icon button icon button Blog
Julia Wunderlich, Studienleiterin im Jungen Forum der Evangelischen Akademie Tutzing, im September 2026 im Park der Akademie.info Icon© dgr/eat archiv

Blog-Beitrag 50 Jahre Beutelsbacher Konsens

Julia Wunderlich zeit info Oktober 2026

Im November 1976 fand im beschaulichen Remstal eine Fachtagung statt, die Bildungsgeschichte schreiben sollte. 50 Jahre später gelten die Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses auch über den Politikunterricht an Schulen hinaus. Hier schreibt Junges Forum-Studienleiterin Julia Wunderlich, was die Prinzipien für die Bildungsqualität bedeuten.

 

Tagungen zu konzipieren, durchzuführen und zu evaluieren – das ist meine tägliche Arbeit als Studienleiterin. Die Evangelische Akademie Tutzing ist seit bald 80 Jahren eine Bildungsakteurin – mit bayernweitem Auftrag, bundesweit und international anerkannt. Tagungen, die ein Wochenende umfassen, spielen neben Studientagen und anderen Praxisformaten eine zentrale Rolle. Das Ziel: Meinungsbildung möglich zu machen – zum Selberdenken anleiten, die eigene Urteilskraft stärken, politische Themen diskutieren, streiten und Lösungen finden wollen. Im Jungen Forum biete ich ebenso Tagungen an, speziell für Menschen zwischen 16 und 27 Jahren. Zudem konzipiere ich spezielle Studientage für junge Menschen im Kindergartenalter, für Grundschulkinder, für Zielgruppen wie Konfirmand:innen oder für junge Lehrkräfte, also Young Professionals. Das Gemeinsame ist die Didaktik der politischen Bildungsveranstaltungen. In der politischen (Jugend-) Bildung setzt der Beutelsbacher Konsens den Rahmen. Im November 2026 feiert dieses didaktische Prinzip ihr Jubiläum. Seit 50 Jahren prägt der Beutelsbacher Konsens die politische Bildungsarbeit, ob für Erwachsene, junge Erwachsene oder Kinder.

Die „intellektuelle Gründung“ der Bundesrepublik im Jahr 1976

Der Beutelsbacher Konsens ist das Grundprinzip für die politische Bildung. Politikdidaktiker verfassten dieses Regelwerk im Ort Beutelsbach in Baden-Württemberg im Jahre 1976. Die damalige politische Polarisierung seit 1968 wirkte sich auch auf die politische Bildung aus, so der Politikwissenschaftler und christliche Sozialethiker Bernhard Sutor (1). Der Streit um die politischen Positionen von links bis rechts nahm zu. Es ging um die „intellektuelle Gründung“ der Bundesrepublik Deutschland, auch mit der Wirkung der Frankfurter Schule, so Sutor. Bei der damaligen Polarisierung um linke und rechte Positionen erinnert manches an heutige Entwicklungen.

Mitte der 1970er Jahre lautete die Frage: Wie lässt sich zwischen konservativer und linker Didaktik ein Konsens finden? In der Situation einer verhärteten Frontstellung der Konzepte lud Siegfried Schiele, damals neu gekürter Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Vertreter aus den zerstrittenen „Lagern“ im November 1976 in den schwäbischen Ort Beutelsbach zu einer Tagung ein. Sie  diskutierten, wie politische Themen in der Bildung aufbereitet sein sollten.

Drei Gestaltungsprinzipien entstanden daraus. Sie sollen verhindern, dass Unterricht zur Indoktrination wird. Der Beutelsbacher Konsens wurde für den Schulkontext formuliert, kam aber in den Jahren darauf in der gesamten politischen Bildungungslandschaft zur Anwendung – unabhängig  vom Alter der Lernenden. Die drei Gestaltungsprinzipien für politische Bildung nach dem Beutelsbacher Konsens sind (2):

1. Überwältigungsverbot (Indoktrinationsverbot): Lehrkräfte dürfen Schüler:innen nicht mit ihrer Meinung überrumpeln. Das Ziel muss sein, Schüler:innen zu befähigen, sich ein eigenständiges Urteil zu bilden.

Auch im außerschulischen Bildungsbereich gilt dieses Prinzip. In Veranstaltungen des Jungen Forums der Akademie bedeutet das Überwältigungsverbot für mich ganz konkret zum Beispiel, Tagungen so zu moderieren, dass meine persönliche politische Meinung außen vor bleibt. Kein Teilnehmer, keine Teilnehmerin soll sich bevormundet fühlen.

2. Kontroversitätsgebot: Wissenschaft und Politik sind komplex. Deshalb gibt es zu allen betreffenden Themen kontroverse Diskussionen. Diese Kontroversität muss sich auch in der Bildung abbilden, so dass immer verschiedene Positionen und Sichtweisen aufgezeigt und angeboten werden.

