu bestätigen. Hierbei mag eine Rolle spielen, dass das Gedächtnis eines der wenigen Territorien ist, auf dem wir uns ausdehnen und reicher werden, aber auch etwas vormachen und schummeln können.
Gerade weil die Romane von Katerina Poladjan das Erinnern nicht einfach machen, erzählen sie uns europäische und osteuropäische Geschichte mit so viel Nuancen, so viel Neben- und Zwischentönen, wie man sie in den Geschichtsbüchern nicht erfahren kann. Sie erzählen uns vom Sehnen, aber auch von verloren geglaubten Erinnerungen wie von einem reichen, funkelnden, mitunter auch unheimlichen und Schrecken einjagenden Gewebe. Die brutale Deportation der Armenier in der Endphase des Osmanischen Reichs wird in ihrem ganzen schrecklichen Ausmaß deutlich durch das, was das junge Geschwisterpaar Hrant und Anahid auf ihrer Flucht erleiden muss. Doch schon vor ihrer Flucht erleben die beiden Brandschatzung und Feindseligkeit in Ordu. Ein Nachbar wirft einen schweren Stein in das Küchenfenster ihres Hauses. „Vorsicht, die Scherben, sagte die Mutter so leise, dass es kaum zu hören war, und wies mit dem Kinn auf die zerbrochenen Sterne unter dem Fenster. / Etwas Schreckliches ging vor, etwas, das die Kinder zum Schweigen brachte, dazu brachte, zu warten und mit fragendem Blick der Mutter zu folgen, die vorsichtig die Scherben aufsammelte, die eilig den Esel, die Ziege und die Gans aus dem Garten ins Haus holte. Noch nie waren die Tiere im Haus gewesen. Alle drängten sich um den Tisch, die Gans auf dem Tisch, der Esel und die Ziege daneben, und sie warteten.“ In diesem ungewöhnlichen Bild, das aus einem Märchen sein könnte, doch nichts als beklemmend ist, fühlen wir die erste Ankündigung eines tiefen Unglücks, Vorboten eines Schreckens, der in einen Genozid münden wird. Der Roman ‚Zukunftsmusik‘ spielt an einem einzigen Tag, dem 11. März 1985. Dass Michael Gorbatschow an diesem Tag Generalsekretär der KPdSU wurde, findet in dem Roman keine Erwähnung, doch die Bewohner der Kommunalka wittern Morgenluft, als gebe es Hoffnung auf ein Ende der bleiernen Zeit. Auf dem Schiff von Odessa nach Konstantinopel in ‚Goldstrand‘ versammelt sich die russische Bourgeoisie, die vor den Bolschewiken geflüchtet ist. Geschichte ist immer da, doch nie vordergründig. Sie zeigt sich im Verhalten einzelner Menschen, in ihren Beziehungen untereinander und in deren Verästelungen.
Marie-Luise Kaschnitz hatte in ihrer Büchner -Preisrede gesagt, sie versuche„den Blick des Lesers (..) auf die wunderbaren Möglichkeiten und die tödlichen Gefahren des Menschen und auf die bestürzende Fülle der Welt zu lenken“. Heute, da die Welt aus den Fugen geraten ist, hat das Wort „bestürzend“ eine zusätzliche bedrohliche Färbung erhalten. Der Lauf der Welt wird von Verbrechern, von Dealern und Irren bestimmt. Nicht die Fülle der Welt ist bestürzend, sondern die Missachtung des Rechts, das Ausmaß der Menschenverachtung und die Kriegslüsternheit. Und dennoch, das sagt uns Katerina Poladjan mit bewegenden Worten, müssen wir an die Kraft der Literatur glauben und ihr Vermögen stärken, eine Gegenwelt zu Willkür und Brutalität zu errichten. In ihrer Dankesrede für den Preis der Leipziger Buchmesse hatte sie an „den dissidentischen Witz in der Diktatur“ erinnert, an die Subversion und an den Geist, der daraus entstanden ist. Liebe Katerina, ich vermute, ich darf hier im Namen aller in diesem Saal Versammelten sagen: Wir teilen Deinen Glauben an die Macht der Literatur, dass sie da ist, auf dieser Welt, dass sie aus Kladden und Schubladen und Büchern zu uns spricht und dass sie – trotz aller Gegenbeweise – diese Welt verändern kann. Denn das Mutige, das Subversive, das Schöne wird unter der schreibenden Hand niemals sterben.
Hinweis: Dieser Text ist am 15.6.2026 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen (hier den Online-Link abrufen).
Bild: Katerina Poladjan und Joachim Sartorius am 31. Mai 2026 in der Evangelischen Akademie Tutzing bei der Verleihung des Marie-Luise-Kaschnitz-Preises. (Foto: Haist / eat archiv)


