
Blog-Beitrag Nicht Gott, nicht Person – Macht![1]
Prof. Dr. Peter DabrockDie Künstliche Intelligenz stellt Grundannahmen zu Anthropologie, Recht und Theologie neu infrage. Der Theologe und Ethiker Peter Dabrock von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg schreibt: „Wo KI als Heilsversprechen auftritt, ist Entzauberung geboten.“ Er fordert, die KI-Debatte auf das Thema Macht zu lenken.
Die Debatte über Künstliche Intelligenz liebt die großen Fragen: Wird die Maschine denken? Wird sie fühlen? Wird sie eines Tages Rechte beanspruchen? Oder wächst aus der Cloud eine technische Vorsehung heran – allwissend, allgegenwärtig, allmächtig?
Solche Fragen sind nicht belanglos. Wenn Maschinen Sprache erzeugen, Diagnosen stellen, Kriegsziele identifizieren, Einsamkeit simulieren und in humanoiden Robotern Körper bekommen, geraten anthropologische, rechtliche und theologische Grundannahmen unter Druck. Und doch lenkt die Faszination vom Entscheidenden ab. Die zentrale Frage lautet nicht: Wird KI Mensch? Auch nicht: Wird KI Gott? Sondern: Wer gewinnt Macht über wen?
Keine Offenbarung aus der Cloud
KI fällt nicht vom Himmel. Sie ist keine neutrale Intelligenz aus einer unschuldigen Cloud, sondern eingebettet in Rechenzentren, Plattformen, Datenökonomien, militärische Strategien, geopolitische Konkurrenz, Finanzmacht und politische Programme. Sie ist ein soziotechnisches System. Wer über Daten, Modelle, Chips, Cloud-Infrastrukturen und Nutzungsbedingungen verfügt, verfügt über Wahrnehmungsräume, Kommunikationswege, Verhaltensprognosen und Entscheidungsarchitekturen.
Darum ist es gefährlich, KI religiös zu überhöhen. Zu affirmative Rede vom „neuen Gott“ mystifiziert, was politisch analysiert werden muss. Nicht eine göttliche Superintelligenz bedroht Freiheit und Demokratie, sondern eine irdische Machtkonzentration: die Verbindung von Tech-Konzernen, Finanzmacht, Sicherheitsinteressen und Politik, die demokratische Kontrolle eher als Hindernis denn als Bedingung legitimer Gestaltung betrachten.
KI ist kein metaphysisches Rätsel. Sie ist ein Machtverstärker.
Technische Vorsehung, profane Kontrolle
Wenn KI-Systeme mit Daten arbeiten, Muster erkennen, Prognosen erzeugen und Entscheidungen vorbereiten, kann dies in der Medizin lebensrettend sein, in Verwaltung, Verkehr oder Landwirtschaft Effizienzgewinne ermöglichen. Dieselbe Logik kann aber auch Menschen klassifizieren, Verhalten manipulieren, Risiken zuschreiben, Aufmerksamkeit lenken, Öffentlichkeit verzerren oder militärische Gewalt automatisieren.
Die Ambivalenz liegt also nicht am Rand, sondern im Zentrum der Technologie. KI kann Erkenntnis vorbereiten; sie kann aber auch Scheinevidenzen erzeugen, Vorurteile automatisieren und präformiert Zukunft nach Mustern der Vergangenheit. Wo Korrelationen als Kausalität ausgegeben wird, Abweichungen verdächtig erscheinen und Prognosen zu sozialen Urteilen gerinnen, wird Freiheit umformatiert.
Hier berührt KI eine theologische Tiefenschicht. Hier wirkt KI scheinbar wie göttliche Vorsehung. Doch christlich verstanden ist Vorsehung nicht kalte Totalberechnung, sondern die Hoffnung, dass die Welt von Gott gehalten wird. KI als solche (es sei denn, es wurde einprogrammiert) dagegen kennt kein Wohlwollen. Sie begleitet nicht. Sie vergibt nicht. Sie erlöst nicht. Sie rechnet.
Letztes und Vorletztes unterscheiden
Deshalb ist die Bonhoeffer’sche Unterscheidung von Letztem und Vorletztem so wichtig. Wo KI als Heilsversprechen auftritt, ist Entzauberung geboten. Wer formuliert Versprechungen über ihre Wohltaten? Wem nützt es? Wer zahlt den Preis? Wer wird in eine Ordnung eingepasst, die er selbst nicht durchschaut?
Die Machtasymmetrie zeigt sich darin, dass die meisten Menschen KI nutzen, ohne über ihre Bedingungen zu verfügen. Sie liefern Daten, kontrollieren aber nicht die Modelle. Sie erzeugen Trainingsmaterial, besitzen aber nicht die Plattformen. Sie werden bewertet, kennen aber nicht die Kriterien. Sie sollen vertrauen, können aber kaum prüfen.
Auch die Sorge, der Mensch könne „überflüssig“ werden, muss genauer gefasst werden.
Überflüssig gemacht werden bestimmte Tätigkeiten, bestimmte Gruppen, bestimmte Formen von Urteilskraft, vielleicht auch bestimmte demokratische Verfahren, wenn Effizienz, Skalierung und Automatisierung zu den einzigen oder zumindest zu den ständig priorisierten Maßstäben werden. Die Gefahr besteht weniger darin, dass KI uns als Gattung ersetzt. Sie besteht darin, dass sie manche Menschen(-gruppen) entmachtet, andere aufwertet und die Bedingungen gemeinsamer Selbstbestimmung unterläuft. Sie reorganisiert Macht, Arbeit, Anerkennung und Verantwortung. Und deshalb gibt es auch solche Menschen und Organisationen, die in diesem Machtspiel massiv, um nicht zu sagen: schwer korrigierbar von ihr profitieren.
