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Katerina Poladjaninfo Icon© Haist / eat archiv

Aktuelles Katerina Poladjan mit Kaschnitz-Literaturpreis geehrt

Dorothea Grass zeit info 01. Juni 2026

„Manchmal scheinen ihre Romane ein einziger großer Raum des Sehnens zu sein“ – so Joachim Sartorius über das Werk von Katerina Poladjan, die von der Evangelischen Akademie Tutzing soeben den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis erhalten hat.

Die deutsche Schriftstellerin Katerina Poladjan ist am Sonntag, 31. Mai 2026, mit dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing ausgezeichnet worden.

Die Jury – bestehend aus Thomas Geiger (ehem. Literarisches Colloquium Berlin), Tanja Graf (Literaturhaus München), Dr. Hajo Steinert (Literaturkritiker und Autor) und der Autorin Iris Wolff, Preisträgerin 2021) – zog eine direkte Parallele zur Namensgeberin des Preises. „‘Künstlerische Wahrheit ist Treue zu sich selbst und zu seiner Zeit.‘ – Dieses Diktum von Marie Luise Kaschnitz ist treffend für das bisherige Gesamtwerk von Katerina Poladjan.“, so die Begründung. Weiter heißt es:  „Ihr 2025 erschienener Roman ‚Goldstrand‘ nimmt Bezug auf einen ehemaligen Sehnsuchtsort am Schwarzen Meer, überzeugt mit einer raffinierten Erzählweise und einer in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur einzigartigen Bildsprache. Katerina Poladjan schreibt aus dem eigenen Lebenserfahrungsschatz heraus und mittels einer an der Filmkunst geschulten Ästhetik des Schnitts und einer Erzählungsweise der extremen Verknappung. So entwirft sie ein breit gefächertes, europaoffenes Handlungsgeflecht voller Verluste und Aufbrüche in eine Gegenwart, in der Hoffnung und Utopie noch das Sagen haben.“

Die Laudatio auf Katerina Poladjan hielt der Lyriker, Jurist, Diplomat, Festspielintendant und Übersetzer Joachim Sartorius. Die Sprache Poladjans komme „aus unserer Zeit und geht direkt in sie hinein.“, so Sartorius. „Die Motivmenge, die Fülle an Nuancen, die Abfolge der Sätze, das Auf- und Abblitzen der Bilder, ein rhythmisches Herauf- und Hinunterströmen persönlicher und fremder Gegebenheiten – das ist etwas Eigenes, Großartiges.“ Und weiter: „Ihre Sprache blitzt von poetischen Einfällen, von Bildern, die lange nachwirken und einen Hallraum entfalten.“ Poladjan habe einen „Sinn für leicht verrutschte, ins Absurde gleitende Dialoge.“ Zwischen den Figuren entstünden dadurch Ungewissheiten, Zärtlichkeiten und Geheimnisse.

Als zentrale Motive benannte Sartorius das Sehnen und die Sehnsucht, verbunden mit Erinnerungen und Zukunftsvisionen. Er sagte: „So viel Pendeln zwischen Utopie und Unglück im Werk von Katerina Poladjan. So viele Phantasmen. Manchmal scheinen ihre Romane ein einziger großer Raum des Sehnens zu sein. Dieses Sehnen ist auf die Zukunft gerichtet, schaut aber, auf Erinnerungen gestützt, auch zurück.“

Poladjan bestärke mit ihrem Werk die Leserinnen und Leser darin, an die Kraft der Literatur zu glauben und stärke ihr Vermögen „eine Gegenwelt zu Willkür und Brutalität zu errichten.“

Auf die Aktualität und die Wirkung von Literatur ging die prämierte Autorin in ihrer Dankesrede ebenfalls ein: „Wie durchdringen wir den Lärm?  Vielleicht mit Stille. Wie begegnen wir der Angst? Vielleicht, indem wir nach allen Regeln der Kunst den Teufel an die Wand malen. Dann können wir vielleicht manchmal die Welt aus den quietschenden Angeln heben.“