In meiner Arbeit bedeutet das: Tagungen dürfen keine versteckte Agenda haben. Es geht darum, dass Debatten, etwa über die Modernisierung des Wehrdienstes, von verschiedenen Seiten beleuchtet werden. Ich achte darauf, dass Vertreter.innen unterschiedlicher Institutionen oder Gruppierungen mit verschiedenen Funktionen und Sichtweisen eingeladen werden. Dann ist eine Tagung kontrovers und ausgewogen.

3. Schüler.innenorientierung (Partizipationsorientierung): Die Lernenden sollen in den Bildungsangeboten befähigt werden, die jeweilige politische Situation zu analysieren und dadurch ihre eigenen Interessen und Bedarfe heraus zu arbeiten. Das Ziel ist Selbstwirksamkeit, damit Menschen sich in politische Debatten einbringen und eigene Interessen vertreten können.

Die Partizipationsorientierung ist ein zentraler Aspekt für mich. Meine Zielgruppe für die Tagungen und Veranstaltungen in der Evangelischen Akademie Tutzing ist jung. Das bedeutet für mich, viel Diskussionsraum anzubieten. Vor allem Workshops und praktische Einheiten, wie politisches Improvisationstheater, das Schreiben eigener Poetry Slam-Texte oder Comics zu politischen Fragen, können junge Menschen motivieren, eigene Wege zum politischen Mitgestalten zu finden und diese auch zu gehen.

Die Kunst, anderer Meinung zu sein

Mich beeindruckt am Beutelsbacher Konsens, wie in aufgeheizten Zeiten 1976 die Verständigung gesucht wurde. Der Dissens lag und liegt in Wissenschaft und Politik in der Natur der Sache. Und damit auch in der politischen Bildung. Laut Bernhard Sutor ging es im Beutelsbacher Konsens um „Regeln für die pädagogische Praxis, die unter einem öffentlichen Auftrag steht“ (2,3). Dies war der Minimalkonsens.

Polarisierung ist kein neues Phänomen. Dissens ebenso wenig. Meinungsvielfalt ist inmitten der breiten politischen Gemengelage gewollt und nötig. 50 Jahre nach dem Verfassen des Beutelsbacher Konsenses ist er für mich relevanter denn je. Es bleibt eine Kunst, anderer Meinung zu sein. Und es ist eine Kunst, die alle lernen können.  Bei Meinungsverschiedenheiten trotzdem und gerade deshalb im Gespräch zu bleiben und einen Konsens zu finden – das ist die Vollendung dieser Kunst.

Zuversicht statt Angst

Neben den Gestaltungsprinzipien der politischen Bildung sind Räume für den Diskurs nötig. Räume, die Sicherheit geben können Unsicherheit in politischen Themen aushaltbar machen. Ob in Schulen, Universitäten oder außerschulischen Räumen wie denen unserer Akademie, bieten diese Räume Sicherheit zum freien Denken. Dissens und Krisen können Ängste auslösen. Sichere Räume können umso mehr dafür sorgen, dass Zuversicht und Wege der Mitgestaltung, Lösungen und Alternativen sichtbar werden.

Der Beutelsbacher Konsens ist für mich ein relevantes Werkzeug, um Bildungsqualität gerade in herausfordernden Zeiten hochzuhalten – für eine resiliente Gesellschaft. „Alles wird gut“ lautet der Titel eines Jugend-Studientags im Jungen Forum im Januar 2027. Mit rund 80 Jugendlichen werden wir Themen wie Zuversicht, Mut und Optimismus aus politischer  und interreligiöser Perspektive  auf den Grund gehen.  Der Titel „Alles wird gut“ soll für eine Haltung  stehen, die die den Teilnehmer:innen als Motivation in unsicheren Zeiten für das neue Jahr mitnehmen können.

Quellen:

(1) Bernhard Sutor: Politische Bildung im Streit um die „intellektuelle Gründung“ der Bundesrepublik Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung/bpb: Reihe Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 2002

(2) Online-Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung: „Beutelsbacher Konsens“ https://www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/auftrag/51310/beutelsbacher-konsens/, 07.04.2011

(3) Siegfried Schiele/Herbert Schneider (Hrsg.): Konsens und Dissens in der politischen Bildung, Stuttgart 1987

Die Autorin ist Studienleiterin für Jugendbildung und Jugendpolitik (Junges Forum) an der Evangelischen Akademie Tutzing.

Bild: Studienleiterin Julia Wunderlich gab im September 2026 während des Tags der offenen Tür Einblicke in ihre Arbeit.

Kommentar verfassen

Die Regeln zum Kommentieren sind mir bekannt.

Meinen Namen, E-Mail und Website in diesem Browser speichern, bis ich wieder kommentiere.

Mehr zur Arbeit des Jungen Forums