Schuld, Zurechnung, Verantwortung
Besonders gefährlich wird es, wenn Verantwortung verdampft. Wer ist verantwortlich, wenn ein KI-System diskriminiert? Die Programmierer? Das Unternehmen? Die Anwenderin? Die Behörde? Der Datensatz? Das Modell? Diese Verantwortungsverschiebung ist kein technisches Detail, sondern eine ethische Schlüsselfrage. Wo niemand zuständig ist, bleiben Betroffene allein zurück – ohne Erklärung, Korrektur oder Wiedergutmachung.
Darum reichen Schlagworte wie Transparenz, Fairness, Autonomie, Nicht-Schädigung, Gerechtigkeit und Erklärbarkeit nicht aus. Sie sind wichtig, bleiben aber schwach, wenn sie nicht in Machtfragen übersetzt werden: Transparenz für wen? Fairness nach welchen Maßstäben? Autonomie unter welchen Abhängigkeitsbedingungen? Erklärbarkeit gegenüber welchen Betroffenen? Welche Gerechtigkeit angesichts der globalen Datenökonomie? Vertrauen in KI, wie immer zu hören, wird es nur geben, wenn Verantwortung zugerechnet werden kann, Techniken robust gestaltet werden, der ganze Verfahrens- und Lebensprozess plural besetzter Aufsicht, möglichst demokratische Kontrolle, effektiven Haftung ausgesetzt wird und der proportional gute rechtliche Rahmen in Europa wie AI Act und Digital Service Act auch konsequent – selbst gegenüber den großen Tech-Konzernen – umgesetzt wird.
Freiheit braucht Gegenmacht
Digitale Souveränität (gerade in und für Europa) ist deshalb keine industriepolitische Nebensache, sondern eine freiheitsethische Kernfrage. Eine Gesellschaft ohne eigene Produktionsressourcen, Infrastrukturen, Entwicklungs-, Anwendungs- und Prüfkapazitäten bleibt abhängig. Abhängigkeit wird politisch, ökonomisch, militärisch und geheimdienstlich gefährlich, wenn entscheidende Infrastrukturen von Akteuren kontrolliert werden, deren Interessen nicht mit demokratischer Freiheit und Menschenwürde zusammenfallen müssen. Man muss nicht mit der Apokalypse spielen, um nicht die Dramatik im Hier und Heute nüchtern wie alarmiert zugleich zu diagnostizieren.
KI: nicht Gott, aber Machtverstärker
Die – auch theologisch-ethisch zu stellende – Frage lautet also nicht: Wird KI allmächtig? Ist KI der „neue Gott?“ Sondern: Lassen wir zu, dass Menschen mit Hilfe von KI Machtkonzentrationen aufbauen, die demokratisch kaum noch einholbar sind? Wenn wir über KI sprechen, sollten wir deshalb weniger nach Robotern mit Personenstatus und weniger nach Superintelligenzen mit Gottesprädikaten fragen. Wir sollten nüchterner, politischer, unbequemer fragen: Welche Freiheitsräume werden eröffnet? Welche Abhängigkeiten vertieft? Welche Öffentlichkeiten zerstört? Welche Ungleichheiten stabilisiert? Welche Gegenmächte aufgebaut?
KI ist nicht Gott. KI ist auch nicht einfach der neue Mensch. KI ist ein hochambivalenter Machtverstärker – mit der Chance zu Gutem, aber auch mit erheblichem, oft unkontrollierten Kontroll- und Destruktionspotenzial. Genau darin liegt ihre ethische Brisanz. Am Umgang mit ihr entscheidet sich nicht nur, was Technik kann, sondern ob demokratische Gesellschaften noch fähig sind, ihre Zukunft demokratisch, rechtsstaatlich und menschenwürdebasiert zu gestalten.
[1] Der Text verarbeitet Gedanken verschiedenen Beiträgen meinerseits, die ich mit Hilfe von ChatGPT redaktionell überarbeitet habe, u.a.: Geheimnis, Freiheit, Verzeihen. Warum Big Data an die Lehre von der Vorsehung erinnert, in: Zeitzeichen 15 (11/2014), S. 20-23; „Prüft aber alles und das Gute behaltet!“ Theologisches und Ethisches zu Künstlicher Intelligenz, in: Theologische Literaturzeitung 147 (2022), Sp. 636-650; KI, Biotech, Singularität. Trans- und Posthumanismus als ‚große Erzählung‘?, in: Berliner Theologische Zeitschrift 42 (2025), S. 7-30; Fünf nach zwölf. “Embracing Hopelessness” im digitalen Neokolonialismus (Akademie-Kurzanalyse 1/2025). Tutzing 2025 (URL: https://www.apb-tutzing.de/download/publikationen/kurzanalysen/Akademie-Kurzanalyse_2025_01_UA.pdf).
Hinweis
Peter Dabrock hält den Eröffnungsvortrag der Tagung „Gott und Mensch im Kosmos der KI“ vom 26. – 28. Juni 2026 in der Evangelischen Akademie Tutzing. Die Tagung findet statt in Kooperation mit dem Beauftragten für Ethik im Dialog mit Technologie und Naturwissenschaft der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.
Alle Informationen zu weiteren Referierenden, Programm und Anmeldung finden sich unter diesem Link.
Über den Autor
Prof. Dr. Peter Dabrock ist seit 2010 Professor für Systematische Theologie (Ethik) am Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und war von 2016 bis 2020 Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ethik technischer und (bio-)wissenschaftlicher Durchdringung menschlicher Lebensformen (von Keimbahnintervention bis KI). Dabei interessieren ihn besonders Fragen von sozialer Gerechtigkeit, Menschenwürde und Leiblichkeit.