Katerina Poladjan sprach auch über das Werk von Kaschnitz – und die Bedeutung für ihr Schreiben: „Es geht immer um alles. Wie in den Texten von Marie Luise Kaschnitz. Es geht um alles und die unfassbare Grenze zwischen dem Sein und dem Nicht-mehr-sein.“ Sie finde in den Texten von Kaschnitz Trost – durch deren Sprache, ihre Trauer, ihre Komik, „ihre verspielte Leichtigkeit als Produkt künstlerischer Anstrengung.“ Bei Kaschnitz gebe es keine klare Grenze zwischen dem Wirklichen und dem Möglichen. Der Trost daran: „Die Sphären sind nicht antagonistisch gegeneinander abgegrenzt, sondern befruchten sich gegenseitig. Wirklichkeit ist nicht gegeben und muss nicht noch gedeutet werden. Die Deutung selbst erzeugt Wirklichkeit.“

In seiner Begrüßung war Akademiedirektor Udo Hahn auf die historische Verbindung zu Marie Luise Kaschnitz eingegangen. Im September 1951 hatte sie während der Tagung „Wozu Dichtung?“ erstmals aus dem Gedichtzyklus vorgetragen, den sie später den „Tutzinger Gedichtkreis“ nannte. Darin äußerte sie Kritik an der Nachkriegszeit sowie ihre Klage gegen Gott und die Gesellschaft „ob der Unmenschlichkeit, der Verrohung, der Kälte, der wachsenden Technisierung, Einsamkeit und Hilflosigkeit, die das Leben der Menschen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren beherrschte.“

Seit 1984 verleiht die Akademie den Literaturpreis, der nach Kaschnitz benannt wurde, an Literatinnen und Literaten für herausragende Leistungen, „die sich durch ihren Inhalt und ihre Sprachkraft auszeichnen“, so Hahn. Die Akademie wolle mit dem Preis „einen Beitrag leisten, kulturelle Vielfalt in unserem Land zu sichern.“ Hahn weiter: „Vielfalt ist auch ein Ausdruck von Freiheit. Und für Freiheit müssen wir uns gemeinsam stark machen. Kultur braucht Freiheit – mehr denn je.“ Auf diesen Freiraum zu bestehen sei das Lebenselixier einer Demokratie.

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Bild: Katerina Poladjan im Park der Evangelischen Akademie Tutzing

Bilder der Preisverleihung

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Katerina Poladjan und Udo Hahninfo Icon© Haist/eat archiv

Katerina Poladjan und Udo Hahn im Musiksaal der Evangelischen Akademie Tutzing am 31.05.2026 bei der Verleihung des Marie-Luise-Kaschnitz-Literaturpreises.

Marie-Luise-Kaschnitz-Preis 2026: Jury und Preisträgerin Katerina Poladjaninfo Icon© Haist / eat archiv

Die Jury des Marie-Luise-Kaschnitz-Preises 2026 mit der Preisträgerin sowie dem Laudator. V.l.n.r.: Dr. Hajo Steinert, Thomas Geiger, Katerina Poladjan, Iris Wolff, Tanja Graf, Joachim Sartorius.

Joachim Sartoriusinfo Icon© Haist / eat archiv

„Ihre Sprache blitzt von poetischen Einfällen, von Bildern, die lange nachwirken und einen Hallraum entfalten.“ – so Laudator Joachim Sartorius.

Katerina Poladjan und Beteiligte an der Tagung zur Verleihung des Marie-Luise-Kaschnitz-Preises 2026 im Schlosspark der Evangelischen Akademie Tutzinginfo Icon© Haist / eat archiv

Die Verleihung des Literaturpreises war eingebettet in eine Tagung über das literarische Schaffen der Preisträgerin. Das Bild zeigt Katerina Poladjan und Beteiligte an der Tagung „Zukunftsmusik – Katerina Poladjans Erzählwelten“.

V.l.n.r.: Prof. Dr. Elke Shoghig Hartmann (Institut für Osmanistik und Turkologie FU Berlin), Jazzmusikerin Angelika Niescier, Regisseur Henning Fritsch, Katerina Poladjan, Schauspieler Thomas Loibl, Laudator und Schriftsteller Joachim Sartorius sowie Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Steierwald.